Band 21 - Ankunft der Außerirdischen

Mysteriöse Lichter kreisen am Nachthimmel über den Wäldern des Dahner Felsenlands. Im nahe gelegenem Ort Erlenbach wird sogar über außerirdische Besucher gemunkelt. Ausgerechnet dort haben Lisa, Enzo, Ingo und Georg ihren Zeltausflug für die Osterferien geplant. Sie wären nicht das IGEL-Team, würden sie in diesem seltsamen Fall nicht nachforschen. Wie so oft geraten sie auch dieses Mal in ein aufregendes und spannendes Abenteuer, das nicht von dieser Welt zu sein scheint.

 

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Radtour nach Erlenbach

Es herrschte ein herrlich warmer Frühlingstag und die Sonne schien vom tiefblauen Himmel. Vier Kinder radelten in Richtung Dahner Felsenland über den Radweg und waren unterwegs zu einem Platz, auf dem sie die nächsten Tage zelten wollten. Der Weg führte neben der Landstraße entlang durch den dichten Mischwald. Sonnenstrahlen drangen durch die Baumkronen bis hinunter zum Waldboden, wo Honigbienen und bunte Schmetterlinge zwischen kräftig gelben Butterblumen und zart violetten Krokussen umhersurrten. Die Luft war erfüllt von einem Duft nach Tannen und frischem Moos. Kurz gesagt, es war ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Die Kinder freuten sich wahnsinnig darauf, die Osterferien in ihren Zelten in freier Natur zu verbringen.

»Hurra, ich freue mich riesig auf unseren Zeltausflug«, jubelte das Mädchen und trat in die Pedale, dass ihr blonder Pferdeschwanz wild hin- und herflog.

»Nicht so schnell, Lisa«, meinte ihr Bruder hinter ihr. Der Junge beugte den Kopf nach vorne, um den Luftwiderstand zu verringern, sah konzentriert über seine Brille hinweg und versuchte, dem Mädchen zu folgen.

Gleich hinter ihm radelte ein großer Junge, der zwar erst dreizehn Jahre alt war, aber aufgrund seiner Größe, wie ein Neunzehnjähriger aussah. »Wartet auf uns, Ingo und Lisa. Warum habt ihr es plötzlich so eilig? Wir haben die ganzen Ferien noch vor uns und müssen nicht hetzen. Wenn ihr nicht auf mich warten wollt, habt doch wenigstens Mitleid mit Enzo.« Mit dem Kopf zeigte er auf molligen den Jungen, der hinter ihm fuhr und sichtlich große Mühe hatte, ihnen nachzukommen.

»Ja, das denke ich auch, Leute. Es ist sehr unhöflich von euch, mir einfach davonzufahren«, prustete der schwarz gelockte Junge, der das Schlusslicht bildete und seinen Freunden kaum noch folgen konnte. »Es wäre doch schöner, langsamer zu fahren und die schöne Umgebung und die frische Waldluft zu genießen, als durch den Wald zu rasen, als würden wir ein Wettrennen veranstalten.«

»Ein Wettrennen«, quietschte Lisa motiviert. »Das ist eine tolle Idee. Jungs! Wir machen ein Wettrennen. Wer als Erster in Erlenbach ankommt, hat gewonnen!«

»Das war's, Freunde.« Enzo hielt an, stellte sein Fahrrad ab und setzte sich auf einen umgefallenen Baumstamm nieder. Die drei Geschwister hielten wie auf Kommando an.

Lisa hob genervt die Augenbrauen und rümpfte ihre sommersprossige Nase. »Lass mich raten! Du hast wie immer Hunger.«

»Das war wohl nicht schwer zu erraten«, bestätigte Enzo mürrisch. »Ich habe Hunger, Durst und bin völlig erschöpft. Ohne eine Stärkung komme ich nicht mehr weiter und ein Wettrennen können wir sowieso vergessen. Du bist die Sportlichste von uns, Lisa. Das ist unfair, weil du sowieso immer gewinnst.« Trotzig stützte er seinen schwarzen Lockenkopf in beide Hände.

Der große Georg schaute stirnrunzelnd auf seine Armbanduhr. »Es ist erst 11 Uhr. Es ist noch viel zu früh fürs Picknick. Kannst du es nicht noch ein wenig aushalten, Enzo? Wir müssten bald da sein.«

»Wenn ich es aushalten könnte, hätte ich nicht angehalten«, brummelte Enzo.

