Band 32 - Ferien auf dem Schloss

Die Kinderdetektive Ingo, Georg, Enzo und Lisa bieten über die Osterferien ihre Dienste an, für ein kleines Taschengeld Gartenarbeit zu erledigen. Prompt werden sie ins Schloss Rebenstein eingeladen, um den Schlosspark zu pflegen. Kaum angekommen, bemerken die aufgeweckten Kinder, dass im Schloss eigenartige Dinge vor sich gehen. Sie nehmen die Ermittlungen auf und geraten in ein spannendes Abenteuer.

 

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Ein grandioser Ferienjob

Ingo rekelte sich auf seinem Schreibtischstuhl und schaute verträumt aus dem Fenster zum Garten, wo der Frühling erwacht war. Alles blühte in bunter Farbenvielfalt und die Vöglein flogen in den Büschen umher. Ingo konnte die Blicke der drei Kinder, die ihn unentwegt anstarrten, regelrecht spüren. Insgeheim musste er zugeben, dass er diesen Augenblick der Aufmerksamkeit sehr genoss. Er zögerte …

»Jetzt sag doch endlich, was los ist!«, brachte Lisa ihr Missfallen über das zögernde Verhalten ihres Bruders lautstark zum Ausdruck.

Ingo spürte, wie nervös und gereizt das elfjährige Mädchen war. Sie konnte es vor Neugierde kaum noch aushalten.

Auch Lisas und Ingos großer Bruder Georg wurde unruhig. Seine Stimme klang anders als sonst. Grimmig, nein ... fast schon zornig. »Ja, spann uns nicht auf die Folter, Ingo! Du sagtest, jemand hat sich auf unser Angebot gemeldet, in den Osterferien Gartenarbeit zu verrichten.« Nervös fuhr er sich durchs braune struppige Haar. »Wo soll das sein und wann genau? Kennen wir den Auftraggeber bereits von früher? Hatte er schon einmal Aufträge für uns?«

Enzo hatte den Geschwistern aufmerksam zugehört und nun kreisten seine Gedanken. Unbewusst leckte er sich über die Lippen, was komisch aussah. »Sag uns bitte, dass es ein Hotel mit einem tollen Restaurant ist, wo wir während unseres Aufenthalts mit leckerem Essen versorgt werden.«

Seine Freunde starrten ihn an und brachen in Gelächter aus. Das war wieder typisch Enzo. Der mollige, schwarz gelockte Junge aus der Nachbarschaft, der die meiste Zeit mit den drei Geschwistern verbrachte, dachte wirklich immer nur ans Essen und war bekannt für seinen guten und reichlichen Appetit. Um aufkommende Hungergefühle zu unterdrücken, nippte Enzo an seinem Mineralwasser. Dabei traf ein Sonnenstrahl, der durchs Fenster fiel die Flasche und ließ sie hell aufblitzen.

Ingo konnte und wollte die freudige Nachricht nicht mehr länger für sich behalten. Er räusperte sich, rückte seine Brille zurecht und schwang seinen Drehstuhl herum, um sich der kleinen Gesellschaft zuzuwenden. »Hoteldirektor Hanenkamp hat uns nach Edesheim eingeladen. Wir dürfen auf Schloss Rebenstein die Urlaubsvertretung des Gärtners zu übernehmen. Es ist …« Seine letzten Worte wurden von lauten Jubelschreien übertönt.

»Hurra«, schrie Lisa außer sich vor Freude. »Wir werden unsere Osterferien auf einem Schloss verbringen. Ich werde mich wie eine Prinzessin fühlen, das weiß ich jetzt schon.«

»Wir werden speisen wie die Könige«, gab Enzo fröhlich hinzu.

»Das ist brillant«, war Georg begeistert. »Ich liebe Schlösser. Die verbergen oft sonderbare Geheimnisse, die erforscht werden wollen.«

Er ahnte nicht, wie recht er damit hatte und erst recht nicht, was sie auf dem Schloss erwarten sollte. Und auch der Rest der Truppe machte sich keine Vorstellung davon, was dieses geheimnisvolle Schloss verbarg.

