Band 30 - Der Hexenwald

Endlich Sommerferien. Das IGEL-Team plant einen Zeltausflug in die Wälder und findet den idealen Platz an einem Waldsee. Wundervollen Ferien steht anscheinend nichts mehr im Wege. Doch der Schein trügt, denn schnell stellt sich heraus, dass sie inmitten einer mysteriösen Umgebung gelandet sind, in der sich eigenartige Dinge ereignen. Die Kinderdetektive ermitteln und versuchen, eine logische Erklärung für die Geschehnisse zu finden.

 

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Herrliche Wälder

Ein herrlich warmer Sommertag lag über der Landschaft. Leuchtend bunte Blumenwiesen, Felder und Wälder erstrahlten in der Mittagssonne und ein fantastischer Duft nach Sommer lag in der Luft. Die Ferien hatten gerade begonnen und das Wetter schien gnädig. Unweit der idyllischen Kleinstadt Bad Bergzabern fuhren vier Kinder mit voll bepackten Fahrrädern durch den schattigen Wald und freuten sich auf ihren geplanten Zeltausflug.

Die elfjährige Lisa hatte ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr kluger zwölfjähriger Bruder Ingo schob sich seine Brille gerade und trat ordentlich in die Pedale. Hinter Ingo fuhr ihr dreizehnjähriger Bruder Georg. Er war so groß gewachsen, dass man ihn für einen Neunzehnjährigen hielt, worauf er immer sehr stolz war. Mit Abstand folgte ein molliger, schwarz gelockter Junge.

Angestrengt trat er in die Pedale, prustete und schnaufte wie eine alte Dampflok. Der zwölfjährige Enzo war Italiener, wohnte in der Nachbarschaft der drei Geschwister und verbrachte die meiste Zeit mit ihnen. Tapfer radelten die Vier durch die Mittagshitze über den Radweg, der an der Hauptstraße entlangführte und von Gras und roten, gelben und violetten Wildblumen umsäumt war.

»Sobald wir ankommen, müssen wir erst ein paar Sachen besorgen«, verkündete Ingo seinen Plan. »Wir haben nur wenig Proviant mitgenommen, um Gewicht einzusparen. Zum Zelten würde das hinten und vorne nicht ausreichen.«

»Besonders weil Enzo dabei ist«, fügte Lisa hinzu und warf einen neckischen Blick nach hinten.

»Selbstredend«, stimmte Enzo gleichgültig zu. »Wir brauchen Traubensaft, Orangensaft, Milch und Wasser. Während des Zeltens wollen wir ja keinen Nährstoffmangel erleiden.«

»Im Notfall könnten wir zu einem nahe gelegenen Bauernhof fahren und uns dort ein wenig Verpflegung holen«, erklärte Ingo. »Der Platz, den ich zum Zelten ausgesucht habe, liegt nämlich unweit eines Gehöfts, das Gäste beherbergt.« Ingo hatte den Zeltplatz übers Internet gesucht und wie jedes Mal an alles gedacht. So machte er es immer, wenn sie zelten gingen. Bisher hatte er mit seiner Auswahl immer voll ins Schwarze getroffen und alle waren mit dem Platz sehr zufrieden.

»Ein Gehöft? Das ist gut«, war Georg begeistert. »Sollte es ein Unwetter geben, könnten wir dort unterkommen. Im Wald ist es nämlich zu gefährlich, falls es ein Gewitter geben sollte.«

»Genau«, prustete Enzo. »Gerade wo wir in der Nähe eines Gewässers zelten werden, das macht es doppelt gefährlich. Bei dieser Hitze sind abendliche oder nächtliche Sommergewitter nicht gerade selten.«

Ingo nickte. »Du sagst es, Enzo. Deshalb war es mir immens wichtig, eine Notunterkunft in der Nähe zu haben.«

»Jawohl«, jauchzte Lisa voller Vorfreude. »Das werden schöne Ferien, genau nach meinem Geschmack.«

»Das hast du immens gut gemacht, Ingo. Oder man könnte auch sagen, du hast das außerordentlich gut gemacht«, lobte Enzo albernd.

