Band 16 - Eine hochgiftige Angelegenheit

Ingo, Georg, Enzo und Lisa sind perplex, denn als IGEL-Team haben sie dieses Mal einen besonderen Fall zu lösen. Sie bekommen die Nachricht einer Bäuerin, die um Hilfe bittet, weil auf einem ihrer Kartoffelfelder nichts mehr wächst. Die Detektivkinder sind verwundert, dass man für solche landwirtschaftliche Fragen ihre Hilfe benötigen sollte. Doch die Bäuerin erklärt, sie vermutet dahinter eine Sabotage.

Unter diesen Umständen nehmen sie die Einladung gerne an und geraten bei ihren Nachforschungen wieder einmal in ein gefährliches Abenteuer.

Was steckt wohl dahinter? 

Warum wächst auf dem Kartoffelfeld nichts?

Wer will der Bauernfamilie schaden? 

Wird das IGEL-Team den Fall lösen?

 

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Ein mysteriöser Auftrag

 

Die elfjährige Lisa lag mit einem Buch im saftig grünen Gras zwischen leuchtend gelben Butterblumen und violetten Krokussen und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen an diesem herrlichen Frühlingstag sehr.

Lisa ging gerne zur Schule, aber sie war auch froh, dass endlich Osterferien waren. Noch war nichts geplant. Werden sie dieses Mal zu Hause in Bad Bergzabern bleiben? Die Eltern hatten für die Ferien auch noch keine Pläne, sonst hätten sie es längst erwähnt, so viel war sicher. Blieb also nur noch, dass Lisa mit ihren beiden Brüdern und dem Nachbarsjungen Enzo alleine wegfährt, wie sie es schon oft getan haben.

Lisa vertiefte sich wieder in ihrem Buch. Sie liebte es, hinter dem Haus auf der Wiese zu liegen, die frühlingsfrische Luft zu atmen und auf den wunderschönen Gesang der Vögel zu lauschen. Am offenen Fenster des oberen Stockwerks des gelben Hauses erschien ein molliger, schwarz gelockter Junge. Er beobachtete Lisa und zielte mit einer Steinschleuder genau in ihre Richtung.

Plötzlich zwirbelte ihr ein zerknülltes Blatt Papier über den Kopf, wirbelte ihre blonden Haarsträhnen durcheinander und landete inmitten des aufgeklappten Buches.

Lisa drehte sich blitzschnell um und schaute empört nach oben. »Enzo! Wenn ich hochkomme, kannst du was erleben.«

Enzo hob unschuldig die Hände. »Das war nicht meine Idee. Ingo hat gesagt, ich soll das tun«, entschuldigte er sich, als ein braunhaariger Junge mit Brille neben ihm erschien.

»Was soll das, Ingo?«, fragte Lisa irritiert.

So kannte sie ihren Bruder gar nicht. Enzo, dem zwölfjährigen, italienischen Jungen aus der Nachbarschaft hätte sie das zugetraut, da sie sich sowieso immer neckten. Lisa ärgerte Enzo oft gerne wegen seines Übergewichtes und seiner Heißhungerattacken und Enzo liebte es, sich über Lisas schlanke Figur und ihre Sommersprossen lustig zu machen. Enzos Eltern betrieben eine Pizzeria. Aus diesem Grund verbrachte er die meiste Zeit bei den drei Geschwistern der Familie Seifert. Er gehörte praktisch schon zur Familie und ging nur zum Schlafen nach Hause. Aber Ingo? Der zwölfjährige Ingo war meist ernst und hatte für unsinnige Späße eigentlich nichts übrig. Er war sehr intelligent, belesen und sehr geschickt. Es war nicht seine Art, sich über andere lustig zu machen oder Leute zu ärgern. Was war diesmal nur in ihn gefahren?

»Lies, was auf dem Zettel steht«, rief Ingo herunter.

Lisa entknüllte das Papier und las. »Liebes IGEL-Team. Wir sind eine Bauernfamilie aus Talheim bei Tuttlingen und haben ein Problem. Auf einem unserer Felder wächst nichts mehr, darum wollten wir euch fragen, ob ihr die Osterferien bei uns verbringen könntet, um den Fall zu untersuchen. MfG Karin Wendel.«

IGEL-Team nannten sich die Kinder, wenn sie als Detektive unterwegs waren. Enzo, Lisa und Ingo waren zusammen mit Lisas großem Bruder Georg ein unschlagbares Team. Georg war dreizehn Jahre, sah aber aus wie neunzehn. Das Wort »IGEL« setzte sich aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen der vier Kinder zusammen.