Sie alle freuten sich auf dieses Abenteuer und veranstalteten einen Freudentanz durchs Zimmer. Doch dann kamen die ersten Zweifel auf. Ob der Auftrag nicht doch eine Nummer zu groß war? Was würde sie dort erwarten?

»Boah.« Enzos sonst so rote Wangen wurden blass. »Wie sollen wir einen ganzen Schlosspark pflegen? Wird uns damit nicht ein bisschen zu viel zugemutet?« Er wischte sich über die Stirn, als wolle er sich die Sorgenfalten wegwischen. »Stellt euch mal vor, wir arbeiten von morgens bis abends und am Ende werden wir rausgeworfen, weil Direktor Hahnenkamm mit unserer Arbeit unzufrieden ist.«

»Er heißt Hanenkamp und nicht Hahnenkamm«, korrigierte Ingo nebenbei. »Aus dem Schloss geworfen? Das wäre überhaupt nicht gut. Wir würden uns in Grund und Boden schämen. Wenn sich das herumsprechen würde, bekämen wir nie wieder Aufträge.«

Lisa lief bei dieser Vorstellung ein eiskalter Schauer über den Rücken. Doch schnell versuchte sie, die negativen Gedanken zu verdrängen. »Vielleicht ist es ja ein kleiner Schlosspark? Das würden wir locker schaffen.«

Ingo tippte in die Tasten seines Rechners und präsentierte kurz darauf einige Bilder der schmucken Parkanlage. »Hier ist der Schlosspark, den wir pflegen sollen.« Seine Nase rümpfte sich unbewusst. »Klein sieht er leider nicht aus.«

»Macht euch mal keine Sorgen, Leute«, beruhigte Georg. »Wir haben ja auf unserer Webseite klipp und klar geschrieben, dass es für uns nur ein Ferienjob ist und wir Laub fegen, Rasen mähen, Unkraut jäten und diverse andere Tätigkeiten verrichten. Damit ist wohl offensichtlich, dass wir keine Gartenprofis sind. Falls Direktor Hanenkamp zu viel von uns erwartet, ist er selber schuld.«

Ingo nickte zögerlich. »Das stimmt. Aber ich glaube, ich schreibe trotzdem zurück, um das klarzustellen. Ich habe keine Lust aus dem Schloss geworfen zu werden, weil man mit unserer Arbeit unzufrieden ist.«

»Tu das bitte nicht«, bat Enzo fast schon wimmernd. »Sehen wir uns erst einmal unseren Aufgabenbereich an. Falls dieser unsere Fähigkeiten als Hobbygärtner übersteigen sollte, können wir immer noch abdanken.«

»Das klingt vernünftig«, schloss sich Georg Enzos Meinung an. Eine Abdankung wollte er dennoch nicht hinnehmen. Zu sehr hatte er sich bereits auf die Ferien im Schloss gefreut.

Lisa spielte vor Unsicherheit mit einer langen blonden Haarsträhne, die ihr ins Gesicht hing. »Aber was machen wir, wenn wir der Aufgabe nicht gewachsen sind?« Fragend blickte sie in die Runde. »Wir wären alle maßlos enttäuscht und völlig umsonst dorthingefahren.«

Georg dachte kurz nach, was man sehr gut an seiner grimmigen Miene erkennen konnte. »Hm.« Geräuschvoll gönnte er sich einen kräftigen Schluck Wasser aus seiner Getränkeflasche. »Wir könnten sicherheitshalber unsere Zeltausrüstung mitnehmen. Falls es mit dem Auftrag nicht klappt, suchen wir uns irgendwo ein schönes Plätzchen und zelten. So wären wir nicht völlig umsonst hingefahren und niemand müsste enttäuscht sein.«