Motiviert radelten die Vier in Richtung der Ortschaft Münchweiler am 

Klingbach, die vom Heimatort der Kinder neun Kilometer entfernt war. Der warme Sommerwind wehte ihnen ins Gesicht und frische würzige Waldluft umgab sie. Sie freuten sich sehr darauf, endlich anzukommen und ihre Zelte aufzubauen.

Bestimmt wird es wieder ein schönes Abenteuer, dachte Lisa bei sich und ahnte dabei nicht, welch ungewöhnliches Ereignis sie dort noch erwarten sollte.

Sie fuhren bergauf, rollten bergab, kamen durch dichten Wald und an Lichtungen vorbei. Es war einfach nur grandios. Das Wetter war fantastisch, die Ferien hatten gerade begonnen und das Radfahren machte riesigen Spaß, obwohl es sehr heiß war. Sie malten sich bereits aus, wie schön das Zelten sein wird und wie abenteuerlich die Waldwanderungen und Fahrten mit dem Schlauchboot werden sollten. Wettschwimmen, Wetttauchen, Wasserballspiele und Bootsfahren waren in den Ablauf der kommenden Tage fest eingeplant.

Mittlerweile waren sie vierzig Minuten unterwegs. Ingo fuhr zielsicher voraus. Sie bogen vom Radweg ab und fuhren tiefer in den Wald. Nach wenigen Hundert Metern kamen sie an einen silbrigen See, der etwa so groß wie zwei Fußballfelder war. Das breite Ufer war von bunten Blumen und Gras übersät und dessen Anblick entlockte den vier Abenteurern ein erfreutes Raunen.

»Der Platz ist wunderschön«, frohlockte Enzo. »Seht euch nur den Teppich aus Gras und bunten Blumen an, der den See umgibt. Und wie es hier so herrlich süßlich duftet?! Das erinnert mich an leckere Fruchtbonbons.«

»Eigentlich erinnert dich ja alles ans Essen, Enzo«, kommentierte Lisa belustigt. »Das ist einfach nur ein toller Blumenduft, der mit Bonbons gar nichts zu tun hat. Wahrscheinlich erinnert dich das leuchtend grüne Gras an Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack, die braunen Äste und Zweige an Schokolade ...«

»Du kennst mich besser, als ich dachte, Lisa«, scherzte Enzo. »Wenn wir mit dem Boot rausfahren, können wir dich als sommersprossiges Segeltuch benutzen, weil du so dünn bist.« Lisas Faust landete auf Enzos Arm, dass er fast vom Rad gefallen wäre, worauf alle lachten.

»Auf jeden Fall ist die Luft hier sehr gesund, Leute«, warf Ingo ein. Unverzüglich lud er seine Zeltausrüstung vom Fahrrad herunter und warf sie ins Gras.

Georg legte ebenfalls seine Zeltausrüstung ab. »Verstecken wir die Sachen in den Büschen und fahren in den Ort, damit wir es hinter uns haben und uns auf den Spaß konzentrieren können. Wir wollten doch noch Besorgungen machen, oder?«

»Ja, klar«, meinte Lisa. »Verstecken wir alles und fahren gleich los.«

Georg schaute sich mit kritischer Miene um und lauschte auf das Vogelgezwitscher. »Es ist hier sehr merkwürdig, Leute!«

»Wie bitte?«, glaubte Ingo sich verhört zu haben. »Der Platz ist fürs Zelten wie geschaffen. Was hast du daran auszusetzen?«

»Nichts«, antwortete Georg. »Aber es ist ein herrlich warmer Sommertag, es sind Sommerferien und hier ist ein wundervoller Waldsee, der zum Baden förmlich einlädt. Fällt euch hier nichts auf?«

»Doch«, bemerkte Enzo. »Wo sind die ganzen Leute?«

»Natürlich«, fiel es Lisa wie Schuppen von den Augen. »Warum ist hier niemand? Das ist doch ein schöner Badeplatz?!«

Ingo runzelte die Stirn. »In der Tat. Es ist wahrhaftig merkwürdig. Normalerweise sollte es vor Leuten hier nur so wimmeln.«

»Egal.« Enzo zuckte mit den Schultern. »Seid doch froh. So haben wir den See ganz für uns alleine.«