»Ja, das Picknick wollten wir in Erlenbach machen, sobald wir unsere Zelte aufgebaut haben«, erinnerte Ingo und kramte in seinem Rucksack herum.

Dann reichte er Enzo eine Flasche Apfelsaftschorle, ein grünes Osterei und einen Müsliriegel. »Bitteschön. Das wird dich erst mal stärken, bis wir am Ziel sind.«

Enzo strahlte übers ganze Gesicht. »Danke, Ingo. Du hast mir das Leben gerettet.« Zuerst aß er das Ei, danach den Riegel und anschließend trank er die Schorle, während Lisa, Georg und Ingo ihm ungeduldig zusahen.

»Auf jetzt, Enzo«, drängte Lisa. »Können wir endlich weiter, bevor du wieder Hunger bekommst und uns den gesamten Proviant für die nächsten Tage leer futterst?«

»Sehr lachhaft, Lisa«, sagte Enzo. »Du bist witzig und hättest Clown werden sollen. Aber ich bin bereit. Fahren wir, damit wir unsere Zelte aufbauen und endlich unser Picknick machen können.«

Umgehend setzten die vier Kinder ihren Weg fort. Sportlich radelten sie durch den Wald über den Radweg. Nach einer halben Stunde kamen sie in einen Ort, der von bewaldeten Bergen umgeben war. Zügig fuhren sie am Ortseingangsschild mit der Aufschrift "Erlenbach" vorbei.

 

 

 

 

 

Kuriose Angebote im Souvenirladen

Die vier Kinder folgten der breiten Hauptstraße durch den Ort, die durch eine menschenleere Siedlung mit gepflegten Häuserreihen führte. Auf dem Gehweg stand ein Pappaufsteller, der ihre Aufmerksamkeit erweckte. Es war ein kleines grünes Männchen mit Glatze und riesigen schwarzen Augen. Sie näherten sich und erkannten hinter dem Pappaufsteller einen Souvenirladen.

Enzo hielt sofort an. »Wartet mal! Das sieht aus wie ein Außerirdischer aus diesen Filmen? Was hat das wohl zu bedeuten? Warum verkaufen die hier solch seltsame Dinge?«

»Das ist eine gute Frage, die mich auch brennend interessieren würde«, erwiderte Ingo perplex.

Sie hielten an, stellten ihre Fahrräder ab und sahen sich die mysteriösen Artikel im Schaufenster genauer an.

»Tassen, T-Shirts und Teller. Alles mit Motiven von UFOs und kleinen grünen Männchen«, zählte Lisa die Artikel auf. »Aus welchem Grund werden hier solche außergewöhnlichen Sachen verkauft?«

Ingo rückte seine Brille zurecht. »Ähnliche Artikel gibt es im amerikanischen Bundesstaat New Mexiko in der Kleinstadt Roswell, wo im Jahre 1947 angeblich ein UFO mit Außerirdischen abgestürzt war. Das hatte ich mal gelesen. Die Sache nennt sich der Roswell-Zwischenfall.«

»Ich erinnere mich, das auch gelesen zu haben«, warf Georg ein. »Das war aber nicht wirklich ein UFO, was da in Roswell abgestürzt war. Es war ein verunglückter Wetterballon, den die amerikanische Luftwaffe steigen lassen hat.« Wer sollte das besser wissen als Georg, der sich für Flugzeuge interessierte wie kein anderer? Sein Berufswunsch war Pilot und zahlreiche Flugzeugmodelle in allen Formen und Farben schmückten sein Schlafzimmer. Sie hingen an Angelschnüren von der Decke und standen auf Regalen und Schränken. Sein Zimmer glich fast einem Flugzeugmuseum.

»Genau so ist es, Georg«, gab Ingo seinem Bruder recht. »Das Objekt in Roswell seinerzeit war nur ein Wetterballon oder ein Spionagesatellit, der unter einer geheimen militärischen Aktion gestartet wurde, was auch der Grund für die Heimlichtuerei und den Vertuschungsversuchen war.«

»Soweit, so gut«, sagte Enzo. »Was hat diese ganze Sache aber mit Erlenbach zu tun? Gab es vielleicht einen Erlenbach-Zwischenfall?«

»Nein, das gab es meines Wissens nicht. Warum solche Artikel hier angeboten werden, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft.« Ingo zeigte ins Schaufenster. »Und hier sind sogar kleine UFOs und die grünen Männchen als Figuren, Bilder und Schlüsselanhänger. Das ist sehr merkwürdig und ich würde auch liebend gerne herausfinden, was es mit dieser Sache auf sich hat.«

»Wer weiß? Vielleicht leben hier Außerirdische«, scherzte Enzo und zog dabei eine Furcht einflößende Grimasse, was seine Freunde erheiterte.