»Die Idee ist grandios«, stimmte Ingo hellauf begeistert zu. »Wir können mit den Rädern fahren. Das käme uns beim Zelten zugute, weil wir damit unabhängig sind und jederzeit in den nächsten Ort fahren können, um Besorgungen zu machen.«

»Wie bitte? Mit den Rädern?«, rief Enzo mit erhobener Stimme und nach oben gezogenen Augenbrauen. »Das klingt anstrengend. Wie lange werden wir unterwegs sein? Ein paar Tage? Du weißt schon, dass unsere Ferienzeit begrenzt ist?« Kritisch blickte er Ingo an.

Ingo winkte energisch ab. »So ein Quatsch. Kannst du nicht mehr rechnen? Bis nach Edesheim sind es doch nur 27 Kilometer. In eineinhalb Stunden werden wir dort sein. Der Bus braucht übrigens fast genauso lange, weil er nahezu alle Ortschaften durchfährt, die auf dem Weg liegen, und an jeder Haltestelle anhalten muss.«

»Ach ja«, meinte Enzo. »Vor lauter Schreck hatte ich nicht nachgedacht. 27 Kilometer sind ein Klacks.«

»Übertreib mal nicht, Enzo«, sagte Lisa. »Die Strecke ist zwar mit dem Fahrrad gut zu bewältigen, aber sie keinesfalls ein Klacks.«

»Na dann, los«, gab Georg den Startschuss. »Wir könnten längst unterwegs sein.«

»Ich gehe nach Hause zum Packen«, rief Enzo und stürzte aus dem Zimmer. Er rannte zum Nachbarhaus, eilte über den Hinterhof und preschte ungestüm durch die Tür der Pizzabäckerei. »Mama, Papa! Die Kinder der Seiferts und ich, wir haben einen tollen Ferienjob bekommen. Darf ich mit?«

»Mama mia, langsam, mein Junge«, beschwichtigte die schwarzhaarige Frau, die gerade Pizzateiglinge mit Salamischeiben belegte und über Enzos furioses Eintreten sehr erschrocken war.

»Wo ist dieser Ferienjob und was sollt ihr machen?«, fragte Enzos Vater, der an der Backmulde stand und einen Pizzateig knetete.

Enzo schnappte sich eine Scheibe Salami von der Pizza und stopfte sie sich in den Mund. Sofort bekam er von der Mutter einen Schlag auf die Finger. »Lass die Finger von der Pizza! Wenn du Wurst willst, schneide dir selber welche ab.«

»Es ist ein Schloss in Edesheim und wir sollen ein bisschen Gartenarbeit verrichten«, berichtete Enzo schmatzend, wobei der die Arbeit verharmloste.

Der mollige, schwarzhaarige Mann sah aus wie Enzo nur in groß und mit kürzeren Haaren. Nachdenklich sah er seinen Sohn an.

»Darf ich mitgehen?«, fragte Enzo erwartungsvoll.

»Ja«, antworteten die Vangelistas wie aus einem Mund.

Enzo machte vor Freude einen Luftsprung. »Dankeschön. Ihr seid die Besten. Ich gehe gleich packen.« Er rannte zur Tür und nahm sich im Vorbeigehen erneut eine Salamischeibe von einem Pizzarohling. »Entschuldigung!«

»Hey, du kleiner Frechdachs«, rief die Mutter ihm erheitert hinterher.

 

Unterdessen erzählten Lisa, Georg und Ingo ihrer Mutter ebenfalls von dem einzigartigen Angebot und starrten die Frau erwartungsvoll an.

»Ich bin voll und ganz einverstanden«, antwortete Frau Seifert und war sogar froh, dass die Kinder für die Ferienzeit eine nette und sinnvolle Beschäftigung gefunden hatten. So entschied sie sich dabei für ihren Mann gleich mit. »Natürlich dürft ihr eure Ferien dort verbringen. Euer Vater wird angenehm überrascht sein, wenn er heute Abend von der Arbeit kommt und es so ruhig im Haus ist. Mir tut ein bisschen Ruhe auch mal ganz gut.«

»Wollen wir hoffen, dass es euch bei dieser Ruhe nicht langweilig wird«, scherzte Georg breit grinsend.