»Es muss doch aber einen Grund dafür geben«, fürchtete Georg. »Hoffentlich hat hier niemand ein Krokodil ausgesetzt oder eine Schlange oder so was Ähnliches. Etwas stimmt doch hier nicht. Was meint ihr?«

»Ach was«, wiegelte Ingo ab. »Die Leute bevorzugen wahrscheinlich einfach nur die Badeparks oder die größeren Seen, die es hier in der Nähe zuhauf gibt. Das hat bestimmt nichts zu bedeuten.«

»Hoffen wir es«, geriet Enzo ins Zweifeln. »Ich würde nur ungern von einem Krokodil oder von einer Schlange gebissen werden.«

Lisa grinste. »Ich glaube, ich spreche für alle, wenn ich sage, wir möchten auch nicht gerne gebissen werden.«

»Stellt euch nicht so an«, rügte Ingo. »Denken wir positiv. Wäre ein gefährliches Tier im See, müsste hier ein Warnschild stehen.«

»Da hast du auch wieder recht«, stimmte Georg zu.

Hiermit war die Entscheidung zum Bleiben getroffen. Die Kinder luden die Ausrüstung von ihren Fahrrädern ab, versteckten diese im Gebüsch und fuhren los in Richtung Münchweiler.

 

 

 

Ein seltsamer Herr

Bei klarem Sonnenschein radelten die Kinder über den Waldweg der Ortschaft entgegen, die bereits von Weitem zu sehen war. Der kleine und beschauliche Ort Münchweiler lag malerisch in einem Tal, umgeben von üppig bewaldeten Bergen. Die Fenster blitzten in der Sonne und manche Hausdächer leuchteten rötlich.

Es herrschte eine fantastische Stille, man hörte nur in weiter Ferne tobende Kinder, bellende Hunde, gackernde Hühner und mehrmals einen Hahn krähen. Ein Flugzeug summte hoch oben über den tiefblauen Himmel und hinterließ einen schneeweißen Kondensstreifen aus Wasserdampf.

Nach einer Weile fuhren die Kinder in den Ort ein. Für die nur knapp über zweihundert Einwohner gab es einen einzigen Tante-Emma-Laden, der schnell gefunden war. Sie stellten ihre Räder vor dem Geschäft in einem Fahrradständer ab und traten durch die gläserne Eingangstür, worauf ein Glöckchen oberhalb der Tür bimmelte. An der Kasse stand ein älterer Herr, der sehr laut redete. Die Verkäuferin sah mit ihrer Brille und ihren straff zusammengebundenen Haaren wie eine strenge Lehrerin aus.

»Guten Tag«, sagte Ingo laut, um den Herrn zu übertönen.

Doch die beiden Herrschaften waren so in einer Unterhaltung vertieft, dass sie die Kunden gar nicht zu bemerken schienen.

»Dann gibt es eben keinen Gruß.« Enzo griff sich einen Einkaufskorb und lief zu den Regalen, in denen die Getränke standen. Seine Freunde folgten ihm.

»Der Wald wird jetzt sogar schon Hexenwald genannt«, krächzte der Mann an der Kasse lautstark. »Immer öfter werden dort in der Abenddämmerung Hexen gesehen und keiner getraut sich mehr da hin.«

»Das ist doch völliger Unsinn«, klang die Verkäuferin verängstigt. »Damit will man nur von den Diebstählen ablenken, die sich in letzter Zeit häufen.«

»Das ist auch so eine Sache, die sich niemand erklären kann«, erwähnte der Herr. »Einer Frau aus meiner Nachbarschaft wurde ein teures Ballkleid aus dem Zimmer gestohlen, obwohl sie nur kurz im Badezimmer war. Es war im zweiten Stock und es gab keinerlei Einbruchspuren, es ist wie Zauberei.«

»Solche Geschichten habe ich auch schon gehört«, gestand die Dame, »aber dafür gibt es gewiss eine logische Erklärung.«

»Welche denn?«, verlangte der Mann eine Erklärung. »Überall verschwinden Sachen. Ganze Wäscheleinen waren leer geräumt. Das sind die Hexen.«

Während die Kinder ihre Getränke aus den Regalen nahmen, hörten sie das Gespräch unfreiwillig mit, da es aufgrund der Lautstärke nicht zu überhören war. Der Herr und die Verkäuferin unterhielten sich so angeregt und laut, dass es sich anhörte, als hätten sie Streit.

