Band 28 - Das Geheimnis der verschwundenen Pferde

Die Kinderdetektive des IGEL-Teams werden kurz nach Weihnachten auf einen Pferdehof eingeladen, weil dort anscheinend ein Pferd gestohlen wurde. In letzter Zeit verschwanden in dieser Gegend viele Pferde. Die aufgeweckten Kinder machen sich auf die Suche und schlittern in ein spannendes Abenteuer.

 

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Ein kalter Tag

Früh am Morgen, es war fast noch dunkel, herrschte eine eisige Kälte und aus den Fenstern der Häuser schimmerte warmes Licht. Dicke Schneeflocken rieselten vom dunkelgrauen Himmel herab. Dumpfes Glockengeläut hallte durch die malerische Pfälzer Kurstadt Bad Bergzabern. Als der letzte Glockenschlag verhallte, herrschte eine gespenstische Stille. Auf der sonst so verkehrsreichen Straße waren weder Menschen noch Fahrzeuge zu sehen.

Im Hause der Seiferts war es mollig warm und ein herrlicher Duft von Lebkuchen, Apfelsinen und heißer Schokolade lag in der Luft. Vier Kinder saßen in der Küche beim Frühstück und ließen sich knusprig goldene Brötchen mit Zuckerrübensirup, Marmelade und Honig schmecken.

Währenddessen war Frau Seifert an der Anrichte beschäftigt und holte gerade ein Backblech mit Lebkuchen aus dem Ofen. Die Kinder am Tisch waren der zwölfjährige Brillenträger Ingo, sein Bruder Georg, der erst dreizehn war, aber wie ein Neunzehnjähriger aussah. Daneben saß die Schwester der beiden Buben, die elfjährige blonde Lisa. Auf der Eckbank saß schließlich der Nachbarsjunge, der mollige, schwarz gelockte Enzo, der die meiste Zeit bei Familie Seifert verbrachte, weil seine Eltern eine Pizzeria betrieben und wenig Zeit für ihn hatten. 

Enzo sah hinüber zur Anrichte und leckte sich die Lippen. »Der Lebkuchen duftet unglaublich gut, Frau Seifert und er sieht fantastisch aus.«

»Du bekommst davon aber nichts, Enzo«, sagte Lisa streng. »Wenn du deine beiden Brötchen aufgegessen hast, hast du genug gegessen.«

»Du hast recht, Lisa. Erst nach dem Mittagessen«, stimme Enzo zu. »Denn mit den beiden Brötchen werde ich wahrscheinlich pappsatt sein.«

»Nach dem Mittagessen? Nein«, entgegnete Lisa. »Du bekommst gar keinen Lebkuchen, damit das gleich Mal klar ist.«

Enzo legte sorgenvoll die Stirn in Falten. »Aber ich liebe den Lebkuchen eurer Mutter?! Wieso sollte ich …?«

»Lisa!«, rügte die Mutter. »Hör auf damit, Enzo zu ärgern. Natürlich bekommt er Lebkuchen.«

Lisa lachte gehässig auf. »Du hättest mal dein Gesicht sehen sollen, Enzo. Das war echt lustig.« Lisa zog eine lustige Grimasse, um Enzos Gesichtsausdruck nachzuahmen.

»Lisa?!«, mahnte die Mutter erneut in einem noch strengeren Ton. »Sagte ich nicht, du sollst damit aufhören?«

»Entschuldige, Mama«, gab Lisa klein bei. »Es war echt nicht böse gemeint.«

Der große Georg grinste breit. »Ach, das macht sie doch immer so, Mama.«

»Deshalb muss ich es nicht gutheißen«, erwiderte Frau Seifert.

»Das macht aber nichts, Frau Seifert. Wir ärgern uns gerne gegenseitig. Wirklich«, versicherte Enzo. »Wir machen nur Spaß.«

»Ja«, bestätigte Georg. »Sie necken sich ständig gegenseitig. Das liegt an ihrer innigen Liebe, die sie füreinander empfinden und sich nicht eingestehen wollen.«

Kaum hatte Georg ausgesprochen, landete Lisas Faust auf seinem Oberarm. »Aua! Bist du noch bei Sinnen? Was soll das?«

»Tut mir leid, Georg. Aber meine Faust liebt eben deinen Arm heiß und innig und kann von ihm einfach nicht ablassen«, alberte Lisa, worauf Frau Seifert, Enzo und Georg lachten.

»Seid mal bitte nicht so laut«, bat Ingo und starrte auf seinen Klapprechner. »Ich will mich hier konzentrieren und ihr lenkt mich ab.«

»Oh, unser Superhirn fühlt sich offenbar gestört«, alberte Georg.

