Band 31 - Eine diebische Meerjungfrau

Ingo, Georg, Enzo und Lisa verbringen ihre Herbstferien auf der Ostseeinsel Rügen. Bei einem Abendspaziergang werden sie zufällig Zeuge eines Einbruchdiebstahls. Geistesgegenwärtig verfolgen sie den Dieb, der mit einem Sprung über die Felsenküste ins Meer entkommt. Die Kinder trauen ihren Augen nicht, als sie ein Mädchen mit einer Meerjungfrauenflosse davonschwimmen sehen. Die Kinderdetektive nehmen die Ermittlungen auf und erleben dabei ein spannendes Abenteuer.

 

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Mit Sack und Pack

Am späten Nachmittag fuhr ein Zug durch die herbstliche Landschaft in Richtung Ostseeinsel Rügen. Die Bäume und Büsche erstrahlten in kräftigen Gold-, Rot- und Brauntönen und der Fahrtwind des Zuges wirbelte die bunten Blätter durch die Luft. In einem der Zugabteile befanden sich vier Kinder, die von der langen Reise und der einhergehenden Langeweile bereits ermüdet waren.

Der mollige, schwarz gelockte Enzo durchwühlte mit leuchtenden Augen die Reisetasche, während sich seine drei Freunde auf den Sitzen rekelten und ihm dabei gelangweilt zusahen. »Wir haben leckere Leberwurststullen mit Salzgürkchen, Käsestullen und Kirschtomaten und einen Zitronenkuchen mit Schokoladenglasur dabei«, verkündete Enzo.

Die blonde Lisa zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Das wissen wir, Enzo. Seit wir unterwegs sind, hast du alles schon dreimal aufgezählt.«

»Bist du dir da absolut sicher, Lisa?«, lachte Enzo. »Und was ist damit?« Triumphierend hielt er eine durchsichtige Tüte in die Höhe, in der sich etwas Rotes befand.

Georg, der mit seinen dreizehn Jahren aufgrund seiner Größe wie ein Neunzehnjähriger aussah, musste zweimal hinsehen. »Was hast du da? Sind das etwa rote Ostereier?«

Enzo grinste breit. »Damit habt ihr wohl nicht gerechnet, oder? Ich hatte gestern Abend rote Eierfarbe im Küchenschrank gefunden und kurzerhand ein paar Ostereier gefärbt. Wie ihr wisst, finde ich die roten Ostereier am Besten. Ich wollte euch das erst zeigen, wenn wir in der Ferienwohnung sind, ich hielt es aber so lange nicht mehr aus, weil ich auf eure überraschten und begeisterten Gesichter gespannt war. Na? Überrascht?«

»Überrascht ja, aber unsere Begeisterung hält sich in Grenzen. Ostereier im Herbst sind doch völlig unangebracht«, belehrte Ingo kopfschüttelnd und rückte seine Brille zurecht. »Sie gehören in die Osterzeit, weil sie sonst nichts mehr Besonderes sind.«

»Das stimmt voll und ganz«, schloss sich Lisa ihrem Bruder an. »So wie Weihnachtsplätzchen in die Weihnachtszeit gehören. Das ist doch ganz klar.«

»Ich sehe das übrigens genauso«, pflichtete Georg seinen Geschwistern bei. »Wenn alles jeden Tag zur Verfügung steht, verliert es schnell seinen Reiz.«

»Ihr seid richtige Spielverderber«, fuhr Enzo seine Freunde an. Er zog eine Schnute und starrte die glänzend roten Eier an. »Ja, ihr habt ja recht, es ist nicht dasselbe wie an Ostern … Okay. Ich esse ein oder zwei Stück und werde aus dem Rest einen Tomaten-Eiersalat zubereiten, wenn euch das lieber ist.«

»Das klingt sehr vernünftig und obendrein auch sehr lecker«, freute sich Lisa. »Ich liebe Tomaten-Eiersalat.«