»Vielleicht ist dieses Gebiet als Landeplatz für UFOs bekannt?!«, scherzte auch Georg.

Plötzlich ging die Tür des Souvenirladens auf. Ein etwa zehn Jahre alter, braunhaariger Junge und ein Mädchen mit langen braunen Haaren im gleichen Alter, das dem Jungen sehr ähnlich sah, standen in der Ladentür.

»Kommt doch rein!«, forderte der Junge die Kinder auf. »Hier gibt es noch viel mehr solche Sachen, die euch gefallen könnten.«

»Danke, nein«, lehnte Georg ab. »Wer seid ihr? Gehört ihr zu diesem Geschäft?«

»Ich bin Sven Reiter und das ist meine Zwillingsschwester Svenja. Unseren Eltern gehört der Souvenirladen«, erklärte der Junge stolz.

»Was hat es mit diesen sonderbaren Waren auf sich?«, hakte Enzo nach. »Warum werden hier UFO-Artikel verkauft? Hat das einen bestimmten Grund?«

Svenjas blaue Augen weiteten sich. »Wisst ihr das etwa nicht?«

Georg schüttelte den Kopf. »Nein! Was sollen wir wissen?«

»Na, in letzter Zeit kommen uns Außerirdische besuchen. Fast täglich werden UFOs gesehen und seltsame Spuren gefunden, das weiß doch jeder. Es stand sogar in den Zeitungen.«

»Echt jetzt?«, lachte Lisa. »Ihr wollt uns wohl veräppeln?!«

Die Gesichter der beiden Geschwister waren und blieben jedoch sehr ernst. »Nein, es ist wirklich wahr«, versicherte Sven. »Wir wollen euch nicht veräppeln.«

Georg schaute nachdenklich drein. »Und wo genau sollen diese UFOs gesichtet und diese Spuren gefunden worden sein?«

»Am Ortsrand in den Wäldern«, klärte Svenja auf und zeigte dabei in Richtung Wald.

Sven drückte die Ladentür weiter auf. »Wollt ihr jetzt reinkommen oder nicht?«

»Danke, vielleicht später«, lehnte Enzo ab. »Wir werden für die nächsten Tage am Ortsrand zelten und kommen wohl öfter her, um Proviant zu kaufen. Mal sehen, vielleicht werden wir dann mal bei euch vorbeischauen.«

Svenja riss entsetzt die Augen auf. »Ihr werdet zelten, obwohl sich hier Außerirdische herumtreiben? Das würden wir uns nicht getrauen, da hätten wir viel zu viel Angst, die Außerirdischen könnten uns was antun. Ihr seid ganz schön mutig.«

Georg lächelte amüsiert. »Ja, wir sind sehr mutig. Das liegt wohl in unserer Natur.«

Die Kinderdetektive verabschiedeten sich von dem Zwillingspaar, schwangen sich auf ihre Fahrräder und setzten ihren Weg durch den Ort fort.

»Ich hoffe, wir sind uns einig«, vergewisserte sich Ingo. »Natürlich glauben wir nicht an Außerirdische. Oder sieht das jemand von euch anders?«

»Nein«, raunten Enzo, Lisa und Georg gleichzeitig mit einem Lachen in der Stimme.

»Wir könnten die Zeit, in der wir hier sind, nutzen, die Sache aufzuklären«, schlug Georg vor.

»Na klar, werden wir das«, hatte Lisa bereits beschlossen. »Das werden wir uns wohl nicht entgehen lassen.«

»Es kann nicht allzu schwer sein, herauszufinden, woher ein paar Lichter am Himmel und ein paar Spuren kommen, und was die Ursache dafür sein könnte«, war Ingo überzeugt.

»Der Meinung bin ich auch. Vielleicht handelt es sich bei den Lichtern nur um ein paar Sternschnuppen«, glaubte Enzo. »Was hat es aber mit den Spuren auf sich, die sie erwähnt hatten?«

»Das werden wir sehen«, war Georg zuversichtlich. »Wenn es hier etwas Ungewöhnliches gibt, wird es uns bestimmt nicht entgehen.«

Sie durchquerten den Ort, fuhren ein Stück durch den kühlen Schatten des Waldes und kamen an eine lichtdurchflutete Wiese so groß wie vier Fußballfelder. Am hinteren Ende grenzte sie an einen bewaldeten Berg, auf dessen Kamm in der Ferne eine rotbraune Burg thronte.