»Was liest du so Wichtiges, Ingo?«, interessierte sich Enzo schalkhaft grinsend. »Ist es etwa ein Liebesroman?«

»Ein was?«, frage Ingo irritiert. »Wie kommst du darauf, ich würde Liebesromane lesen? Jemand hat sich auf die Anzeige im Internet für unseren Schneeräumdienst gemeldet. Es ist ein Pferdehof in Annweiler.«

»Wie bitte?«, hakte Lisa laut betont nach. »Habe ich das richtig verstanden?«

Ingo lächelte und schaute Lisa über seine Brille hinweg an. »Ja, du hast richtig verstanden, Lisa. Ich lese tatsächlich keine Liebesromane.«

»Jawohl! Wir gehen auf einen Pferdehof«, jubelte Georg. »Das ist Spitzenklasse.«

»Das freut mich sehr für euch, Kinder. Ich bereite euch genügend Proviant vor. Wie lange werdet ihr dort bleiben?«

»Fast eine Woche. Bis zum Jahreswechsel sind wir wieder hier«, antwortete Ingo. »Verpflegung wird aber selbstverständlich dort von unseren Gastgebern zur Verfügung gestellt.«

»Das macht aber nichts, Frau Seifert«, klang Enzo verzweifelt. »Die haben dort bestimmt keinen so guten Lebkuchen, wie Sie ihn machen. Deshalb wäre es gut, wenn Sie uns trotzdem etwas davon einpacken könnten.«

»Natürlich macht sie das«, mischte sich Lisa ein. »Du kennst doch unsere Mama. Ständig hat sie Angst, wir könnten Hunger leiden und packt uns deshalb jedes Mal zu viel Proviant ein.«

»Genau«, bestätigte Frau Seifert lächelnd. »Lieber zu viel als zu wenig. Euch soll es schließlich an nichts fehlen, Kinder.«

»Vielen Dank, Frau Seifert. Sie sind die Beste. Hurra, wir verbringen eine Woche lang auf einem Pferdehof«, platzte es aus Enzo heraus.

Zum Abschluss des Frühstücks tanken die Kinder ein großes Glas Orangensaft mit einem kräftigen Schuss Karottensaft, um genügend Vitamine für den Tag zu tanken. Danach machten sie sich an die Arbeit, ihre Sachen zu packen.

Frau Seifert richtete unterdessen den Proviant her. Sie war erleichtert, dass die Kinder jetzt kurz nach Weihnachten doch noch einen Ort gefunden hatten, wo sie einige Tage ihrer Ferien verbringen konnten. Denn je länger sie zu Hause waren, desto lauter wurden sie. Es wurde die Treppen rauf und runter gerannt, es wurden Türen geschlagen und es wurde durchs Haus gerufen. Eine Woche Ferien würde den Kindern und Frau Seifert und ihrem Mann guttun, der in der Urlaubszeit morgens gerne etwas länger schlief, was natürlich nur möglich war, wenn es ruhig im Hause war.

Oben in den Zimmern war es mittlerweile ganz hektisch geworden. Es wurde durcheinandergeredet, gerufen und gelacht. Schranktüren wurden aufgerissen und zugeknallt und bald polterten die schwer bepackten Taschen die Treppen herunter.

Am Ende des Flurs ging plötzlich die Zimmertür auf. Herr Seifert stand im Schlafanzug mit mürrischem Gesichtsausdruck in der Tür. »Was ist denn hier los? Was war das für ein Lärm und für Erschütterungen?«

Georg hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. »Oje. Tut uns leid, Papa. Wir hatten dich ganz vergessen und gar nicht daran gedacht, dass du Urlaub hast. Wir fahren auf einen Pferdehof in Annweiler, um dort Schnee zu räumen. Wir hatten unsere Sachen gepackt und waren dabei wohl etwas laut geworden.«

»Etwas laut ist wohl untertrieben.« Der Vater rieb sich die verschlafenen Augen. »Nach Annweiler? Soll ich euch hinfahren? Ich könnte mich geschwind anziehen, schnell einen Kaffee trinken, eine Kleinigkeit essen und dann bin ich bereit.«

»Das ist lieb von dir, Papa«, erwiderte Lisa. »Aber schlaf dich mal grünlich aus. Wir fahren mit dem Bus.«

»Ja«, gab Ingo hinzu. »In fünf Minuten sind wir weg. Schlaf gut und hab schöne Tage. Wir sehen uns zum Neujahrsfest.«

»Vielen Dank, Kinder. Ich wünsche euch viel Spaß«, sagte Herr Seifert. »Und bringt euch nicht in Gefahr.«

»Was warum sollten wir?« Georg blieb überrascht auf der Treppe stehen. »Wir werden doch nur Schnee räumen?!«

»Ja, natürlich«, antwortete Herr Seifert skeptisch und verschwand in sein Zimmer.

 

*****

 

 

Fahrt zum Pferdehof

Gerade als die Kinder die Treppen runterkamen, kam Enzo mit seinem Gepäck zur Haustür herein. »Seid ihr so weit, Freunde? Ist alles gepackt und unser Proviant verstaut?«

»Wir haben alles«, sagte Lisa auf das Gepäck zeigend.