Die Mutter lächelte zurück. »Das könnte durchaus passieren … Ich werde euch etwas Proviant vorbereiten.«

Obwohl die Kinder mit der Zustimmung der Mutter fest gerechnet hatten, wirbelten sie voller Freude in der Küche herum.

Frau Seifert machte sich sogleich an die Arbeit, einen ordentlichen Proviant für die kleine Reisegesellschaft vorzubereiten. »Geht packen, Kinder!«, lachte sie. »Was tanzt ihr mir hier noch im Weg herum?«

Jetzt war richtig was los im Hause der Seiferts. Es wurden Treppen rauf- und runtergerannt. Es wurde gerufen, geschrien und gelacht. Schubladen, Zimmer- und Schranktüren wurden geöffnet und krachend zugeschlagen. Es rumpelte und polterte in jedem Winkel und allen Ecken des Hauses.

»Ich bin wieder da, Freunde!«, rief Enzo wenig später, während er sein Gepäck durch die Einfahrt schleppte und ins Haus brachte.

»Komm bitte rauf und helfe uns!«, rief Lisa hinunter. »Wir müssen noch die Zeltausrüstung überprüfen und zusammenpacken.«

Enzo ließ sich nicht zweimal bitten und half seinen Freunden beim Packen. Nach knapp einer Stunde war endlich Ruhe eingekehrt. Die vollgepackten Taschen und die Rucksäcke mit der Wegverpflegung standen im Flur neben der Haustür für die Abreise bereit. Die Kinder waren noch in der Garage mit ihren Fahrrädern beschäftigt. Sie ölten die Ketten und Radnaben und pumpten die Reifen auf.

»Wir haben es geschafft«, verkündete Ingo mit melodischer Stimme. »Jetzt laden wir unsere Sachen auf die Räder und dann geht es endlich los.«

Hurtig beluden sie die Fahrräder, was bei den vielen Gepäckstücken gar nicht so einfach war. Aber nach kurzer Zeit war alles gut verstaut. Die Kinder verabschiedeten sich von Frau Seifert und fuhren los.

 

Fahrt mit Hindernissen

In den Mittagsstunden radelte die kleine Truppe bei fantastischem Wetter über den Radweg der Sonne entgegen. Fröhliches Vogelgezwitscher, ein tiefblauer Himmel, angenehm warme Sonnenstrahlen und die Freude auf die Ferien im Schloss sorgten für gute Stimmung. Singend und pfeifend fuhren sie des Weges, genossen den Ausblick in die herrliche Landschaft und nahmen tiefe Atemzüge der frischen Luft. Der Frühling zeigte sich in seiner vollen Pracht. Büsche und Bäume leuchteten in verschiedenen Grüntönen und wogen sanft rauschend im warmen Wind. Herrlich bunte Blumenwiesen erstreckten sich kilometerweit und verströmten einen frischen blumigen Duft. Die Kinder folgten dem Radweg neben der Hauptstraße, der durch hügelige Weinberge, weite Felder und dichte Wälder führte.