»Ich mag ihn auch sehr«, war Ingo verzückt und rückte seine Brille gerade. »Außerdem ist Tomaten-Eiersalat sehr gesund, weil in den Eiern Lecithin steckt, das unter anderem sehr gut für das Gedächtnis ist. In den Tomaten sind viele Vitamine und der Pflanzenfarbstoff Lycopin enthalten, der gut gegen Krebs, Zuckerkrankheit, Herz-Kreislauferkrankungen und andere Krankheiten ist.«

»Gerade wir als Detektive brauchen ein gutes Gedächtnis«, bemerkte Georg. »Da kommt uns der Tomaten-Eiersalat wie gerufen. Das ist eine gute Idee, Enzo.«

»Wo wir gerade vom Essen sprechen«, griff Enzo das Thema zu seinen Gunsten auf. »Ich könnte eine Stärkung vertragen. Wir sind den ganzen Tag im Zug unterwegs und haben erst zweimal gegessen.«

»Allerdings«, meinte Georg. »Und solange wir unterwegs sind, redest du von nichts anderem, als nur vom Essen.«

»Von was hätte ich sonst reden sollen?«, fragte Enzo vorwurfsvoll. »Wir sitzen vierzehn Stunden in einem Zug fest und die Auswahl an Beschäftigungen ist nicht gerade riesig.«

»Es gibt andere Gesprächsthemen, Enzo«, belehrte Lisa. »Wie wäre es mit unseren Herbstferien, die wir in einem tollen Ferienhäuschen auf Rügen verbringen werden? Darüber könnten wir doch reden?!«

»Genau«, pflichtete Ingo seiner Schwester bei. »Wir werden Boot fahren, lange Strandspaziergänge und ausgedehnte Wanderungen machen. Natürlich werden wir auch Drachen steigen lassen. Ich sag euch, Leute, das wird grandios werden.«

»Uns erwarten dichte Wälder, weite Wiesen, schroffe Steilküsten und herrliche Sandstrände«, fügte Georg hinzu, wobei seine blauen Augen vor Abenteuerlust geradezu funkelten. »Das wird bestimmt ein Wahnsinnsabenteuer.«

»Ihr habt vollkommen recht.« Enzo verteilte eilig die Dosen mit den Leberwurststullen und Salzgürkchen.

»Was soll das jetzt und womit haben wir recht?« Ingo schaute irritiert auf die Dose mit der Brotzeit in seiner Hand.

»Naja. Das war der Startschuss zum Essen. Denn gerade deshalb, weil uns so viel auf Rügen erwartet, sollten wir nicht ohne vorherige Stärkung dort antanzen«, sagte Enzo, worauf alle lachten.

Schließlich verzehrten sie genüsslich das Wurstbrot und aßen die sauren Gürkchen dazu, während sie aus dem Zugfenster in die vorbeiziehende Landschaft schauten. Um 7 Uhr in der früh waren sie abgereist und nun war es kurz nach 17 Uhr. Sie waren bereits seit mehr als zehn Stunden unterwegs und sollten in ungefähr vier Stunden, so gegen 21 Uhr, auf Deutschlands größter Insel ankommen.

»Es ist echt klasse, dass die ehemalige Schulfreundin eurer Mutter uns wieder eingeladen hat«, jauchzte Enzo. »Ich kann es kaum noch erwarten, endlich dort anzukommen.«

»Ja, es ist klasse. Vor allen Dingen, weil unsere Eltern nicht nachkommen werden«, fügte Lisa freudig hinzu. »Wir sind zwei Wochen lang völlig auf uns alleine gestellt. Das gefällt mir.«

»Das ist wirklich toll«, frohlockte Georg. »Wir können kommen und gehen, wie es uns gefällt und brauchen uns nicht an Zeiten zu halten.«

»Ich werde wie letztes Mal das Kochen übernehmen«, stellte Enzo in Aussicht. »Außerdem werde ich mich auch um die Marschverpflegung kümmern, falls niemand was dagegen hat.«

»Na klar«, meinte Ingo. »So kannst du für deinen späteren Beruf als Gourmetkoch üben. Bis jetzt hat dein Essen immer gut geschmeckt und mit deiner Verpflegung waren wir rundum zufrieden.« Georg und Lisa stimmten ihrem Bruder Ingo zu.