»Der arme Mann ist anscheinend verwirrt«, bekam Lisa Mitleid. »Oder meint ihr, an dieser Geschichte ist was dran?«

»Das mit den Diebstählen könnte sein, weil die Verkäuferin ja auch schon davon gehört hatte«, bemerkte Ingo, »aber das mit den Hexen ist doch völlig absurd. Es gibt keine Hexen.«

»Es ist nicht zwangsläufig absurd«, widersprach Georg. »Jemand stiehlt vielleicht diese Sachen und will die Leute glauben lassen, dass es Hexen gibt, indem er ihnen einen Streich spielt und sich als Hexe verkleidet.«

»Das klingt sogar nachvollziehbar«, pflichtete Enzo bei. »Wie stehen die Opfer da, wenn sie der Polizei berichten, sie wären von Hexen bestohlen worden? Stellt euch nur diese Phantombilder vor, die aus den Zeugenaussagen gefertigt werden.«

»Genau«, sagte Lisa. »Das ist nichts weiter als Irreführung. Es handelt sich nur um verkleidete Gauner.«

Als der Herr das Geschäft verlassen hatte, gingen die Kinder nach vorne an die Kasse. Erst jetzt bemerkte die Verkäuferin ihre Kunden und grüßte. Sie bezahlten ihre Waren und machten sich auf den Rückweg.

 

 

 

Flucht vor dem Unwetter

Kurze Zeit später kamen die Kinder am Waldsee an. Voller Freude bauten sie ihre Zelte auf der Blumenwiese nahe des Ufers auf und verstauten ihren Proviant.

»Der Wald wird Hexenwald genannt«, erinnerte Ingo an die Worte des kuriosen Mannes. »Ist das nicht sonderbar?«

»Jetzt wissen wir, warum hier niemand baden geht«, folgerte Lisa. »Die Leute trauen sich nicht mehr in die Wälder.«

»Stimmt«, war Georg derselben Meinung. »Vor allem die Kinder haben Angst.«

»Gut für uns«, freute sich Enzo. »So haben wir wenigstens Ruhe.«

Die Vier tranken kalten, süßen Hagebuttentee und aßen dazu leckeren Zitronenkuchen mit Schokoladenglasur, den Frau Seifert extra für sie gebacken hatte. Dann zogen ihre Badesachen an und sprangen schreiend und jubelnd ins Wasser, das sie erfrischend kalt umspülte. Gemächlich schwammen sie am Ufer entlang um den See herum.

Nachdem sie den See umrundet hatten, eilte Georg zu seinem Zelt, holte den Ball heraus und warf ihn den anderen zu. In den nächsten Stunden spielten sie Wasserball und tobten bis in die späten Abendstunden ausgelassen herum. Anschließend ruhten sie sich auf der Picknickdecke aus und beobachteten, wie die Sonne langsam hinter die Bäume sank und von Wolken verdeckt wurde.

»Oje, der Himmel zieht sich zu. Hoffentlich gibt es heute kein Unwetter«, bangte Ingo. »Es wäre ein Jammer, gleich für die erste Nacht ein Quartier im Bauernhof erbitten zu müssen.«

»Wenigstens haben wir eine Ausweichmöglichkeit, falls es einen Gewitterregen geben sollte«, war Lisa beruhigt.

»Es wird echt Zeit, das Abendbrot vorzubereiten.« Enzo hatte einen Bärenhunger. »Es kann jedem Moment anfangen zu regnen. Nicht, dass unser Essen nass wird.«

Unmittelbar befolgten sie Enzos Empfehlung. Sie bereiteten herzhafte Schinken-Käsestullen zu und legten kleine Kirschtomaten bereit. Bequem setzten sie sich auf die Picknickdecke, stellten die Solarleuchten außen rum und ließen es sich schmecken, während es zunehmend dunkler wurde. Es dauerte nicht lange, da erhellte sich der Himmel in der Ferne für Sekundenbruchteile.