Ungläubig schaute Lisa nach oben zum Fenster. »Wir werden gerufen, weil auf einem Feld nichts mehr wächst? Sind wir jetzt Landwirtschaftsexperten oder was?«

Ingo grinste und wedelte mit einem Zettel am Fenster herum. »Nein. Hier ist das zweite E-Mail, das mir Frau Wendel geschickt hat. Willst du hochkommen oder sollen wir es dir runterschießen?«

Lisa hob drohend den Zeigefinger. »Wagt es nicht, mich noch mal zu beschießen. Ich komme rauf.«

Sie sprang auf, lief ins Haus, eilte nach oben in Ingos Zimmer und stürzte zur Tür herein. »Um was geht’s?«

»Bäuerin Wendel glaubt, sie wird sabotiert«, berichtete der schlaksige Georg auf der Schreibtischkante sitzend.

»Sabotage?«, erwiderte Lisa lächelnd. »Das klingt schon eher nach einem Fall fürs IGEL-Team.«

»Es scheint so, als schüttet jemand Giftstoffe auf den Acker der Wendels«, erzählte Enzo.

»Wer sollte so etwas tun, und warum?«, war Lisa verwundert. »Wie kommt ihr darauf?«

Ingo hob unwissend die Schultern. »Das muss uns die Bäuerin erklären, es ist ihr Verdacht.«

Lisa rieb sich vor Freude die Hände. »Wir verbringen unsere Osterferien auf einem Bauernhof?«

»Ja«, antwortete Georg. »Aber darum geht es gar nicht. Wir sollen einen Fall aufklären.«

»Tut mir leid, dass ich mich trotzdem darauf freue«, meinte Lisa ironisch.

»Ich freue mich auch«, jubelte Enzo, tanzte durchs Zimmer und lehnte sich an die Fensterbank.

»Natürlich wird es schön«, pflichtete Ingo bei. »Trotzdem sollten wir uns vorrangig auf unseren Fall konzentrieren.«

»Klar«, antwortete Lisa. »Haben wir eigentlich bereits eine glaubwürdige Erklärung für Mama und Papa parat?«

»Wir sagen, wir wurden auf einen Bauernhof eingeladen«, erklärte Enzo feierlich.

Lisa hob zynisch die Augenbrauen. »Und warum sollte uns jemand grundlos einfach so einladen, du Schlaumeier?«

»Wir sagen einfach, wir hätten die Anzeige für den Urlaub auf dem Bauernhof im Internet gefunden und konnten nicht widerstehen«, schlug Georg vor.

»Das ist zwar sehr einfach, aber das klingt schon viel besser«, lobte Ingo. »Mama und Papa werden sowieso erwarten, dass wir die Ferien nicht zu Hause verbringen.«

Enzo nickte. »Die Ausrede klingt gut, ich würde es jedenfalls glauben.«

Lisa blickte Enzo spitzbübisch an. »Du glaubst ja auch, Schokoosterhasen würden auf Bäumen wachsen.«

Ingo räusperte sich breit grinsend. »Schokoosterhasen wachsen auch im gewissen Sinne auf Bäumen. Denn die Kakaobohnen, aus denen die Schokolade gewonnen wird, stammen zweifellos von Kakaobäumen.«

Enzo kicherte. »Hiermit hast du dir selbst eine übergebraten. Dachtest du, Schokoladenosterhasen werden aus Holz geschnitzt?«

»Ich schnitze dir gleich mal eine«, antwortete Lisa grinsend, aber peinlich berührt.

Wenige Augenblicke später stürmten die Kinder nach unten in die Küche, wo Frau Seifert gerade mit einer hellblauen Kittelschürze bekleidet den Teig für einen Kuchen anrührte, dessen herrlicher Zitronenduft sich in der ganzen Küche verbreitete.

»Was gibt es, Kinder?«, wunderte sich Frau Seifert über den überfallähnlichen Auftritt.

»Wir haben eine Woche Ferien auf einem Bauernhof gebucht«, verkündete Georg.

»Wir sahen die Anzeige im Internet und konnten nicht widerstehen«, ergänzte Enzo, um es glaubwürdiger klingen zu lassen.

»Oh. Das freut mich sehr«, antwortete die Mutter. »Wo soll es denn hingehen?«

Wie erwartet, reagierte die Mutter gelassen, denn schließlich war es nicht das erste Mal, dass die Kinder alleine in die Ferien fuhren. Frau Seifert wusste, sie konnte sich auf sie verlassen und sie waren groß genug, auf sich selbst aufzupassen.