»Ich liebe unsere Ausflüge«, rief Lisa. »Es geht nichts über Bewegung in freier Natur.«

»Zudem ist Bewegung an der frischen Luft sehr gesund«, fügte Ingo bestätigend hinzu. »Die Muskeln werden trainiert und der gesamte Organismus wird mit frischem Sauerstoff versorgt, was nebenbei auch die Gedächtnisleistung stärkt.«

»Jawohl«, stimmte Enzo zu. »Bewegung an der frischen Luft werden wir auch mit unserer Gartenarbeit bekommen.«

»Das ist genau das, was ich brauche«, freute sich Georg. »Umso besser sind wir nach den Ferien in der Schule.«

»So geht es uns allen, nur Ingo nicht«, kicherte Lisa. »Er ist bereits Klassenbester und kann sich leider nicht mehr steigern. Für einen Primus wie ihn, ist die Bewegung eigentlich völlig nutzlos.«

»Übertreibe mal nicht, Lisa«, rügte Ingo etwas stolz. »Jeder kann sich irgendwo verbessern. Außerdem geht es bei mir darum, meine guten Noten beizubehalten, was auch nicht einfach ist. Würde ich den ganzen Tag im Zimmer rumsitzen, würde mein Notendurchschnitt schneller absacken, als ich Huch sagen kann.«

»Dann sag eben nicht Huch«, scherzte Enzo, worauf alle lachten.

Fröhlich und unermüdlich radelte die Truppe weiter und bemerkte nicht, wie ein Unwetter aufzog, das den Himmel allmählich verdunkelte.

Als sie aus dem Wald herausfuhren, schaute Ingo überrascht zum bedrohlich wirkenden Himmel. »Nanu? Was hat sich denn da über unseren Köpfen zusammengebraut? Anhalten bitte!«

Das Quietschen der Fahrradbremsen hallte durch den Forst. Die Kinder starrten in die düsteren Wolken über ihnen, die sich mehr und mehr verdichteten.

Enzo lauschte. »Hört ihr das, Leute? Man hört gar nichts, nicht einmal einen Piep. Die Vögel sind verschwunden und sämtliche Tiere sind geflohen.«

Das hatte Enzo richtig erkannt. Es herrschte plötzlich eine gespenstische Stille. Alle Tiere hatten das nahende Unwetter gefühlt und sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

»Jeden Moment kann ein Wolkenbruch einsetzen. Wir gehen besser in den Wald zurück und suchen einen Unterschlupf«, riet Lisa und spürte bereits einen leichten Nieselregen. »Wir sollten uns schleunigst irgendwo unterstellen, bevor es richtig losgeht.«

Augenblicklich kehrten die Kinder um, fuhren zurück in den Wald und bogen auf der Suche nach dichtem Gebüsch, das sie vor dem Regen schützen sollte, in einen holperigen Waldweg ab. In dem Moment hörten sie auch schon den Regen auf das Blätterdach prasseln und spürten die ersten dicken Tropfen auf ihren Köpfen. Auf der Suche nach einer Unterstellmöglichkeit schauten sie sich um und sahen durch die Bäume etwas Bräunliches schimmern.

»Da vorne ist etwas.« Ingo fuhr auf das Objekt zu. »Eine Waldhütte! Die kommt uns wie gerufen. Hoffentlich ist sie offen.«

Tatsächlich. Nach der nächsten Kurve kamen sie direkt vor einer Hütte an.

Georg blickte kritisch drein. »Eine Schönheit ist sie nicht. Seht euch an, wie zerfallen sie ist. Die Wände bestehen nur noch aus alten, klapprigen Brettern und die Tür ist völlig marode.«

»Das spielt doch überhaupt keine Rolle«, entgegnete Enzo. »Wir wollen ja damit keinen Preis gewinnen. Wenigstens hat sie ein Dach, das uns vor dem Regen schützt.«

»Und Wände, die uns vor Gewitter schützen können«, fügte Lisa zufrieden hinzu.

Georg stieß die knarrende Tür auf. Eilig schoben sie ihre Fahrräder in den Raum und lehnten sie an der Bretterwand an.

»Das ist ein guter Platz«, kommentierte Ingo. »Hier sind sie sicher untergestellt und unser Gepäck bleibt trocken.«

Lisa zeigte zum anderen Ende des Raumes. »Da hinten ist eine Tür. Wohin die wohl führt?«

»Das werden wir gleich wissen«, sagte Enzo unternehmungslustig und schritt voran. Fast gleichzeitig traten sie durch die Tür in einen Raum, der durch ein kleines, schmutziges Fenster nur spärlich erhellt war.