Enzo war sehr stolz. »Vielen Dank, Freunde. Ich werde mir große Mühe geben, um es perfekt zu machen.«

Frau Seiferts ehemalige Klassenkameradin Annemarie Liebknecht hat ihnen wie schon einige Male ein Ferienhäuschen für Selbstversorger zur Verfügung gestellt, indem sie diesmal ihre Herbstferien verbringen durften. Darauf freuten sich die Kinder sehr. In dem Häuschen gab es eine eigene Küche, wo sie sich selbst verpflegen konnten, womit sie sich total unabhängig fühlten. Die Ferienanlage befand sich in Glowe. So hieß der schmucke Ort, der direkt an der Ostseeküste lag und einst aus einem kleinen Fischerdorf entstanden ist.

Nach der Brotzeit spielten die Kinder ein bisschen Karten, um sich die Zeit zu vertreiben. Danach machten sie es sich auf den Sitzen bequem und hielten ein kleines Verdauungsschläfchen. Der Abend näherte sich, der Himmel färbte sich allmählich rot und der Zug rauschte sanft über die Schienen unaufhaltsam dem Ziel entgegen.

 

Ankunft im Ferienhaus

Plötzlich verstummten die Geräusche des Zuges, die Kinder hörten Stimmengewirr und schreckten aus dem Schlaf.

»Was ist los? Warum hat der Zug angehalten?«, rief Georg besorgt.

Die Kinder sprangen aus ihren Sitzen und drückten sich die Nasen am Fenster platt.

»Ach du liebe Güte! Das ist der Zugbahnhof der Stadt Bergen«, erkannte Ingo, als er das beleuchtete Schild sah. »Wir sind da und müssen aussteigen. Beeilung bitte, bevor der Zug weiterfährt.«

Hurtig schnappten sie sich ihr Gepäck und stürmten aus dem Zug auf den Bahnsteig hinaus. Gerade als sie draußen waren, schlossen sich die Türen und der Zug setze sich in Bewegung.

»Glück gehabt. Fast hätten wir unseren Ausstieg verschlafen«, schauderte Enzo. »Das war ganz schön knapp.«

Eine Dame mit langen schwarzen Haaren kam auf sie zugelaufen. »Hallo, Kinder! Willkommen auf Rügen!«

»Hallo, Annemarie«, grüßten die Kinder wie aus einem Munde.

Die Dame reichte ihren Gästen nacheinander zur Begrüßung die Hand und hieß sie herzlich willkommen. Danach musterte sie sie eindringlich und mit besorgtem Gesichtsausdruck. »Ihr seht heute gar nicht gut aus, meine Lieben. Seid ihr etwa krank?« Instinktiv langte sie Enzo an die Stirn, um seine Temperatur zu fühlen.

»Also ich bin nur ein wenig hungrig, aber krank fühle ich mich eigentlich nicht«, meinte Enzo verunsichert und griff sich selbst an die Stirn.

»Nein, wir sind nicht krank. Wir haben tief und fest geschlafen und hätten fast den Ausstieg verpasst«, klärte Ingo auf. »Vor wenigen Minuten waren wir noch im Tiefschlaf. Deshalb sehen wir vielleicht ein bisschen zerknittert aus.«

Frau Liebknecht lächelte erleichtert. »Natürlich, das ist es. Ihr seht nämlich aus, als wäret ihr gerade frisch aus den Betten gekrochen. Dann ist ja alles gut.«

Die Gastgeberin half den Kindern mit ihrem Gepäck. Sie liefen über den dusteren Parkplatz zum Auto, das direkt unter einer Straßenlaterne stand. Dann luden sie ihre Sachen ein und die Fahrt ging los. Sie fuhren aus der Stadt hinaus und folgten der Straße, die zwischen Wiesen und Feldern hindurchführte. In der Dunkelheit konnten sie im schummrigen Licht des Halbmondes leider nicht viel von der Landschaft erkennen. 