Ingo zeigte nach oben. »Seht mal! Die Burg Berwartstein.«

»Klasse«, freute sich Georg. »Dahin könnten wir einen Ausflug machen, wo wir schon mal hier sind. Ich mag Burgen. Mich interessieren am Meisten die Burgverliese und die alten Kanonen.«

»Klar werden wir einen Ausflug zur Burg machen«, versicherte Ingo. »Auch deshalb habe ich diesen Platz zum Zelten übers Internet aussucht. Bei unserem Zeltausflug wird keine Langeweile aufkommen, denn wie ihr mich kennt, habe ich mitgedacht und vorausgeplant.«

Das hatte er in der Tat. Die letzten drei Tage hatte Ingo stundenlang an seinem Computer gesessen und einen perfekten Platz zum Zelten ausgesucht. Der Zeltausflug sollte perfekt werden und deshalb musste auch der Zeltplatz perfekt sein. Dabei wollte Ingo nichts dem Zufall überlassen. Es gab da eine kleine Information, die er den anderen verschwiegen hatte.

Zwischen Wald und Wiese führte ein unbefestigter Weg entlang, den sie bis zum Waldrand am Fuße des Berges folgten. Die kleinen bunten Blüten, mit denen die Wiese übersät war, hüllte diese in einen herrlich süßlichen Duft.

Als sie am Waldrand ankamen, nickte Lisa zufrieden. »Das ist ein toller Platz zum Zelten.«

»Ja, die Lage ist ideal«, stimmte Georg ihr zu. »Wollen wir in die Sonne, gehen wir zur Wiese, und wenn wir in den Schatten wollen, gehen wir in den Wald. Der Platz ist ideal. Das hast du gut gemacht, Ingo.« Lisa und Enzo stimmten Georgs Worte nickend zu.

»Danke, Leute«, freute sich Ingo. »Wie immer habe ich auch hier mein Bestes gegeben.«

Enzo sah durch die Bäume hindurch etwas Helles schimmern. »Was ist das da vorne? Steht da etwa ein Haus?«

Ingo nickte. »Das hast du richtig erkannt, Enzo. Da wohnt Förster Scheiter. Falls wir Hilfe brauchen, können wir uns mit unseren Thrillerpfeifen bemerkbar machen. Ich habe ihm für alle Fälle ein E-Mail geschrieben und ihm mitgeteilt, dass wir hier zelten werden. Er hat es uns gegen eine Gebühr von 1 Euro am Tag erlaubt. Ich habe ihm das Geld sofort überwiesen, weil ich mir diese Chance nicht entgehen lassen wollte. Wir sollen aber unseren Müll mitnehmen und auf keinen Fall ein Feuer machen.«

»Er hat Geld verlangt?«, wunderte sich Georg. »Darf er das? Das ist doch gar kein offizieller Zeltplatz?!«

»Genau aus diesem Grund hat er ja das Geld verlangt«, erwiderte Ingo. »Wildes zelten ist verboten und außerdem wird er dafür ein Auge auf uns werfen. Er sagte, das Geld ginge an einen guten Zweck.«

Lisa winkte ab. »Wir sollen unseren Müll wegräumen und kein Feuer machen? Das ist doch selbstverständlich. Hatte er eigentlich nichts von dieser UFO-Geschichte erzählt?«

Ingo atmete hörbar durch. »Vielleicht hatte er es erwähnt und ich habe nicht mehr daran gedacht, es euch zu sagen. Er meinte, in letzter Zeit würden einige Leute auf diesem Platz gerne zelten. Das sind garantiert Schaulustige, die wegen der UFOs kommen.«

Georg sah sich um. »Im Moment sind wir aber die Einzigen, wie es aussieht.«

»Ingo!« Lisa stemmte die Hände in die Hüften. »Vielleicht hatte er es erwähnt und du hast es vergessen? Für wie dumm hältst du uns eigentlich?«

»Nun gut. Ja, er hat es erzählt«, gab Ingo zu. »Ich hielt es nicht für wichtig genug, euch darüber zu informieren.«

»Wie konntest du eine derart außergewöhnliche Sache nicht für wichtig genug halten, sie uns zu erzählen?«, wunderte sich auch Georg.