Nachdem sich die Kinder von der Mutter verabschiedet hatten, zogen sie ihre warmen Handschuhe, Jacken und Strickmützen an und verließen das Haus. Sie holten ihre Schlitten aus der Garage und machten sich auf den Weg zum Bahnhof. Die Luft war feucht, kalt und roch nach Schnee. Inzwischen war es hell geworden und es schneite kräftig.

Einige Leute waren mit ihren Hunden unterwegs, die sichtlich Spaß an diesem Wetter hatten. Manche der Tiere versuchten, die dicken Flocken mit dem Maul aufzufangen, andere tollten herum und wälzten sich in der weißen Pracht, dass es geradeso staubte. Weil nicht nur die Straßen, sondern auch die Gehwege zugeschneit waren, konnten die Kinder ihre Reisetaschen nicht rollen, aber dafür bequem auf ihren Schlitten transportieren, die sie hinter sich herzogen, während der Schnee unter ihren gut gefütterten Winterschuhen knirschte. Nur wenig später kamen sie am Bahnhof an, wo der Bus bereits an der Haltestelle stand.

»Schnell, Leute. Der Bus steht schon da!«, erschrak Ingo und legte einen Zahn zu.

Sie schafften es gerade noch rechtzeitig. Hurtig stiegen sie in den angenehm warmen Bus ein und im nächsten Moment schlossen sich die Türen. Mit ihrem Gepäck und ihren Schlitten über der Schulter liefen sie nach hinten durch, um zur hinteren Sitzbank zu gelangen. Doch auf einmal setzte sich der Bus in Bewegung. Die Kinder gerieten heftig ins Wanken und konnten sich mit der freien Hand gerade noch festhalten, um nicht zu stürzen.

»Hey!«, reagierte Georg gereizt. »Der Fahrer hätte ruhig warten können, bis alle sitzen. Das war ganz schön gefährlich.«

»Das stimmt, aber wahrscheinlich hinkt er seinem Zeitplan hinterher, was bei diesen Straßenverhältnissen ja kein Wunder ist«, meinte Ingo und blickte hinaus auf die zugeschneite Fahrbahn.

Sie erreichten die hintere Sitzbank, zogen ihre Jacken und Handschuhe aus und ihre Mützen ab. Schließlich machten sie es sich in den weichen Polstern bequem und stellten ihre Füße auf den Taschen und Holzschlitten ab.

»Das haben wir gerade noch geschafft«, prustete Enzo. »Fast hätten wir den Bus verpasst.«

»Das wäre echt schlimm gewesen«, gab Ingo zu bedenken. »Der nächste Bus nach Annweiler geht erst in einer Stunde.«

»Bei der Kälte wäre das Warten sehr unangenehm geworden«, fügte Lisa hinzu.

»Ja«, bestätigte Georg. »Da helfen unsere warme Jacken, Handschuhe und Mützen nur bedingt.«

In der Tat hatten sie wahrhaftig Glück gehabt, den Bus nicht verpasst zu haben. Denn es zog ein kalter Wind auf und es fiel noch mehr Schnee vom Himmel. Verträumt beobachteten die Kinder die vorbeiziehende, schneebedeckte Landschaft. Die blätterlosen Bäume wirkten wie filigrane Gebilde aus weißem Glas und die Wiesen und Felder ähnelten einer riesigen, weißen Wüste. Der Anblick dieser winterlich weißen Landschaft war einfach nur zauberhaft und sehr beeindruckend.

Langsam aber zielsicher pflügte der Bus seine Spur in die schneebedeckte Straße und kam der Stadt Annweiler allmählich näher. Im Radio dudelte leise Musik und das Gebläse der Heizung rauschte. Die gemäßigten Unterhaltungen der Fahrgäste erzeugten ein kaum hörbares Murmeln. Große Schneeflocken tanzten durch die Luft, landeten an den Scheiben des Busses und glitten hinab.

»Ich liebe Pferdehöfe«, schwärmte Lisa. »Die geben Reitstunden, bieten Geländeritte an, beherbergen Gastpferde und um diese Jahreszeit werden sie sogar Schneeritte anbieten.«

Georg stutzte. »Woher weißt du das? Wann hattest du Zeit, dich über den Pferdehof zu informieren? Wir hatten doch sofort unsere Sachen gepackt, als wir von der Einladung erfuhren?«

Ingo lugte unbeeindruckt zu Georg rüber. »Das bieten doch alle Pferdhöfe an. Wie sollen sie sonst ihr Geld verdienen?«

»Klar«, äußerte sich Enzo. »Essen kann man die Pferde ja nicht, obwohl …«

»Wumm«, hatte er Lisas Faust auf dem Arm. »Wage es ja nicht, nur daran zu denken, Enzo.«

»Was?«, reagierte Enzo entsetzt. »Das wollte ich doch gar nicht sagen, ich meinte, obwohl Pferde süß sind und man als Streichelzoo Geld damit verdienen könnte.«

Lisa blickte kritisch drein. »Ich denke, du lügst wie gedruckt. Das wolltest du bestimmt nicht sagen.«