Frau Liebknecht steuerte den Wagen durch kleine Wäldchen, durch Ortschaften und über schmale und breite Straßen. Jedes Mal, sobald ein Auto entgegenkam und sie mit seinen hellen Scheinwerfern blendete, drosselte sie die Geschwindigkeit, um danach Gas zu geben. Schließlich durchfuhren sie den Ort Glowe und kamen wenig später am Rande der Ortschaft an der Ferienanlage an.

»Wir sind da«, verkündete die Gastgeberin und parkte ihr Auto neben einer Wiese mit Obstbäumen, durch welche die Lichter der Ferienhäuslein schimmerten.

»Klasse«, rief Georg. »Endlich sind wir da! Es kam mir wie eine Ewigkeit vor.«

Die Kinder eilten aus dem Auto, nahmen ihr Gepäck und folgten der Gastgeberin über einen schmalen, unbeleuchteten Pfad, der über die Streuobstwiese zu den kleinen einstöckigen Häusern führte.

Frau Liebknecht öffnete bei einem der Häuser die Tür und überreichte Ingo den Schlüssel. »So! Seid brav und habt Spaß. Ihr wisst ja, wo alles ist und wo das Haus mit den Waschmaschinen steht, wo ihr eure Wäsche waschen und trocknen könnt.«

»Ja, vielen Dank«, antwortete Georg. »Wir kennen uns bereits sehr gut hier aus.«

»Ach ja«, fiel der Dame ein. »Doris hat mich angerufen und mich gebeten, euch etwas zu essen bereitzustellen, weil ihr so spät ankommen werdet. Meine Haushälterin hat euch etwas vorbereitet und auf den Herd gestellt, damit es warm bleibt.«

»Vielen Dank, das ist perfekt«, bedankte sich Enzo und schaute dankbar seine drei Freunde an. »Eure Mutter denkt immer an alles. Sie ist echt die Beste.«

»Ja, wie immer hatte sie Angst, wir könnten verhungern«, alberte Lisa.

Die Kinder bedankten sich für das Essen, bevor sich Frau Liebknecht von ihnen verabschiedete. Georg schloss die Tür. Obwohl sie bereits mehrmals in diesen Häusern ihre Ferien verbracht hatten, sahen sie sich zuerst die Räumlichkeiten an, die aus einem Schlafzimmer, einem Badezimmer und einem Wohnraum mit Küchenzeile bestanden. Ihr Gepäck stellten sie gleich ins Schlafzimmer und den Proviant verstauten sie in der Küchenzeile.

»Ich schlafe im Wohnzimmer und ihr könnt im Schlafzimmer schlafen«, stellte Lisa klar, was alle sowieso bereits wussten. Denn so machten sie es immer, wenn sie hier ihre Ferien verbrachten, da Lisa um nichts in der Welt mit den Jungen in einem Zimmer geschlafen hätte.

»Wir sollten erst essen, bevor wir unsere Koffer auspacken«, schlug Enzo vor. »Das duftet fantastisch. Was gibt es überhaupt?«

Neugierig schauten sie in die Töpfe, die auf dem Ofen vor sich hinköchelten. »Rinderrouladen, Salzkartoffeln und Rotkohl«, zählte Georg die Speisen auf.

»Welch ein Zufall!«, rief Enzo schalkhaft und voller Freude. »Genau das brauche ich jetzt.«

Geschwind deckten sie den Tisch ein und servierten die Speisen, und jeder schöpfte sich den Teller voll. Genüsslich aßen sie das leckere Gericht, während die Zeiger der Uhr auf 22 Uhr zuliefen. Nach der leckeren und deftigen Mahlzeit waren sie mächtig satt und eine schwere Müdigkeit machte sich breit.

