Leseprobe (PDF Kinderbuch - Jugendbuch): 23-Das Geheimnis von Schloss Drachenfels

Band 23 - Das Geheimnis von Schloss Drachenfels
Ingo hat bei einem Preisausschreiben einen Ferienaufenthalt gewonnen. So freuen sich Georg, Ingo, Lisa und Enzo darauf, ihre Herbstferien in einem Schlosshotel im Dahner Felsenland zu verbringen. Doch die Kinder scheinen im Schloss nicht willkommen zu sein. Irgendetwas war hier faul. Als die Kinderdetektive einen mysteriösen Fund machen, gehen sie der Sache nach und geraten in ein aufregendes Abenteuer.

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1. Eine gelungene Überraschung

Dicke graue Wolken zogen am Vormittag über den Himmel der Pfälzer Kurstadt Bad Bergzabern. Ein kühler Wind fegte das goldene Laub von den Bäumen, das sich überall auf den Straßen, Gehwegen und Vorgärten verteilte. Georg, Lisa und Enzo saßen auf Ingos Bett im gemütlich warmen Zimmer. Erwartungsvoll schauten sie Ingo zu, der an seinem Schreibtisch saß und an seinen Klapprechner arbeitete.

Ingo zuckte ratlos mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wo wir unsere Ferien verbringen sollen.«

»Bitte was? Wie kann das sein?« Lisa wunderte sich sehr. »Bisher hattest du doch immer einen tollen Platz gefunden, wo wir tolle Ferien verbringen konnten?! Was ist denn diesmal schief gelaufen?«

»Nichts ist schief gelaufen. Natürlich habe ich einen Platz gefunden.« Ingo lächelte zufrieden. »Ich habe sogar mehrere Ideen und kann mich nur noch nicht entscheiden.«

»Lass doch mal hören«, forderte Georg seinen Bruder auf. »Wir können ja mitentscheiden.«

»Aber alles, was anstrengend klingt, kannst du weglassen«, bat der mollige Enzo. »Ich möchte nämlich schöne Herbstferien verbringen und keinen Marathon, Gewaltmarsch oder Wettlauf veranstalten.«

»Also gut.« Ingo tippte auf seinem Klapprechner. »Hier hätten wir unser Rebhaus in Neustadt … Auch gut wäre es, die Ferien bei Enzos Tante in Speyer zu verbringen, falls sie es uns erlaubt. Dann wäre da noch die Möglichkeit, die Ferien in einem Schlosshotel im Dahner Felsenland zu verbringen, wofür ich die Tickets bei einem Preisausschreiben gewonnen habe.«

»Schlosshotel?«, riefen alle wie aus einem Mund.

»Machst du Witze?«, konnte es Georg nicht glauben. »Hast du wirklich Tickets für Ferien in einem Schlosshotel?«


 

Ingo sah seinen Bruder ernst an. »Siehst du mich lachen? Selbstverständlich habe ich Tickets.«

»Ferien in einem Schloss wären wundervoll, aber du lügst doch wie gedruckt, Ingo«, war Enzo sicher. »Gib zu, du hast nichts gewonnen. Wir haben bestimmt von diesem Schlosshotel einen Auftrag als Detektive bekommen.«

»Hurra«, jubelte Georg. »Wir haben einen neuen Auftrag.«

»Klasse. Um was geht es diesmal?«, interessierte sich Lisa.

Ingo kramte in seiner Schreibtischschublade, zog einen Zettel hervor und überreichte ihn Georg, der daraufhin stutze. »Ist das eine Geheimbotschaft? Da sind nur Tabellen mit Zahlen drauf.«

»Dreh ihn um«, sagte Ingo, was Georg auch tat.

Georg hob verblüfft die Augenbrauen. »Da sind Fragen drauf. Unter anderem: Wie nennt man den Strahlenkranz der Sonne? Hilf mir bitte auf die Sprünge und übersetze die Botschaft, Ingo. Ich stehe wohl gerade auf der langen Leitung.«

Ingo lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Korona lautet die Antwort. Es ist keine Botschaft. Das ist das Preisausschreiben, das ich ausgefüllt und eingesendet hatte.«

Enzo klatschte begeistert in die Hände. »Du hast wirklich nicht gelogen? Na dann lasst uns mal ruhige Ferien in einem Schlosshotel verbringen.«

»Ach so.« Georg legte den Zettel auf den Schreibtisch und wirkte etwas enttäuscht. »Egal. Wir können das Schloss erkunden und das wird ein richtig tolles Abenteuer.« Seine Miene erhellte sich und ein Lächeln stahl sich um seine Mundwinkel.