»Oje, ein Wetterleuchten«, seufzte Georg. »Hoffentlich kommt das Gewitter nicht zu uns.«

»Wir sollten abwarten, wie sich das Wetter entwickelt, bevor wir uns nachher schlafen legen«, empfahl Lisa. »Nicht, dass wir mitten in der Nacht flüchten müssen. So könnten wir uns wenigstens gleich einen sicheren Unterschlupf suchen.«

Nur Minuten danach hörte man schon den Donner grollen, der unheimlich nachhallte.

»Das ist gar nicht gut, Freunde«, bedauerte Enzo. »Das Unwetter nähert sich.«

»Na toll«, grummelte Georg. »Unser Zeltausflug fängt ja gut an. Gleich die erste Nacht fällt sozusagen ins Wasser. Da hätten wir uns gleich im Bauernhof einmieten können.«

»Apropos Bauernhof«, griff Ingo das Thema auf. »Packen wir zusammen und machen uns auf den Weg, bevor der Regen über uns zieht und den Boden durchweicht. Außerdem ist es schon nach zehn Uhr und wir sollten dort ankommen, bevor die Leute schlafen gehen und wir nicht mehr reinkommen.«

»Und vor allem sollten wir uns beeilen, bevor das Gewitter hier ist und uns die Blitze um die Ohren zucken«, fügte Lisa hinzu.

Hurtig bauten sie ihre Zelte ab und packten all ihre Sachen zusammen. Lisa hielt plötzlich inne und lauschte. »Hört ihr das?«

»Ja«, bestätigte Ingo. »Das klingt wie ein Summen oder Surren.«

»Es hört sich an wie eine Maschine«, glaubte Georg zu hören. »Wo kommt das her?«

Doch bevor sie das Geräusch lokalisieren konnten, wurde es vom Regen übertönt, der auf das Blätterdach prasselte.

»Schnell, wir müssen verschwinden.« Enzo schwang sich auf sein Rad und fuhr voraus. Seine Freunde folgten ihm dicht.

Keiner hätte Lust gehabt, nur eine Sekunde länger im Wald zu bleiben, während sich das Gewitter nähert. Vorsichtig fuhren sie durch den finsteren Wald und holperten dabei über Steine und Baumwurzeln. Nur die Lichter ihrer Fahrräder zeigten ihnen den Weg. Kurz danach kamen sie endlich auf den befestigten Radweg und konnten schneller fahren. Als sie wenig später aus dem Wald heraus kamen, spürten sie die kalten Regentropfen, die über sie niederprasselten. In der Ferne funkelten die Lichter eines Hauses, das abseits des Dorfes lag.

»Das ist der besagte Bauernhof«, berichtete Ingo und lugte zum Himmel, als ein greller Blitz durch die Wolken züngelte und die Nacht erhellte. »Gleich sind wir in Sicherheit.«

»Kawumm«, folgte ein krachender Donnerhall dem Blitz.

Sie fuhren so eilig ins Gehöft ein, dass sie in der Kurve fast gestürzt wären. Sie fuhren weiter durch den großen mit Scheinwerfern beleuchteten Hof. Ein älterer Mann stand am Stalltor unter dem Vordach und starrte die Ankömmlinge an. Er trug einen schwarzen Lederhut, einen gelben Regenmantel und gelbe Gummistiefel. »He, nicht so schnell, Kinder!«

»Sind Sie der Bauer?«, fragte Georg.

Der Herr nickte. »Ja, ich bin Bauer Landmeier. Alles gut?«

Die Kinder stiegen von den Rädern ab. »Ja, wir bräuchten bitte dringend ein Zimmer für heute Nacht«, bat Ingo. »Was kostet das?«

»Damit habe ich nichts zu tun.« Der Mann zeigte zum Haus. »Geht rein zu meiner Frau, die ist für die Zimmervergabe zuständig. Alles gut?«

»Danke«, sagte Ingo. Sie stellten ihre Fahrräder an der Stallwand unter dem Vordach ab, nahmen ihr Gepäck und liefen zum Haus. Die Haustür war offen. Sie traten ein und standen in einem Flur, an dessen hinterem Ende eine Kommode mit einer Nachttischlampe stand, die den Raum beleuchtete.