Georg gähnte tief. »Durch das Essen bin ich echt richtig müde geworden.«

»Wir sollten spazieren gehen«, schlug Lisa vor. »Nachdem wir vierzehn Stunden im Zug gesessen haben, wäre Bewegung wirklich gut.«

»Das ist eine tolle Idee«, stimmte Ingo zu. »Unsere Sachen können wir nachher auspacken. Gerade nach dieser üppigen Mahlzeit ist Bewegung an der frischen Luft genau richtig und kurbelt unsere Verdauung an.«

»Falls wir unterwegs noch einen offenen Supermarkt finden, müssten wir ein paar Lebensmittel einkaufen«, bemerkte Enzo. »Obwohl?! Nein, das ist doch nicht nötig. Wir könnten auch morgen früh einkaufen gehen. Fürs Frühstück haben wir ja alles da. Ich muss sowieso vorher noch in Ruhe einen Essensplan und einen Einkaufszettel erstellen.«

»Genau. Das hat bis morgen früh Zeit«, meinte Georg. »Jetzt gehen wir erst mal an der frischen Luft spazieren. Danach packen wir unsere Koffer aus, kochen uns einen Hagebuttentee und essen von dem Zitronenkuchen, den du uns die ganze Zugfahrt unter die Nase gehalten hast.«

»Oh ja!« Enzo klatschte vor Begeisterung in die Hände. »Lasst uns endlich gehen, damit wir schnell wieder hier sind und uns dem Kuchen und Tee widmen können. Ich hoffe, dass in unseren Mägen nach dem Spaziergang wieder genügend Platz ist.«

»Bei dir würde es mich wundern, wenn nicht«, lachte Lisa.

 

Gibt es Meerjungfrauen?

Eine gute Weile später verließen die Kinder das Haus und machten sich auf den Weg durch die Dunkelheit zum Strand. Sie liefen über die hügelige und grasbewachsene Landschaft. In der Ferne lagen die Lichter der Ortschaft und über ihnen funkelten die Sterne. Der Halbmond hatte sich hinter einer dünnen Wolke versteckt und sah verschwommen und geheimnisvoll aus. Es wehte ein kühler Wind, der in der Graslandschaft ein sanftes Rauschen erzeugte. Zum Glück hatten sie ihre gut gefütterten Jacken angezogen, die sie hervorragend warm hielten.

Die Luft war herrlich frisch und roch nach Moos, Seetank und Algen. Mit ihren Taschenlampen folgten die Kinder dem Meeresrauschen durch die Dunkelheit und kamen in einen kleinen Wald. Die Wolken gaben den Mond frei und die Sicht wurde besser. Der Weg endete vor einem Abgrund.

»Seht! Da unten ist das Meer«, kommentierte Ingo, was alle ohnehin bereits sahen und aufgrund der tosenden Wellen nicht zu überhören war.

Sie standen oberhalb einer etwa fünf Meter hohen Steilküste, die in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen war. Es war traumhaft schön. Sie lauschten auf die rauschende Brandung und spürten den frischen Wind. Die ganze Müdigkeit, die sich in vierzehn Stunden Zugfahrt angesammelt hatte, verflog binnen Sekunden.

Doch die Ruhe währte nur kurz, denn auf einmal passierte etwas, mit dem sie nie gerechnet hatten.

»Diebe! Haltet den Dieb!«, hallte eine Männerstimme durch den Wald.

Ingo blickte sich um und erspähte durch die Bäume ein Licht. »Das kam von da vorne. Da ist anscheinend ein Wohnhaus.«

Ohne zu zögern, rannten die Kinder quer durch den Wald auf das Licht zu. In dem Moment, wo sie an einem Haus ankamen, sahen sie, wie ein Schatten durch die Büsche davon huschte.

»Ihm nach«, rief Georg und rannte los.