Ingo grinste verlegen. »Insgeheim wollte ich euch damit überraschen und hoffte auf ein kleines Abenteuer.«

Enzo blickte in die Runde. »Die Überraschung ist ihm doch gelungen, meint ihr nicht auch, Freunde?«

»Ja«, bestätigte Georg. »Es ist klasse, dass wir nicht nur an einen so schönen Ort zelten, sondern auch noch einen so interessanten Fall zu lösen haben. Darin sind wir schließlich gut.«

»Hoffen wir nur, dass wir nicht von Außerirdischen entführt werden«, scherzte Lisa, worauf alle lachten.

An diesem herrlichen Platz am Rande des Waldes und am Ende der duftenden Blumenwiese tönte emsiges Vogelgezwitscher, wodurch der Verkehr der entfernten Straße kaum noch zu hören war. Die Kinder stellten ihre Fahrräder unter den Bäumen ab, luden das Gepäck herunter und breiteten es auf der Wiese aus. Unverzüglich machten sie sich an die Arbeit, ihr Lager aufzuschlagen.

Jeder hatte sein eigenes Zelt dabei und zusätzlich hatten sie ein großes Gemeinschaftszelt mitgenommen, das ihnen als gemeinsamen Unterschlupf bei Unwettern dienen sollte. Nach etwa zwanzig Minuten hatten sie es geschafft. Ihr Zeltlager am Waldrand lag malerisch auf der Wiese im Schatten der Bäume umgeben vom kniehohen Gras und bunten Blümchen, die von Schmetterlingen umschwirrt wurden.

Lisa schaute sich um und hörte erst jetzt ein Gluckern. »Hört ihr das auch? Da muss irgendwo in der Nähe ein Bach sein.«

»Ja, das ist der Erlenbach, von dem der Ort seinen Namen hat«, informierte Ingo. »Auch deshalb habe ich diesen Platz ausgesucht. Ich dachte mir, wir könnten das Wasser stauen, um darin schwimmen zu können.«

Georg war sofort begeistert. »Du bist ein Genie, Ingo! Oh ja. Wir stauen den Bach und lassen den Wasserpegel steigen. Das wird ein Spaß.«

»Nur sollte es der Förster nicht sehen, sonst verbannt er uns kurzerhand vom Platz«, befürchtete Enzo. »Bestimmt sieht er es nicht gerne, wenn wir hier die Landschaft verändern.«

»Das ist gewiss kein Problem«, glaubte Lisa. »Es ist ja nur vorübergehend. Wir werden unseren Damm ja in ein paar Tagen abbauen, bevor wir heimfahren.«

Es war nur ein Steinwurf bis zum Erlenbach, wo kristallklares Wasser über schneeweiße Kieselsteine und knorrige Baumwurzeln floss.

»Hier ist ja der Bach schon«, freute sich Lisa. »Durch das hohe Gras an der Uferböschung hatte man ihn vom Zeltplatz gar nicht gesehen?!«

»Wir häufen die größeren Steine zu einem Damm an und dichten diesen mit Zweigen und Blättern ab«, schlug Ingo vor. »So sollten wir einen größeren Badebereich vor dem Damm bekommen, sobald sich das Wasser aufgestaut hat.«

»He, Leute!«, machte sich Enzo bemerkbar. »Mir würde es auch Spaß machen, einen Damm zu bauen und ich möchte kein Spielverderber sein. Ihr habt aber versprochen, wir werden Picknick machen, sobald unsere Zelte aufgebaut sind. Wir haben unsere Zelte gerade aufgebaut, wenn ich euch daran erinnern darf.«

»Das hatten wir tatsächlich gesagt«, stimmte Georg zu. »Ich habe auch ein Hungergefühl und könnte einen Happen vertragen.«

»Okay, gut«, stimmte Ingo zu. »Stauen wir den Bach eben nach dem Essen auf.«

»Spielverderber«, raunte Lisa Enzo an.

Die Kinder breiteten eine rot-weiß geblümte Picknickdecke auf dem freien Platz inmitten des Zeltlagers aus und stellten den Korb mit dem Proviant und die Kühlbox mit den Getränken und dem Obst dazu. Es gab eine Schüssel voller bunter Ostereier und dazu herzhafte Butterstullen. Enzo nahm sich mit Erlaubnis seiner Freunde nur die roten Eier, weil er sich sicher war, diese würden am Besten schmecken. Zum Nachtisch hatten sie eine große Schüssel selbst gemachten Kirsch-Joghurt dabei, die im Nu ausgelöffelt war. Als sie gerade das Essgeschirr zusammenräumten, hörten sie ein lautes Knacken im Wald.