»He, da stehen ein Tisch und zwei Bänke«, war Lisa überrascht und erfreut zugleich. »Das kommt uns wie gerufen. Da können wir uns gemütlich hinsetzen und abwarten, bis das Unwetter vorbei ist.«

Das war eine großartige Idee und genau das taten sie auch. Sie setzten sich an den Tisch und beobachteten das Unwetter durchs Fenster.

Ingo ließ seinen Blick im Raum umherschweifen und entdeckte abgewetzte Knieschützer und zerschlissene Lederwesten, die an der Wand hingen. »Hm. Ich nehme an, das ist ein Pausenraum für Waldarbeiter.«

»Dann sollten wir diesen Raum auch genauso nutzen«, meinte Enzo. »Wir könnten eine schöne Pause einlegen und etwas trinken.«

Wie auf Kommando holten alle ihre Trinkflaschen aus den Rucksäcken hervor und stellten sie vor sich auf den Tisch. Dem prasselnden Regen lauschend, nippten sie an ihren Apfelsaftschorlen und warteten darauf, bis das Unwetter endlich vorbei ist.

Enzos Magen knurrte. »Freunde? Es tut mir leid, aber ich glaube, ich kippe gleich vom Stuhl. Kümmert euch nicht um mich, falls ich mich auf dem Boden wälze.«

»Ja, klar. Du übertreibst wie immer.« Ingo kannte Enzos Heißhungerattacken nur zu gut. Aus diesem Grund hatte er auch stets genügend Müsliriegel im Rucksack, die er Enzo im Notfall geben konnte. Würde Enzo die Riegel selbst mitführen, wären sie garantiert alle im Nu aufgegessen. Fürsorglich schob Ingo seinem Freund Enzo einen Müsliriegel entgegen.

»Danke, du hast mir das Leben gerettet«, nahm Enzo den Riegel dankbar an und aß ihn genüsslich auf.

Es wurde windig und der Regen wurde stärker und immer stärker. Im Raum wurde es finster.

»Oje, das Unwetter ist schlimmer, als ich erwartet hatte«, sagte Enzo besorgt.

»Moment, ich mache Licht.« Ingo kramte in seinem Rucksack und holte eine Solarleuchte heraus, die den Raum in ein angenehmes Licht tauchte.

Die Hütte vibrierte und der Regen hörte sich an, als würde ein Zug übers Dach rasen. Der Sturm schüttelte das Haus, als wollte er es in Stücke reißen. Die Bäume rauschten, ächzten und knackten. Es war wirklich beängstigend.

Lisa steckte sich die Finger in die Ohren. »Das ist ja furchtbar.«

Georg lachte. »Hast du etwa Angst, Lisa? Denkst du, wenn du es nicht hörst, wird es besser?«

»Nein«, stellte Lisa klar. »Mir fallen die Ohren zu, deshalb schütze ich sie.«

»Das kommt vom Sturm«, klärte Ingo auf. »Wenn ein Sturm übers Haus zieht, kann das durch die Sogwirkung in den Innenräumen einen leichten Unterdruck erzeugen, der sich auf die Trommelfelle in den Ohren auswirkt.«

»Kann es auch sein, dass der Unterdruck Hungergefühle auslöst?«, vergewisserte sich Enzo.

»Nein«, antwortete Ingo. »Das kann nicht sein.«

»Bei dir löst alles Hungergefühle aus, Enzo«, alberte Lisa, worauf alle lachten.

Bald ließ der Sturm nach und der Regen ebbte ab. Der Himmel klarte sich allmählich auf und Vogelgezwitscher hallte durch den Wald. Warme Sonnenstrahlen stahlen sich durch das kleine schmutzige Fenster und erhellten den Raum mit einem goldenen Licht.