»Du bist der Beste, Ingo!«, rief Lisa verzückt. »Ein Schlossabenteuer sind die besten Ferien, die ich mir je hätte wünschen können!«


 

Georg, Lisa und Enzo alberten herum. Sie tätschelten Ingo anerkennend die Schulter, nahmen sich an den Händen und tanzten freudig im Zimmer umher.

Es dauerte nicht lange, bis Frau Seifert an die Tür klopfte und hereinlugte. »Man kann euch bis runter in die Küche hören. Wird hier eine Party gefeiert?«

»Sozusagen, Mama«, erwiderte Lisa. »Wir werden unsere Ferien auf einem Schloss im Dahner Felsenland verbringen.«

»Ingo hat den Aufenthalt bei einem Preisausschreiben gewonnen«, ergänzte Georg. »Ist das nicht toll?«

Frau Seifert verzog die Mundwinkel. »Ach wirklich? Das ist doch wieder so ein erfundenes Preisausschreiben, weil ihr einen Auftrag als Detektive dort habt. Das wäre nicht das erste Mal, wo ihr mir eine Ausrede auftischt. Hab ich recht?«

»Ja, Frau Seifert«, antwortete Enzo. »Sie haben recht, es wäre nicht das erste Mal. Diesmal ist es aber wahr.«

Lisa reichte ihrer Mutter den Zettel mit den Preisfragen. »Hier! Überzeug dich selbst, Mama. Wir konnten es erst auch nicht glauben.«

Die Mutter musterte den Zettel und atmete hörbar durch. »Gut. Da bin ich wirklich beruhigt. Papa wird euch sicherlich hinfahren, wenn ihr ihn darum bittet.«

So war es auch. Herr Seifert, der Vater der drei Geschwister Lisa, Georg und Ingo erklärte sich bereit, sie zu fahren, und so machten sie sich an die Arbeit, ihre Sachen zu packen. In Windeseile wuselten die Kinder herum. Es wurde gerufen, geredet und gesungen. Schranktüren, Schubladen und Zimmertüren wurden fast im Minutentakt geöffnet und zugeschlagen. Erst nach etwa einer Stunde kehrte endlich Ruhe ein, denn die Koffer waren gepackt und standen im Flur neben der Haustür zur Abreise bereit. Ganz obenauf hatten sie ihre Drachen bereitgelegt. Denn sie wollten, trotz Ferien auf dem Schloss, dieses Jahr die tollen Herbststürme nutzen, um ihre neuen Drachen steigen zu lassen.


 

Natürlich hatte Frau Seifert es mit den Kindern wiedermal gut gemeint und ihnen einen Korb voller Proviant eingepackt, damit es ihnen ja an nichts mangeln sollte, worüber sich besonders Enzo sehr freute. Eine kleine Stärkung war ihm zu jeder Zeit sehr willkommen. Gerade dann, wenn es sich um Frau Seiferts selbst gemachtes Apfelmus oder Pflaumenmus handelte, dem er nicht widerstehen konnte.

»Vielen Dank, Frau Seifert.« Enzo schleppte den Korb zum Auto und lud ihn in den Kofferraum.

Schließlich luden die Kinder ihr gesamtes Gepäck ins Auto, bevor die Fahrt endlich losging. Herr Seifert steuerte den Wagen gemächlich über die Landstraße, die sich durch Wiesen, Felder und goldgelbe Herbstwälder zog. Die Herbsttöne reichten von Braun, Gelb, Rot bis hin zu Gold und tauchten die Landschaft in einen beeindruckenden Farbenzauber. Die feuchte, saubere Luft bildete in Senken und Tälern unheimliche Nebelfelder, die wie gefährliche Lavaströme durch die Landschaft krochen. Der Automotor surrte und die Zeit verging. Das letzte Waldstück war bald erreicht und der Nebel verdichtete sich, je weiter sie in den Wald fuhren. Feuchte, kühle Luft drang durch die Schlitze der Autobelüftung in den Fahrzeuginnenraum, wodurch sich die Kleidung und die Haare der Insassen klamm anfühlten.

 

  

 

2. Schloss Drachenfels

Durch die milchig trübe Nebelwand konnte man auf einmal Umrisse eines scheinbar riesigen Gebildes erkennen. Es war das Schloss, das geisterhaft direkt vor ihnen aus dem Nebel auftauchte.

»Wir sind ja schon da«, reagierte Lisa verblüfft, worauf sich alle die Nasen an den Autoscheiben platt drückten.

Herr Seifert steuerte den Wagen neben den Schlossmauern entlang, die den Park umsäumten. Sie fuhren zwischen zwei großen Torpfosten hindurch und durchquerten den Schlosspark, der bei diesen Sichtverhältnissen nur schemenhaft erkennbar. Dazu folgten sie dem mit Bäumen umsäumten Weg bis vor den Eingang des Hotels. Als sie anhielten, kam ein Mann zum Auto gelaufen und öffnete ihnen die Wagentüren.