Geistesgegenwärtig nahmen sie die Verfolgung auf und rannten dem Schatten hinterher. Sie preschten durch den Wald und durch kniehohe Büsche. Plötzlich standen sie vor der Steilküste und die Spur hatte sich verloren.

Enzo schaute sich um. »Wo ist er hin? Er ist wie vom Erdboden verschluckt?«

Georg leuchtete mit der Taschenlampe umher. »Er muss hier irgendwo sein. Gerade eben war er doch noch ein paar Schritte vor uns?!«

»Hier ist aber niemand«, quietschte Lisa aufgeregt, was nicht ungewöhnlich war. Denn jedes Mal, wenn sie sich aufregte, klang ihre Stimme unangenehm schrill. Manchmal passierte es sogar, dass ihre Stimme bei Aufregung gänzlich versagte.

»Hier geht es nicht weiter, denn hier ist die Steilküste«, gab Ingo auf und zeigte mit dem Lichtschein seiner Taschenlampe auf das Gebüsch, das nahe am Abgrund wucherte. »Moment mal. Er hat sich wahrscheinlich in den Büschen versteckt.«

Vorsichtig näherten sich die Kinder dem Gestrüpp. Erschrocken blieben sie stehen, als sie auf einmal ein lautes Rascheln hörten und einen Schatten aus dem Gebüsch über die Felsenklippe springen sahen.

»Was um Himmels willen war das?«, schrie Georg.

Mit ihren Taschenlampen leuchteten sie in die Tiefe und trauten ihren Augen nicht. An den Felsen brachen sich die Wellen und verwirbelten zu gefährlichen Strudeln und inmitten der tosenden Wirbel befand sich ein blondes Mädchen.

»Wir holen sofort Hilfe«, rief Georg ihr entgegen. »Halte durch!«

Doch das Mädchen schaute zu ihnen hoch und winkte ab. »Verschwindet! Haltet euch aus der Sache gefälligst raus!« Sie tauchte unter, worauf für kurze Zeit eine blaue Schwanzflosse zum Vorschein kam.

Lisa schrie auf. »Das … das war …«

»Eine Meerjungfrau«, ergänzte Enzo und bekam Gänsehaut.

Wie vom Donner gerührt standen die Kinderdetektive da und starrten hinunter ins tosende Meer, während sich die vermeintliche Meerjungfrau immer weiter entfernte und auf die gegenüberliegende Landzunge zu schwamm. Wolken schoben sich vor den Halbmond und das Mädchen verschmolz mit der Dunkelheit.

Georg war fassungslos. »Kann mir vielleicht mal jemand erklären, was das gerade eben gewesen sein soll?«

Von hinten näherte sich ein Mann. »Diebe. Bleibt stehen!«

»Was?« Ingo drehte sich um. »Nein, wir sind keine Diebe. Wir waren zufällig in der Gegend und haben Ihre Schreie gehört. Wurde Ihnen etwas gestohlen?«

»Habt ihr gesehen, wer das war?«, fragte der Herr. »Als ich ins Wohnzimmer kam, sprang jemand aus dem Fenster hinaus und lief davon. Ich muss erst nachsehen, was gestohlen wurde.«

Georg leuchtete den Mann mit seiner Taschenlampe ab. Er hatte einen Dreitagebart und war ungefähr Mitte fünfzig. »Wer sind Sie eigentlich, wenn man fragen darf?«

»Ich bin der Fischer. Neumann ist mein Name. Mich kennt doch jeder hier im Ort«, antwortete der Mann mit Vorwurf in der Stimme. Er verzog sein Gesicht und hielt sich den Bauch.

»Ist alles in Ordnung? Wurden Sie angegriffen?«, sorgte sich Enzo.

»Nein, mir geht es gut«, krächzte der Herr. »Sagt schon, habt ihr was gesehen?«

»Wir sind nicht von hier, deshalb kennen wir sie nicht. Wir sahen auch nur einen Schatten und haben ihn verfolgt. Leider ist er uns entwischt«, log Ingo.