»Es geht nach Talheim«, erklärte Ingo. »Das liegt im Kreis Tuttlingen in Baden Württemberg.«

Die Mutter legte den Rührbesen beiseite. »Wann soll die Reise losgehen?«

»Am Samstag«, bemerkte Lisa. »Also gleich morgen früh. Wir fahren mit dem Bus.« 

»Ist gut, ich werde euch von dem Kuchen einpacken«, verkündete Frau Seifert.

»Danke, Frau Seifert«, rief Enzo und leckte sich die Lippen.

»Danke, Mama«, bedankten sich auch Lisa, Georg und Ingo wie aus einem Mund.

»Lasst uns unsere Koffer packen«, konnte es Georg kaum noch abwarten.

Enzo ging nach Hause, was nur einige Häuser neben dem Haus der Seiferts lag. Er erzählte seinen Eltern von den geplanten Ferien und packte seinen Koffer. Unterdessen packten auch Lisa, Ingo und Georg ihre Koffer. Sie packten Kleidung, Funkgeräte, ein Seil und Taschenlampen ein. Bald trafen sie sich wieder hoch motiviert in Ingos Zimmer. Alle freuten sich schon wahnsinnig auf die Ferien und auf den mysteriösen Fall, den es zu klären galt.

 

***

 

Voller Abenteuerlust saßen sie in Ingos Zimmer um den Schreibtisch herum und recherchierten im Internet. Sie suchten nach möglichen Ursachen für Wachstumshemmungen in der Landwirtschaft und sahen sich Bilder der Umgebung von Talheim an.

»Die Landschaft besteht aus Bergen, Wäldern, Hügeln, Wiesen und Feldern«, staunte Lisa.

Ingo war entzückt. »Genau richtig, um dort die Ferien zu verbringen.«

»Ich bin mal gespannt, welches Abenteuer uns dieses Mal erwartet«, sagte Enzo voller Vorfreude.

»Wann genau geht’s los?«, wollte Georg wissen. »Hast du schon den Busfahrplan notiert, Ingo?«

»Na klar«, erwiderte Ingo. »Wir fahren morgen früh kurz nach 8 Uhr los, müssen in Winden, Karlsruhe und in Donaueschingen umsteigen. Kurz vor 12 Uhr kommen wir in Tuttlingen an und müssen dann nach Talheim fahren, das dreizehn Kilometer von Tuttlingen entfernt ist.«

Enzo schluckte. »Wir sind fast vier Stunden unterwegs? Das ist ganz schön weit.«

»Es sind genau 206 Kilometer«, erklärte Ingo und schrieb Bäuerin Wendel ein E-Mail mit der Information, dass sie gegen 12 Uhr ankommen werden.

 

 

*****

 

 

Picknick hinterm Haus

 

Georg schaute währenddessen aus dem Fenster hinunter zur bunt blühenden Wiese hinterm Haus. »Leute? Es ist noch früh am Tag. Sollten wir dieses schöne Wetter nicht auskosten?«

»Denkst du dabei an was Bestimmtes?«, fragte Lisa.

Georg grinste. »Wir könnten uns auf den Rasen setzen und die Sonne genießen. Der Winter war hart und kalt genug. Ich bin froh, dass endlich Frühling ist.«

»Das hört sich gut an«, stimmte Enzo zu. »Ein Picknick hinterm Haus wäre toll.«

Lisa runzelte die Stirn. »Wer sagte was von einem Picknick?«

Enzo zuckte mit den Achseln. »Was sonst sollten wir auf dem Rasen machen?«

»Lesen zum Beispiel?«, erwiderte Lisa stark betont.

»Damit Enzo zufrieden ist, nehmen wir unsere Picknickdecke, Fruchtsaft und Ostereier mit«, schlug Ingo vor. »Ich hätte gegen ein Picknick auch nichts einzuwenden.«

»Das ist eine hervorragende Idee«, rief Enzo erfreut.

Sie schnappten sich die Picknickdecke und gingen in die Küche.

»Geht ihr weg?«, fragte die Mutter.

»Nein, Mama«, erwiderte Lisa. »Wir machen nur ein kleines Picknick im Garten hinterm Haus und genießen die Sonne.«

Enzo zeigte auf den Korb auf der Anrichte, der mit hart gekochten, bunt glänzenden Eiern gefüllt war. »Dürfen wir ein paar Eier mit rausnehmen, Frau Seifert?«

»Natürlich, dafür sind sie schließlich da.« Frau Seifert hielt Enzo den Korb entgegen.