»Wir haben es überstanden. Lasst uns jetzt zum Schloss fahren, wo wir prachtvolle Ferien verbringen werden«, motivierte Ingo zum Aufbruch.

Die Kinder schoben ihre Fahrräder aus der Hütte. Überall hatten sich Pfützen gebildet. Der Weg war voller Zweige und Äste, die das Unwetter heruntergerochen hatte. Dicke Wassertropfen an den Blättern leuchteten und funkelten im Sonnenlicht wie LED Lichterketten. Die Truppe setzte ihre Tour über den nassen Waldweg fort. Hin und wieder fielen kalte, dicke Regentropfen von den Blättern herab und trafen sie wie Nadelstiche im Genick. Sobald sie durch Pfützen fuhren, spritzte das Wasser in alle Richtungen. Sie kamen auf den asphaltierten Radweg, der entlang der Landstraße aus dem Wald führte. Die dunkle Wolkendecke war weitergezogen und nur noch als schmaler Streifen am Horizont erkennbar. Es herrschte strahlender Sonnenschein und der Himmel war tiefblau. Die Luft roch herrlich frisch nach Kräutern, Moos und Regen. Frisch und munter radelten die Kinder unter der wärmenden Sonne ihrem Ziel entgegen. Bald waren die Straßen getrocknet und nichts mehr deutete auf das vergangene Unwetter hin. In der Ferne sah man die leuchtenden Dächer der Ortschaft und manchmal ein Fenster aufblitzen.

»Wir sind da«, verkündete Ingo erfreut. »Das ist Edesheim.«

Eilig fuhren die Kinder am Ortseingangsschild vorbei. Ingo radelte sich an die Spitze der Truppe. »Lasst mich bitte vorausfahren. Ich habe mir den Weg von der Karte verinnerlicht.«

Sie folgten den Straßen bis zum Ortsrand, wo sie ein schmuckes Sandsteingebäude mit mehreren Gebäudeteilen und einem markanten Turm erblickten.

»Schloss Rebenstein«, riefen die Kinder wie aus einem Mund.

Das Schloss war umgeben vom Schlosspark und dahinter lagen die hügeligen Weinberge. Die Sandsteinmauern schimmerten im Sonnenlicht wie pures Gold, was es wie ein Märchenschloss aussehen ließ. Voller Aufregung fuhren die Kinder unter dem Torbogen der eingrenzenden Mauer hindurch. Sie fuhren über das holperige Kopfsteinpflaster im Innenhof und kamen zur Vorderseite des Gebäudes, wo sich eine gläserne Eingangstür befand. Neben dem Eingang stellten sie ihre Fahrräder ab.

Durch die gläserne Tür erkannte Ingo den Rezeptionsschalter, der aus rötlichem Marmor bestand. »Dort ist die Rezeption. Der Eingangsbereich sieht genauso prachtvoll wie auf den Bildern aus.«

»Unsere Sachen lassen wir hier, bis wir uns angemeldet haben«, schlug Enzo vor. »Zuerst müssen wir klären, ob wir die Anforderungen als Gärtner überhaupt erfüllen können. Noch können wir absagen und zelten gehen.«

Plötzlich kam ein Mann um die Ecke gelaufen. Er war so Ende fünfzig, hatte ein braunes, faltiges Gesicht und einen schneeweißen Vollbart. Seine ebenfalls schneeweißen und buschigen Augenbrauen verdeckten seine ohnehin schon schmalen Augen fast zur Hälfte. An seinem grünen Arbeitsoverall, den grünen Gummistiefeln, den Rechen in seiner Hand und seinem Strohhut, glaubte man zu erkennen, dass er der Gärtner sein musste.

