Leseprobe: IGEL-Team Band 26

Ingo, Georg, Enzo und Lisa lesen in der Zeitung, dass ein Hobby-Schatzsucher antike Goldmünzen gefunden hatte. Bevor er die Münzen aber zum Museum bringen konnte, wurden sie ihm in derselben Nacht noch gestohlen.
Woher wusste der Dieb, dass der Schatzsucher etwas Wertvolles gefunden hatte?
Als IGEL-Team stellen die Kinderdetektive Nachforschungen an, was sich zu einem spannenden Abenteuer entwickelt.

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1. Der Goldraub

Es war noch fast dunkel in den herbstlich kühlen Morgenstunden, als ein schwarz gelockter, molliger Junge durch die Einfahrt eines gepflegten Einfamilienhauses lief und sich vor der Haustür auf die Treppe setzte. Der Junge wohnte in der Nachbarschaft und hieß Enzo. Er war Italiener und seine Eltern betrieben eine Pizzeria und hatten daher wenig Zeit, sich um ihn zu kümmern. Aus diesem Grund verbrachte er die meiste Zeit bei der Familie Seifert mit ihren drei Kindern Lisa, Georg und Ingo. Die vier Kinder waren zusammen das IGEL-Team und hatten bereits schon so manche Verbrechen aufgeklärt. Wie jeden morgen wartete Enzo, bis er endlich zum Frühstück hineingelassen wird. Er spähte rüber zum beleuchteten Küchenfenster, aus dem Geräusche nach draußen drangen. Es war Frau Seifert, die bereits das Frühstück für die Kinder zubereitete. Enzo hatte einen Bärenhunger und hoffte, seine Freunde würden bald aufstehen, runterkommen und ihn reinlassen. Natürlich hätte er einfach am Küchenfenster klopfen können, damit Frau Seifert ihn hineinlässt. Das wollte er aber nicht.

Enzo lugte nach oben zu den Schlafzimmerfenstern. Ein kühler Windhauch blies ihm durchs lockige Haar und ließ ihn frösteln. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, bis er endlich hörte, wie ein Fenster geöffnet wurde. Sofort sprang er von der Treppe auf, lief durch den Hof unter das geöffnete Fenster und sah hinauf. Eine Zudecke wurde zum Lüften über die Fensterbank geworfen. Doch auf einmal kam etwas heruntergeflogen und traf ihn am Kopf.

»Aua!«, erschrak Enzo und entdeckte den faustgroßen, blauen Schlumpf auf dem Boden, der ihn gerade getroffen hatte. »Ingo?«, rief er kichernd nach oben.

Ein Junge mit Brille erschien flüchtig am Fenster. »Guten Morgen, Enzo. Wir kommen gleich runter.«

Im nächsten Moment ging auch das andere Fenster auf und ein blondes Mädchen legte ihre Decke über die Fensterbank. »Guten Morgen, Enzo.«

»Guten Morgen, Lisa«, grüßte Enzo zurück.


Irritiert betrachtete er den Schlumpf in seiner Hand und fragte sich, ob Ingo ihn absichtlich heruntergeworfen hatte, um ihn zu erschrecken.

*

Kurze Zeit später ging die Türe auf. Ein großer Junge, der dreizehn war, aber wie ein Neunzehnjähriger aussah, blickte ihn an. »Morgen, Enzo. Hungrig wie immer?«

Enzo nickte. »Na klar, Georg. Was denkst du denn?«

Lisa sah den Schlumpf in Enzos Hand. »Was hast du da?«

»Der gehört Ingo«, antwortete Enzo und hielt ihn Ingo entgegen. »Der ist aus dem Fenster gefallen, als du deine Bettwäsche zum Lüften über die Fensterbank geworfen hast.«

Ingo starrte Enzo perplex über seine Brille hinweg an. »Was? Das Ding habe ich noch nie im Leben gesehen? Du lügst doch!«

»Das ist nicht wahr, Ingo«, mischte sich Lisa ein. »Dieser Schlumpf hat bis vor einigen Monaten jahrelang auf deinem Schreibtisch gesessen. Der gehört dir, das weiß ich genau.«

»Das kann ich bestätigen«, stimmte der große Georg zu. »Ich hatte ihn auch andauernd auf deinem Schreibtisch gesehen. Außer, wir gehen jetzt rauf und dein Schlumpf sitzt immer noch auf dem Schreibtisch.«

Ingo hob die Augenbrauen. »Ach, dieser Schlumpf? Ja, das ist meiner. Ich kann mir gar nicht erklären, wie er aus dem Fenster fallen konnte?!«