»Und Fruchtsaft nehmen wir auch mit«, verkündete Georg. Er ging zum Kühlschrank, nahm den Getränkebeutel heraus und füllte die vier Trinkfläschchen mit schwarzem Traubensaft auf.

Vergnügt liefen sie nach draußen hinters Haus, breiteten die Picknickdecke auf der Wiese aus und machten es sich darauf bequem. Noch immer war der Himmel strahlend blau und die Sonne schien mit Kraft. Hinter dem Haus konnte man die Autos von der vorne liegenden Straße nicht hören, man hörte nur angenehmes Vogelgezwitscher.

»Ich liebe den Frühling«, schwärmte Lisa. »Alles ist so bunt, blüht so schön und duftet so herrlich.«

»Und ich liebe Ostereier, die sind auch bunt«, meinte Enzo, worauf Ingo und Georg lachten.

Georg streckte sich aus, fläzte sich auf der Decke herum und schob seine Hände ins Gras. »So könnte ich die gesamten Ferien verbringen.«

»Das werden wir vielleicht auch«, sagte Ingo. »Vielleicht stellt sich heraus, dass die Erde des Kartoffelackers einfach nur ausgelaugt ist.«

»Das ist völlig absurd«, entgegnete Lisa. »Wenn es so wäre, hätte es Bauer Wendel längst bemerkt und etwas dagegen unternommen.«

»Zum Beispiel hätte er gedüngt«, gab Enzo hinzu.

Ingo nickte. »Ihr habt recht. Als Landwirt kennt er sich auf dem Gebiet bestimmt gut aus. Er hätte gewiss gedüngt oder zwischendurch eine andere Gemüsesorte angepflanzt, damit sich der Boden erholen kann.«

»Wenn Frau Wendel recht hat und es sich wirklich um eine Sabotage handelt, wie könnte der Täter es anstellen, damit auf dem Acker nichts mehr wächst?«, fragte Lisa.

»Ganz einfach«, meldete sich Georg zu Wort. »Man sprüht ein giftiges Mittel auf den Acker. Dann wächst kein Grashalm mehr.«

Sie tranken Traubensaft und aßen Ostereier, bis bald die Sonne zum Horizont sank und die Dämmerung anbrach.

»Lasst uns reingehen und nachfragen, wann es Abendessen gibt«, schlug Enzo vor.

»Hast du schon wieder Hunger?«, war Lisa erstaunt. »Wir haben doch gerade Eier gegessen?«

Enzo winkte ab. »Eier? Das ist doch kein Essen, das ist …«

Noch bevor er ausgesprochen hatte, rief die Mutter aus dem Fenster zum Essen. Die Kinder packten alles zusammen und stürmten zum Händewaschen ins Badezimmer. Danach eilten sie in die Küche, wo Frau Seifert inzwischen das Essen aufgetischt hatte und Herr Seifert bereits auf seinem Platz saß.

»Guten Abend, Herr Seifert«, grüßte Enzo und setzte sich.

»Hallo, Papa«, grüßten Lisa, Georg und Ingo gleichzeitig und setzten sich ebenfalls an den Tisch.

»Hallo, Kinder«, grüßte Herr Seifert zurück. »Wie ich hörte, werdet ihr die Ferien auf einem Bauernhof verbringen?«

»Ja, in Talheim«, sagte Lisa. »Ist das nicht prima?«

Der Vater nickte. »Sehr schön. Seid aber vorsichtig und lasst euch nicht wieder in etwas verwickeln.«

»Wir?«, rief Georg viel zu laut. »Niemals.«

Die Mutter servierte Spaghetti auf die Teller und gab kalte grüne Paprikasoße darüber. Das war eine leichte aber sehr gesunde Kost und genau richtig zum Abschluss des warmen Frühlingstages. Nach den Ostereiern, wovon beim Picknick jeder mindestens drei Stück gegessen hatte, hätten sie sowieso nicht mehr essen können und selbst Enzo wurde satt.

Nach dem Essen zogen sich die Kinder mit einer Kanne Pfefferminztee in Ingos Zimmer zurück.