»Herzlich willkommen auf Schloss Drachenfels, ich bin Direktor Frank«, begrüßte der mollige, große Mann im schwarzen Anzug die Gäste und wies auf sein Namensschild an der Brust, wo 'Hoteldirektor Josef Frank' draufstand. »Darf ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«

Ingo hob die Augenbrauen. »Unsere Sachen sind im Kofferraum. Sie sind Direktor und gleichzeitig Gepäckträger?«

Der Mann kniff die Lippen zusammen. »Zurzeit, leider ja. Solange wir wenig Arbeit haben, muss die Hälfte der Angestellten zu Hause bleiben.« Umgehend machte er sich an die Arbeit, das Gepäck aus dem Auto zu laden und auf der ersten Stufe vor dem Hoteleingang abzustellen. Herr Seifert verabschiedete sich von den Kindern und fuhr heimwärts.

Ingo überreichte dem Direktor die Gewinntickets. »Wir haben das Preisausschreiben gewonnen. Zwei Wochen Urlaub für vier Personen. Ich habe meine zwei Geschwister und unseren Freund mitgebracht.«

Herrn Franks Miene verfinsterte sich schlagartig. »Ach, das Preisausschreiben. Die Tickets könnt ihr bitte an der Rezeption bei Herrn Dick abgeben. Er wird euch euer Zimmer geben.«

»Vielen Dank«, antwortete Georg. Die Kinder traten durch die große Tür in die Empfangshalle.

Ingo übergab dem kleinen, molligen Mann hinter dem Schalter die Tickets. »Guten Tag, Herr Dick. Wir haben beim Preisausschreiben gewonnen und …«

Der Mann drehte sich um, nahm einen Schlüssel vom Brett und schob ihn über die Tischplatte den Kindern entgegen. »Zimmer fünfzehn.« Er widmete sich seinem Klapprechner.

Die Kinder sahen ihn einige Sekunden lang fragend an. Georg zeigte zur Treppe. »Okay! Suchen wir mal unser Zimmer.« Er ging voraus die Treppe rauf, Enzo, Lisa und Ingo folgten ihm.

»Er ist dick und er heißt Dick«, amüsierte sich Enzo über den Rezeptionisten.

»Ja, das passt«, stimmte Lisa zu.


 

»Sagt mal«, meinte Georg. »Habe nur ich das Gefühl, wir seien hier nicht willkommen? Der Direktor hat plötzlich so böse geschaut, als Ingo ihm von den Gewinntickets erzählte und der Rezeptionist war an Unhöflichkeit auch nicht zu überbieten.«

»Das war mir auch aufgefallen«, äußerte Ingo. »Vielleicht hatte der Rezeptionist zu viel zu tun und hatte keine Zeit, uns richtig zu begrüßen und uns unser Zimmer zu zeigen.«

»Das ist gut möglich«, war Enzo derselben Meinung. »Schließlich fehlt ja die Hälfte des Personals und sie sind unterbesetzt.«

»Das ist mir egal«, jubelte Lisa. »Auf jeden Fall verbringen wir unsere Ferien in einem Schloss und das kann uns keiner nehmen. Wir dürfen uns nicht die Laune verderben lassen.«

Das Zimmer mit der Nummer fünfzehn war bald gefunden. Die Kinder waren absolut begeistert. Denn das Zimmer entpuppte sich als großes Appartement mit zwei Schlafzimmern, einem großen Badezimmer und einem Aufenthaltsbereich mit Couchgarnitur.

Nachdem sie sich die Räumlichkeiten angesehen hatten, blickte sich Lisa suchend um. »Wo ist eigentlich unser Gepäck?«

»Weiß nicht«, gestand Georg. »Herr Frank wollte es uns doch aufs Zimmer bringen?«

»Ich fürchte, er hat unsere Sachen wohl ins falsche Zimmer gebracht«, vermutete Enzo.

»Gehen wir an die Rezeption und fragen nach«, forderte Ingo.

Die Kinder stürmten nach unten. »Wissen Sie, wo unser Gepäck ist, Herr Dick?«, erkundigte sich Enzo.

Der Mann schaute zur gläsernen Eingangstür. »Ist es das, da draußen?«

Tatsächlich stand alles noch draußen vor der Tür, wo es der Direktor abgestellt hatte.

Georg runzelte die Stirn. »Wollte Rektor Frank nicht unser Gepäck aufs Zimmer bringen?«

Herr Dick musterte die Kinder mit ernstem Blick. »Wie alt seid ihr? Ihr seid kräftige und junge Kinder. Ich nehme an, ihr könnt euer Gepäck selber auf euer Zimmer bringen, oder nicht?«

Den Kindern stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben und die Worte des Hotelangestellten hatten sie für einige Sekunden sprachlos gemacht.