»Ich kann es dir erklären«, sagte Lisa lächelnd. »Du hast ihn mit ins Bett genommen, und als du die Bettwäsche rausgelegt hast, ist er aus dem Fenster gefallen. Hiermit wäre der Fall lückenlos aufgeklärt.«

Georg lachte kurz auf. »Willst du sagen, Ingo würde einen Schlumpf mit ins Bett nehmen?«


 

»Ja«, gackerte Lisa erheitert. »Es ist leider so. Alle Indizien sprechen dafür. Das hätte ich dir niemals zugetraut, Ingo. Du bist doch sonst immer so sachlich und so wissenschaftlich eingestellt. Hast du dafür auch eine wissenschaftliche Erklärung?«

»Das ist völliger Unsinn, Lisa«, wehrte sich Ingo energisch. »Ich …«

»Ja, das ist ja alles sehr witzig, Leute«, unterbrach Enzo lachend. »Lasst uns aber bitte nun frühstücken gehen, bevor ich umfalle und nichts mehr zu Lachen habe. Ich habe Hunger und bin völlig durchfroren. Wir kommen nachher wieder auf den Schlumpf zurück und besprechend die Sache.«

»Da gibt es nichts zu besprechen«, fauchte Ingo. »Vergesst die Sache einfach. Wir werden wohl nie erfahren, wie das Ding aus dem Fenster fallen konnte.«

Gemeinsam gingen sie in die Küche, wo es herrlich nach frisch gebackenen Brötchen und heißer Schokolade duftete. Frau Seifert grüßte die Kinder und bat sie an den reichlich gedeckten Tisch. Es gab Brötchen mit wahlweise verschiedenen Marmeladesorten, Honig und Zuckerrübensirup. Zum Trinken standen heiße Milch und dampfend heißer Kakao zur Verfügung. Ingo nahm sich die Zeitung, die der Vater wie jeden Morgen bevor er zur Arbeit musste, auf die Eckbank gelegt hatte. Während er frühstückte, blätterte er darin herum. Enzo schmierte sich zuerst vier Brötchenhälften, bevor er mit dem Essen anfing. Das tat er immer so. Bevor er es sich schmecken ließ, bereitete er sich erst alles vor.

Ingo räusperte sich. »Hört euch diese Schlagzeile an, Leute!«

Doch plötzlich ertönte von der Straße lautes und aufgeregtes Hundegebell.

»Was ist da draußen los?« Lisa drehte sich auf der Eckbank rum und schaute aus dem Fenster.

Auch Georg, Enzo, Ingo und Frau Seifert schauten hinaus und entdeckten einen kleinen Hund mit zotteligem, braunem Fell, der bellend ein parkendes Auto umkreiste.

»Was hat er denn?«, wunderte sich Georg. »Ist da etwas?«


 

»Da!«, rief Enzo. »Da ist eine Katze unter dem Auto.«

»Wo ist denn der Hundebesitzer?«, fragte sich Frau Seifert.

Die Kinder rannten nach draußen. Der Hund bellte ununterbrochen, was in den ruhigen Morgenstunden durch die gesamte Straße hallte.

»Ruhe!«, rief Georg und klatschte dabei mehrmals laut in die Hände. »Lass die Katze in Ruhe und sei still!«

Der Hund schreckte durch das Klatschen auf und rannte die Straße hinunter. Eine rotbraune Katze kam unter dem Auto hervor und flüchtete über den Zaun des Nachbargrundstücks.

»Weg ist er«, kommentierte Lisa. »Glück gehabt, dass er die Katze nicht erwischt hat.«

»Gehen wir rein und frühstücken weiter«, drängte Enzo. »Es ist kühl und ich bin noch immer hungrig.«

Gerade als sie hineingehen wollten, hörten sie eine laute Frauenstimme. »Biber? Komm zu Frauchen! Biber?« Die Frau lief auf der gegenüberliegenden Straßenseite und schaute sich suchend um.

Lisa machte eine schmerzverzerrte Miene. »Fürchterlich! Das ist ja noch lauter als das Gebell?«

»Hallo?«, rief Georg der Frau zu und zeigte in die Richtung, in die das Tier gelaufen war. »Ihr Hund ist hier langgelaufen.«

»Danke, Kinder«, antwortete die Dame und rannte in die gezeigte Richtung. »Biiiibeeeer!«

»Was meint ihr?«, fragte Ingo. »Sollen wir ihr helfen, den Hund einzufangen?«

Kaum hatte er ausgesprochen, hörten sie den Hund kläffen.


 

»Komm zu Frauchen«, rief die Dame. Biber kam wie eine Rakete angerannt und sprang ihr in die Arme.