»Was war das?«, erschrak Lisa und stellte sich vor, wie ein Außerirdischer aus den Hecken stürmen würde, was ihr ein unbehagliches Gefühl bescherte.

Auch Enzo war beunruhigt und musste unwillkürlich ebenfalls an die Außerirdischen denken. »Wer ist da?«, rief er vorsichtig.

»Keine Angst. Das war bestimmt nur ein Reh«, vermutete Ingo.

»Nein, es ist …«, widersprach Georg ins Unterholz blickend. »Wartet mal, da bewegt sich was!«

Ein älterer Mann im grünen Jackett kam zwischen den Bäumen hervor. Auf seinem Kopf trug er einen grünen Hut mit einer Feder. »Hallo, Kinder. Ihr seid bestimmt die Seiferts, die sich einen Platz auf der Waldwiese reserviert haben.«

»Hallo, Herr Förster Scheiter«, grüßte Ingo erfreut. »Ja, wir sind es.«

»Okay, stellt nichts an, wirft keinen Müll herum und macht kein Feuer«, bat der Förster. »Ansonsten könnt ihr herumtoben, wie ihr wollt. Hier draußen in den Wäldern abseits der Stadt wird sich keiner gestört fühlen.«

»Wir machen weder Feuer, noch werfen wir Müll herum«, versicherte Enzo.

»Wir haben Trillerpfeifen dabei, mit denen wir uns bemerkbar machen, falls wir Ihre Hilfe benötigen«, informierte Ingo.

»Das ist eine gute Idee.« Herr Scheiter zeigte zum Haus. »Ich wohne da vorne, falls ihr etwas brauchen solltet oder meine Hilfe benötigt, pfeift oder kommt einfach bei mir vorbei.«

Ebenso schnell, wie er aus dem Dickicht aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden.

»Der Mann wirkt sehr ernst und streng. Er wird gar nicht begeistert sein, wenn wir den Bach stauen«, befürchtete Georg.

»Macht euch keine Sorgen«, beruhigte Ingo. »Sollte er es bemerken und etwas dagegen haben, bauen wir unseren Damm eben einfach wieder ab. Das ist kein Problem.«

»Auf was warten wir noch? Lasst uns loslegen«, drängte Lisa unternehmungslustig. »Ich will endlich baden.«

Die Kinder krempelten ihre Hosenbeine hoch und gingen in den Bach. Das kalte Wasser reichte ihnen bis zu den Waden. Sie räumten die faustgroßen Kieselsteine zusammen und schichteten diese wie eine Mauer bis auf Hüfthöhe auf. Die Ritzen dichteten sie mit Laub und Zweigen ab. Das Wasser floss dagegen und ein Teil plätscherte hindurch. Doch langsam stieg der Wasserpegel an und reichte ihnen nach kurzer Zeit bereits bis zu den Knien.

»Es funktioniert«, freute sich Ingo. »Das Wasser steigt an.«

»Ja, es hat bald unsere Hosenbeine erreicht. Wir sollten schleunigst hier raus.« Lisa flüchtete gefolgt von den Jungen übers Ufer. Im Wettlauf rannten sie zu ihrem Zeltlager.

Georg kroch in sein Zelt. »Leute! Zieht eure Badesachen an! Wir testen unseren Schwimmbereich.«

»Darauf kannst du wetten«, sagte Enzo melodisch.

Nur wenig später standen die Kinder in Badekleidung an der Böschung bereit. Enzo zählte von drei rückwärts, dann sprangen sie schreiend ins kühle Nass. Die Staumauer funktionierte einwandfrei. Der Bach war bis auf Hüfthohe angeschwollen und plätscherte über die Mauer hinweg. Die Kinder schwammen im erfrischend kühlen, kristallklaren Wasser umher und spritzten sich schreiend gegenseitig nass. Sie veranstalteten ein Wetttauchen, spielten Fangen und tobten mit dem Ball im Bach herum. Als Georg den Ball fangen wollte, hechtete er sich gegen die Mauer, die daraufhin zusammenbrach. Das Wasser krachte tosend hindurch und alle wurden einige Meter mitgerissen und landeten im flachen Kiesbett.

Georg grinste verlegen. »Hoppla. Da war ich wohl etwas ungestüm.«

»Oje«, seufzte Enzo. »Jetzt dürfen wir noch mal von vorne anfangen, den Damm aufzubauen. Aber lasst uns gleich loslegen!« 

Unverzüglich machten sie sich an die Arbeit, bauten die Mauer erneut auf und dichteten sie mit Zweigen und Blättern ab.