»Hallo?«, rief Georg. »Ist jemand hier?«

Eine ältere Dame mit Kopftuch kam aus einer Seitentür. »Ja, bitte? Wo kommt denn ihr so spät noch her?«

»Wir bräuchten ein Zimmer für heute Nacht. Normalerweise wollten wir im Wald zelten. Aber es ist ein Gewitter im Anzug, wie es scheint. Das ist uns nicht geheuer, weil es zu gefährlich ist, sich bei Gewitter im Wald aufzuhalten«, berichtete Ingo.

Die Dame schüttelte den Kopf. »Das tut mir schrecklich leid. Unsere Zimmer sind heute alle belegt. Ihr hättet anrufen und reservieren sollen.« Mitleidig sah die Frau die Kinder an.

»Oje«, seufzte Lisa. »Wohin gehen wir jetzt? Es ist Nacht und draußen tobt ein fürchterliches Unwetter?!«

Ingo zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Das hatte ich bei meiner Planung nicht bedacht.«

»Danke trotzdem.« Georg verließ zuerst das Haus.

Enzo, Lisa und Ingo folgten ihm zögernd. Es blitzte und donnerte fast gleichzeitig, als sie nach draußen kamen, und es regnete heftig.

»Uns bleibt nichts anderes übrig, als in den Wald zu fahren«, stellte Ingo klar. »Es ist zwar gefährlich, aber wenigstens sind wir durch die Bäume ein wenig vor dem Regen geschützt. Wir bauen unsere Zelte auf und bringen uns darin in Sicherheit.«

»Wir beeilen uns besser, bevor wir pitschnass werden«, drängte Lisa.

Sie rannten zum Stall und packten ihre Sachen auf die Fahrräder.

Der Bauer kam aus der Stalltür. »Nanu? Alles gut? Reist ihr schon ab? Wolltet ihr nicht ein Zimmer?«

»Ja, es ist leider kein Zimmer mehr frei«, erklärte Enzo betrübt. »Wüssten Sie zufällig, wo man hier sonst noch übernachten könnte?«

Der Mann schaute sich um, als könnte er es sehen. »Hier im Dorf gibt es nichts. Wir sind die Einzigen in Münchweiler, die Gäste beherbergen. Ihr müsst wissen, das ist ein kleiner Ort und die Nachfrage nach Fremdenzimmern ist nicht groß. Alles gut?«

»Danke. Wir werden uns im Wald in Sicherheit bringen. Vielleicht finden wir dort ein trockenes Plätzchen«, hoffte Ingo.

Die Kinder radelten los durch den strömenden Regen. Sie folgten dem Feldweg in Richtung Wald. Regen peitschte ihnen ins Gesicht und grelle Blitze zuckten über den Himmel. Es donnerte ohrenbetäubend laut. Nachdem sie einige Minuten geradelt waren, näherten sich von hinten Lichter.

»Achtung. Da fährt ein Auto auf dem Radweg«, warnte Georg. »Fahren wir zur Seite und lassen ihn vorbei.«

Sie fuhren so weit wie möglich rechts des Weges. Doch das Fahrzeug überholte sie, blieb direkt vor ihnen stehen und versperrte ihnen den Weg.

»He was soll das? Was will der von uns?«, brummte Georg. »Er stellt sich uns direkt in den Weg?!«

»Am besten wir ignorieren ihn und fahren einfach vorbei«, schlug Lisa ängstlich vor.

Georg, Lisa und Enzo fuhren vorbei. Doch als Ingo neben dem Transporter war, ging das Fenster runter, den Fahrer konnte er in der Dunkelheit nicht sehen. »Wartet! Bleibt doch mal stehen! Alles gut?«

»Wartet, Leute! Das ist Bauer Landmeier«, erkannte Ingo, und alle hielten an.

Der Mann stieg aus und zog sich zum Schutz vor dem Regen seinen Hut ins Gesicht. »Steigt mit euren Rädern hinten in den Bus. Meine Frau sagt, sie hat eine Übernachtungsmöglichkeit für euch gefunden. Bei dem Wetter könnt ihr nicht im Wald übernachten.«

»Prima«, freuten sich die Kinder.