»Der Hund ist bei der Besitzerin und die Katze ist in Sicherheit. Kommt zu Enzo!«, rief Enzo seinen Freunden scherzhaft zu und eilte voraus in die Küche.

Endlich konnten sie in Ruhe weiterfrühstücken. Die Mutter schaute aus dem Fenster und beobachtete, wie die Dame ihren Hund auf dem Gehweg absetzte, anleinte und mit ihm davonstolzierte.

»Welche Schlagzeile, Ingo?«, fragte Lisa neugierig. »Du wolltest uns gerade einen Artikel aus der Zeitung vorlesen, bevor wir durch den Hund abgelenkt wurden?!«

»Ja, richtig«, antwortete Ingo. »Bei einem Mann wurde vorgestern Nacht eingebrochen. Ihm wurden antike Goldmünzen gestohlen, die er am Abend zuvor gefunden hatte und eigentlich beim Museum abgeben wollte.«

»Er hat antike Goldmünzen gefunden?«, stutzte Georg. «Wie geht das denn? War das Zufall, und wo findet man so was?«

»Es war kein Zufall und es ist ganz einfach«, erwiderte Ingo. »Der Mann ist in seiner Freizeit ein Schatzsucher und hatte wahrscheinlich ein Goldsuchgerät.«

Lisa rümpfte ihre sommersprossige Nase. »Das ist merkwürdig. Es ist so, als hätte der Einbrecher von den Münzen gewusst?! Ansonsten wäre das ein sehr außergewöhnlicher Zufall.«

»Das wäre wirklich ein großer Zufall gewesen«, stimmte Enzo zu. »Wahrscheinlich wurde er beobachtet, als er den Schatz ausgegraben hat, und wurde bis nach Hause verfolgt.«


 

»Das klingt plausibel. Eine Schatzsuche könnte mir übrigens auch gefallen«, meinte Georg und biss in sein Brötchen mit Erdbeermarmelade.

»Eine Schatzsuche in freier Natur würde gut zu euch passen«, bemerkte Frau Seifert und stellte den Kindern jeweils ein großes Glas kühlen Orangensaft mit einem kräftigem Schuss Karottensaft bereit.

»Gegen eine Schatzsuche hätte ich auch nichts einzuwenden.« Ingo nippte an der dampfend heißen Schokolade. »Das ließe sich einrichten, denn bis jetzt haben wir uns noch nichts vorgenommen.«

»Ihr habt Herbstferien und habt noch nichts geplant?«, fragte Frau Seifert ungläubig. »Das ist sehr ungewöhnlich für euch.«

»Das ist wahr, Frau Seifert«, meinte Enzo. »Wir bekommen keine Detektivaufträge, auf unser Angebot, Laub zu fegen hat sich auch niemand gemeldet. Diesmal werden wir wohl daheimbleiben.«

»Sucht euch aber bitte eine Beschäftigung, damit ihr nicht ruhelos und gelangweilt im Haus herumtollt«, wies die Mutter hin.

»Was?«, reagierte Ingo entsetzt. »Ruhelos und gelangweilt? Es ist Herbst und wir können sehr viel unternehmen. Langeweile kennen wir nicht.«

»Genau. Wir können Drachen steigen lassen, wandern oder auf Schatzsuche gehen und vieles mehr«, zählte Lisa ein paar Beispiele auf. »Langweilig wird es uns bestimmt nicht.«

»Außerdem können wir auch lesen, Dosen abwerfen, Karten oder Stadt-Land-Fluss spielen«, fügte Ingo hinzu. »Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.«

Georg nickte. »Genau so ist es. Wir könnten auch Fußball spielen oder Bootswettrennen mit Modellbooten im Bach veranstalten.«

»Ja, Frau Seifert. Keine Sorge«, beschwichtigte Enzo. »Wir finden genügend Beschäftigungen und werden keine Unruhe ins Haus bringen.«


 

»Das ist gut zu hören«, war die Mutter erleichtert. »Damals war es aber ganz anders, falls ihr euch noch daran erinnern könnt.«

»Ja, das war vor unserer Zeit als Detektive«, gab Ingo zu. »Wir hatten nichts zu tun und uns war sehr langweilig. Es war auch nicht gerade schön von uns, Fußball und Tennis im Haus zu spielen.«

»Richtig«, bestärkte Lisa. »Wir haben uns durch unsere Arbeit als Detektive verändert und sind reifer und schlauer geworden.«

Frau Seifert nickte lächelnd. »Wenn das so ist, freue ich mich natürlich, dass ihr die Ferien daheim verbringen werdet.«

Nach dem Frühstück tranken die Kinder wie jeden Morgen ihren Orangen-Karottensaft, um genügend Vitamine für den Tag zu tanken