Enzo schnüffelte. »Ich glaube, eure Mutter hat den Zitronenkuchen in den Ofen geschoben.«

Ingo schnüffelte ebenfalls. »Ja. Das duftet durchs ganze Haus.«

Georg nahm die Memorykarten aus der Schreibtischschublade und breitete sie auf dem weißen Flokati unter dem Fenster aus. »Kommt, Leute. Gedächtnistraining ist angesagt.«

Den Rest des Abends tranken sie ihren Tee und spielten Memory. Schließlich verabschiedete sich Enzo und kurz darauf legten sie sich schlafen.

 

 

*****

 

 

Fahrt nach Talheim

 

Am nächsten Morgen mussten die Kinder früh aufstehen, um rechtzeitig zum Bus zu kommen. Draußen war es noch dunkel und recht kühl. Lisa, Georg und Ingo flitzten nach unten und öffneten Enzo die Haustür. Wie jeden Morgen hatte er mindestens zwanzig Minuten mit einem Mordshunger und grummelnden Magen gewartet, bis man ihn endlich zum Frühstück hereinließ.

Frisch, munter und ausgeschlafen kamen die Kinder in die Küche. Frau Seifert hatte das Frühstück vorbereitet und ein herrlicher Duft nach frischen Brötchen und heißer Schokolade erfüllte den Raum. Auf dem Tisch standen ein Körbchen mit knusprigen Brötchen, verschiedene Sorten Marmelade und ein Glas Blütenhonig bereit.

»Guten Morgen, Frau Seifert«, grüßte Enzo singend.

»Guten Morgen, Mama«, grüßten Lisa, Georg und Ingo gleichzeitig.

»Guten Morgen, Kinder«, grüßte die Mutter zurück und füllte die Tassen mit heißer Milch und heißem Kakao auf.

 

***

 

Nach dem Frühstück tranken die Kinder ein großes Glas Orangensaft, danach verabschiedeten sie sich von der Mutter und machten sich im Morgengrauen auf den Weg durch Bad Bergzabern in Richtung Busbahnhof. Die aufgehende Sonne färbte den Himmel violett und die Wolken zeichneten dunkelgraue Schatten. Es wehte ein leichter, kühler Wind. Leise summend rollten die Reifen ihrer Koffer über den asphaltierten Gehweg. Die Stadt war nahezu menschenleer und schien noch zu schlafen. Nur selten kam ein Auto vorbei. Schließlich erreichten sie den Bahnhof. Nur wenige Menschen tummelten sich an der Haltestelle. Manche telefonierten oder tippten Kurznachrichten in ihre Mobiltelefone ein und manche standen nur schlaftrunken da und warteten auf den Bus.

Ingo warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Der Bus kann jeden Moment kommen.«

So war es auch, denn im nächsten Moment kam er angefahren und öffnete zischend seine Türen. Hinter der Frontscheibe leuchtete die Zahl der Buslinie in großen roten LED-Buchstaben.

Die Kinder stiegen ein, setzten sich in die hintere Sitzreihe und nur Sekunden danach ging die Fahrt los. Verträumt schauten sie aus dem Busfenster in die Morgendämmerung, wie erst die Häuser und anschließend die Weingärten an ihnen vorbeizogen. Zwischen den mannshohen Rebzeilen erkannte man ab und zu die Lichter eines Traktors.

Enzo beobachtete die vorbeiziehenden Wolken. »Hoffentlich spielt das Wetter mit.«

»Ja, heute Morgen ist es echt kalt und ganz schön bewölkt«, bangte auch Lisa.

»Das Wetter kann in Talheim ganz anders sein als hier«, stellte Georg klar.

»Ja. Immerhin ist es 200 Kilometer entfernt«, erinnerte Enzo.

Lisa wäre nicht Lisa, wenn sie sich nicht wie immer um die Unterkunft sorgen würde. Auf keinen Fall wollte sie mit den Jungs in einem Zimmer schlafen. Falls Bäuerin Wendel nicht für einen abgetrennten Schlafbereich oder ein eigenes Zimmer für sie gesorgt haben sollte, würde sie sofort abreisen, war sie sicher.

Enzo bemerkte Lisas besorgte Miene und wusste genau, was ihr gerade durch den Kopf ging. »Wo schläft Lisa eigentlich?«, nahm er die Frage vorweg.

Ingo hob die Schultern, worauf Lisa ihn vorwurfsvoll ansah. »Warum hast du das nicht vorher abgeklärt? Du weißt genau, ich …«

»Reg dich ab«, unterbrach Ingo. »Bäuerin Wendel ist eine Frau und war auch mal in deinem Alter. Sie wird wohl wissen, dass sie uns getrennte Schlafzimmer zur Verfügung stellen sollte.«

»Hoffentlich. Wenn nicht, werde ich umgehend wieder abreisen«, drohte Lisa.