Wer hätte ihnen auch glauben sollen, dass der Dieb eine Meerjungfrau war? Der Fischer hätte am Ende noch geglaubt, sie würden ihn anlügen und hätte sie für die Diebe gehalten. Zuerst mussten sie selbst mal in Erfahrung bringen, was genau sie da beobachtet hatten, bevor sie mit jemanden darüber reden konnten.

»Was ist mit Ihnen?«, sorgte sich Lisa noch einmal, als der Mann sich erneut mit schmerzverzerrter Miene den Bauch hielt. »Sind Sie verletzt?«

»Nein«, krächzte der Fischer. »Es ist alles in Ordnung.«

»Na gut. Vielleicht könnten wir Ihnen doch weiterhelfen. Da war ein Mädchen, das …«, berichtete Georg und brach mitten im Satz ab, weil der Mann plötzlich durch die Büsche verschwand.

Enzo zuckte mit den Schultern. »Pech für ihn. Er ist einfach gegangen. Wahrscheinlich hatte er Schmerzen. Was war mit ihm los? Hatte er Hunger, weil er sich den Bauch gehalten hat?«

»Nur wenn sein Vorname Enzo ist«, scherzte Lisa, die sich inzwischen wieder beruhigt hatte.

»Wir laufen mal an seinem Haus vorbei, bevor wir uns auf den Heimweg machen«, schlug Ingo vor. »Es könnte dort Hinweise oder Spuren geben, die uns weiterhelfen könnten, diese Sache aufzuklären.«

Das taten sie auch. Sie liefen auf die Lichter zu, die durch die Bäume schimmerten und kamen an das Holzhaus, von wo aus sie vorhin ihre Verfolgung gestartet hatten. Sie hörten, wie sich im Haus ein Mann und eine Frau miteinander unterhielten. Verstehen konnten sie aber kein Wort, weil Türen und Fenster geschlossen waren.

»Der Fischer diskutiert anscheinend mit seiner Frau«, vermutete Enzo. »Natürlich sind sie aufgeregt, nachdem sie einen Einbrecher auf frischer Tat ertappt hatten.«

»Gehen wir besser«, ordnete Georg den Rückzug an. »Der Mann ist heute bestimmt nicht ansprechbar. Außerdem sollten wir erst einmal zuordnen, was wir da gesehen hatten, bevor wir da etwas von einer Meerjungfrau herumerzählen und ausgelacht werden.«

»Die Fischers rufen wahrscheinlich erst mal die Polizei«, nahm Ingo an. »Warten wir erst einmal ab, bis sich die Aufregung gelegt hat, bevor wir etwas unternehmen.«

»Was wir da genau gesehen hatten, können wir bei Hagebuttentee und Zitronenkuchen sehr gut besprechen«, stellte Enzo klar. »Was meint ihr?«

»Ausnahmsweise muss ich dir recht geben, Enzo«, schloss sich Lisa Enzos Idee an.

Als sie kurze Zeit später nach Hause kamen, packten sie zuerst ihre Koffer aus und räumten die Sachen in die Schränke ein. Georg bereitete den Tee zu, Lisa schnitt den Kuchen auf, Enzo und Ingo deckten den Tisch. Kurz danach saßen sie bei Tee und Kuchen beisammen und überlegten, was sie wohl gesehen hatten.

»Es gibt keine Meerjungfrauen«, stellte Enzo klar. »Aus diesem Grund sahen wir keine Meerjungfrau.«

»Deshalb war es ein Mädchen mit einer Meerjungfrauenflosse. Sie war ungefähr zwölf Jahre jung und hatte blondes, langes Haar«, fügte Lisa hinzu.

»Ungewöhnlich finde ich, dass sie bei der Kälte ins Meer gesprungen war«, fand Georg. »Es sind nicht gerade sommerliche Temperaturen.«