»Hallo, liebe Kinder«, grüßte er beschwingt. »Ihr seid bestimmt wegen der Gartenarbeit gekommen, oder?«

»Ganz richtig«, bestätigte Georg. »Sind Sie einer der Gärtner?«

»Ich bin nicht einer der Gärtner, ich bin der Gärtner«, sagte der Mann stolz. »Mein Name ist Ernst Heinemann. Ich habe Direktor Hanenkamp gebeten, euch zu beauftragen, während meiner Abwesenheit den Garten zu pflegen.«

»Sind Sie sicher, dass das eine gute Entscheidung ist?«, fragte Enzo und blickte unsicher in den riesigen Park. »Wir sind Kinder und machen das nur als Ferienjob. Wir sind keine Spezialisten und der Schlosspark ist doch riesig?!«

Herr Heinemann nickte entschlossen. »Ich bin mir absolut sicher. Ihr müsst nicht viel tun. Es ist nur für eine Woche, während ich im Urlaub bin. Ich habe mich ganz bewusst für euch entschieden, weil ich als Urlaubsvertretung keine Berufsgärtner haben möchte.«

»Warum nicht?«, wunderte sich Lisa. »Fachleute würden das doch gewiss besser machen als wir?!«

»Das kann sein«, erwiderte der Mann. »Aber genau da liegt das Problem. Wenn die Urlaubsvertretung die Arbeit besser macht als ich, verliere ich vielleicht meinen Job.«

»Unsinn.« Georg winkte ab. »Der Park sieht absolut perfekt aus. Soweit ich das von hier aus beurteilen kann, leisten Sie sehr gute Arbeit.«

»Dankeschön«, freute sich der Mann über das Lob. »Gärtner ergreifen mir aber auch zu viel Eigeninitiative und würden den Park verändern, weil sie ihre Kreativität einbringen möchten. Das will ich vermeiden.« Er musterte Georg, der einen halben Kopf größer war als er, eindringlich. »Gehören Sie eigentlich dazu, junger Mann?«

Georg lächelte stolz. »Ja, ich bin erst dreizehn und bin nur ziemlich groß für mein Alter.«

»Ziemlich groß? Das kann man wohl sagen«, war Herr Heinemann beeindruckt.

»Nun gut«, wurde Enzo ungeduldig. »Wie sieht unser Aufgabenbereich für die nächsten sieben Tage aus?«

»Das ist ganz einfach«, erklärte der Gärtner. »Sollte es länger als zwei Tage nicht regnen, schaltet ihr für zwei Stunden die Bewässerung ein.«

»Ist das alles?«, war Lisa perplex. »Das war‘s schon? Wie sieht es aus mit Unkraut zupfen, Erde auflockern oder Rasen mähen?«

Bereits während Lisas Frage schüttelte der Herr mehrmals den Kopf. »Nein, nein, nein! Das mache ich alles selbst, sobald ich wiederkomme. Ihr sollt nichts weiter tun, als die Bewässerung einzuschalten, falls es länger als zwei Tage nicht regnet.«

»Alles klar«, meinte Georg. »Wenn Sie es so möchten, werden wir es so machen?! Können Sie uns zeigen, wie man den Park bewässert?«

»Ich habe noch ein wenig zu tun. Kommt am besten nachher in den Garten. Geht jetzt erst mal rein, meldet euch bei Frau Gaus an der Rezeption an, packt eure Sachen aus und schaut euch ein bisschen um. Ich bin bis 17 Uhr hier. Mir wäre es recht, wenn ihr spätestens um 16 Uhr rauskommen würdet, dass wir noch genügend Zeit haben, alles zu klären.«

»Wird gemacht, Herr Heinemann«, sagte Lisa erfreut. »Wir sehen uns nachher.«

Jetzt, wo die Kinder ihre Arbeit kannten und wussten, dass sie diese bewältigen konnten, waren sie beruhigt und fühlten sich ihrer Sache sicher. Die Angst, den Auftrag absagen und die Ferien in den Zelten verbringen zu müssen, war gänzlich verflogen. So luden sie ihr Gepäck von den Fahrrädern und schritten durch die Eingangstür.