Mittlerweile war es hell, die Wolken verzogen sich und hinterließen einen blauen Himmel. Durch die Busscheibe drangen angenehm wärmende Sonnenstrahlen.

Die Kinder stiegen einige Male um und kamen nach Stunden in Tuttlingen an, wo sie ein letztes Mal umsteigen mussten. Enzo hatte inzwischen einen Müsliriegel gegessen, weil er es vor Hunger kaum noch ausgehalten hatte. Zum Glück hatte Ingo immer genügend Riegel für Enzo dabei, da er dessen Heißhungerattacken nur zu gut kannte. Selbst hätte sich Enzo keine Müsliriegel mitnehmen können, da er sie sonst im Nu aufgegessen hätte.

»Bald haben wir es geschafft«, prustete Georg, dem das Sitzen zunehmend schwerer fiel.

Enzo, Lisa und Ingo ging es nicht anders. Auch sie hatten den Drang nach Bewegung und das Sitzen wurde schmerzhaft. Deshalb knieten sie sich auf die Sitze und blickten aus dem Heckfenster.

»Hier gibt es unzählige Wiesen, Felder und Obstbäume. Die Gegend ist einfach herrlich«, schwärmte Lisa, die von Bad Bergzabern hauptsächlich eine Landschaft aus Weingärten gewöhnt war.

Ingo war ebenfalls von der Landschaft beeindruckt. »Ich habe das Gefühl, das könnten richtig schöne Osterferien werden.«

»Wie sieht es eigentlich mit Verpflegung aus?«, wollte Enzo wissen. »Hat die Bäuerin darüber geschrieben?«

Lisa deutete auf den Rucksack. »Unsere Mutter hat uns Zitronenkuchen und Salami-Käsestullen eingepackt und unsere Thermosflaschen mit Pfefferminztee aufgefüllt.«

»Eure Mutter ist die Beste«, freute sich Enzo. »Leider wird das aber nicht für die ganzen Ferien ausreichen.«

»Beruhige dich, Enzo«, beschwichtigte Ingo. »Bäuerin Wendel schrieb, sie stellt uns Verpflegung zur Verfügung.«

Enzo leckte sich unbewusst die Lippen. »Das ist ausgezeichnet. Das werden gewiss schöne Ferien.«

Es dauerte nicht mehr lange, bis sie in der kleinen Ortschaft Talheim ankamen. Eine blond gelockte, ältere Dame in modernen Bluejeans und gelber Bluse wartete an der Haltestelle.

»Das muss Bäuerin Wendel sein«, vermutete Lisa. »Sonst ist ja hier niemand, der wartet.«

Sie behielt recht, denn als sie ausstiegen, wurden sie von der Frau begrüßt: »Hallo, IGEL-Team. Ich bin echt froh, dass ihr gekommen seid.«

»Danke für die Einladung«, bedankte sich Ingo für alle.

Bäuerin Wendel sah den einen Kopf größeren Georg an. »Sie gehören auch dazu, junger Mann?«

Georg grinste. »Klar. Sie können mich ruhig duzen. Ich bin erst dreizehn.«

Die Bäuerin war beeindruckt. »Das ist unglaublich, ich hätte dich viel älter geschätzt.«

»Das sagen alle«, antwortete Georg amüsiert.

Die Kinder folgten der Frau durch die Hauptstraße des Ortes, der wie ausgestorben wirkte.

»Es ist so ruhig hier, weil die meisten Familien morgens in den Feldern arbeiten«, klärte die Bäuerin auf.

»Wir hoffen, wir können Ihnen helfen, damit auf Ihrem Feld wieder etwas wächst und sich der finanzielle Schaden in Grenzen hält«, meinte Georg.

Die Bäuerin winkte ab. »Wir haben viele Felder. Nur eins davon ist verwüstet. Der Verlust hält sich daher in Grenzen. Das Schlimme ist, dass mein Mann und ich große Angst haben, weil wir uns durch die Sabotage sehr bedroht fühlen. Wir befürchten, dass der Täter es nicht bei dem einen Feld belassen wird. Er könnte alle unsere Felder vernichten oder sogar noch Schlimmeres anstellen. Es ist wirklich ein Gefühl der Ohnmacht.«

»Das kann ich Ihnen gut nachfühlen«, antwortete Ingo.

 

 

*****