Band 33 - Ein fast perfekter Diebstahl

Gerade haben die Sommerferien begonnen, werden die Kinderdetektive Ingo, Georg, Enzo und Lisa in ein Hotel eingeladen, um einen sehr mysteriösen Diebstahl aufzuklären.

 

Sie nehmen die Ermittlungen auf, aber die Spurensuche gestaltet sich schwierig. Kurz darauf werden die vier Hobbydetektive bedroht und scheinen in Gefahr zu sein. Werden Sie den rätselhaften Diebstahl dennoch lösen?

 

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Keine neue Nachricht

In den frühen Morgenstunden näherte sich ein kalter Nebel vom Wald her und verschlang die hübsche Kleinstadt Bad Bergzabern. Jegliche Geräusche wurden gedämpft, was eine unnatürliche Stille erzeugte. Bedrohlich wirkend waberten die Nebelschwaden durch die Straßen und über die Häuser hinweg. Ein kalter, feuchter Hauch zog ins offene Fenster von Ingos Zimmer.

Es war kaum zu glauben, gerade hatten die Sommerferien begonnen und prompt spielte das Wetter den Kindern einen üblen Streich. Ingo hatte an diesem Morgen zeitig ausgeschlafen und saß an seinem Rechner. Interessiert recherchierte er im Internet nach Vulkanen und deren Entstehung. Doch etwas lenkte ihn ab. War da nicht ein Geräusch? Es klang sehr gedämpft und klang wie Schritte. Der Junge ging zum Fenster und spähte hinaus. Das Geräusch kam von der Vorderseite des Hauses, da konnte er von seinem Zimmer aus nicht hinsehen. Deshalb lief er zum Flur und schaute dort aus dem Fenster.

Ein molliger, schwarz gelockter Junge stand in der Einfahrt und blickte zu ihm rauf. »Ingo? Guten Morgen. Bist du etwa schon wach?«

»Guten Morgen, Enzo«, erwiderte Ingo den Gruß. »Natürlich bin ich wach. Dachtest du, ich würde schlafwandeln?«

»Nein«, lachte Enzo. »Es ist nur ungewohnt. Sonst muss ich immer so lange warten, bis ihr aufsteht.«

Das stimmte, denn Enzo wartete jeden Morgen vor der Haustür darauf, dass Ingo, Lisa und Georg aufstanden. Die drei Geschwister ließen ihn dann rein, um gemeinsam zu frühstücken. Enzo wohnte nur ein paar Häuser weiter in der Nachbarschaft. Weil seine Eltern eine Pizzeria betrieben und wenig Zeit hatten, hielt sich der Junge die meiste Zeit bei Familie Seifert auf. Inzwischen war er wie ein Mitglied der Familie geworden.

»Klopfe doch am Küchenfenster«, rief Ingo hinunter. »Du weißt doch, Mama ist längst wach und bereitet das Frühstück vor.«

»Nein danke«, lehnte Enzo ab. »Ich warte lieber hier, bis ihr mir die Tür öffnet, damit wir zusammen frühstücken können.« 

Enzo wusste genau, dass Frau Seifert in der Küche war. Denn während er täglich vor der Haustür wartete, drangen Arbeitsgeräusche aus dem aufgeklappten Küchenfenster. Das war Frau Seifert, die das Frühstück zubereitete. Einige Male hatte sie dem Jungen bereits angeboten, in der Küche auf seine Freunde zu warten. Doch egal, ob Winter oder Sommer, Enzo lehnte stets ab und wollte lieber draußen warten, was keiner so richtig verstehen konnte.

»Du bist echt stur, Enzo«, brummte Ingo.

Enzo zuckte mit den Schultern. »So bin ich eben. Kümmere dich nicht um mich, ich komme schon zurecht.«

»Ja. Klar.« Ingo ging nach unten und öffnete die Haustür. »Komm rein! Du kannst ja in meinem Zimmer warten, bis die anderen wach sind. Oder willst du das auch nicht?«

»Doch! Das mache ich gerne«, willigte Enzo ein und folgte Ingo nach oben.

In Ingos Schlafzimmer angekommen, setzte er sich auf den weißen, flauschigen Flokati neben dem Bett und beobachtete Ingo, der weiter am Rechner arbeitete.

»Kann ich dir etwas anbieten?«, fragte Ingo, um seinen Gast nicht zu vernachlässigen. »Soll ich dir einen Tee, eine heiße Schokolade oder etwas anderes aus der Küche holen?«

»Nein danke, Ingo. Es gibt ja bald Frühstück«, dankte Enzo ab.

Plötzlich ging die Tür auf und Lisa kam hereinspaziert. »Guten Morgen, ihr beiden. Ich war gerade beim Lesen und hörte eure Stimmen. Was ist hier los?«

»Guten Morgen«, grüßten Enzo und Ingo zurück.

»Nichts ist hier los. Ingo war früher wach und hat mich reingelassen, das ist alles. Du warst gerade beim Lesen? Du warst also auch schon wach?«, fragte Enzo verdutzt. »Was ist denn heute mit euch los? Es fehlt nur noch, dass Georg durch die Tür kommt.«

Kaum hatte er ausgesprochen, stand Georg an der Tür und schaute überrascht drein. »Guten Morgen, Leute. Ist hier eine Versammlung oder was? Was habe ich verpasst? Geht es um einen Detektivauftrag oder um einen Ferienjob als Hobbygärtner?«

»Weder noch«, antwortete Ingo. »Wir haben nur zeitig ausgeschlafen und warten, bis wir frühstücken können. Aber wo du gerade davon sprichst: Ich schaue noch mal in den Mails nach, ob wir inzwischen einen Auftrag oder einen Job bekommen haben.«

Gespannt sahen die Kinder Ingo beim Abrufen der Nachrichten zu, doch der winkte nach kurzer Zeit ab. »Nichts. Wir haben weder einen Auftrag noch ein Jobangebot bekommen.«

Tiefe Seufzer der Enttäuschung hallten durch den Raum. Eigentlich wollten sie einen Detektivauftrag oder wenigstens einen Ferienjob, um die Zeit in den Ferien sinnvoll zu nutzen. Wie es aber im Moment aussah, sollten sie sich schnellstens eine Alternative einfallen lassen, um in den Ferien noch eine tolle Beschäftigung zu bekommen.

Plötzlich klopfte es an der Zimmertür und Frau Seifert trat herein. »Wie ich sehe, habt ihr zeitig ausgeschlafen. Guten Morgen, Kinder.«

»Guten Morgen«, grüßten alle gleichzeitig und schauten die Frau verwundert an, weil sie sonst morgens nie in Ingos Zimmer kam.

»Ich habe mitbekommen, dass ihr bereits wach seid«, teilte die Mutter mit. »Papa ist gerade zur Arbeit gegangen und euer Frühstück mit knusprigen Brötchen, Tee und anderen Leckereien steht bereit. Wenn ihr wollt, könnt ihr gleich runterkommen und …«

»Wir wollen«, unterbrach Enzo verzückt. »Ich liebe Sie, Frau Seifert.«

Alle starrten Enzo an und brachen in Gelächter aus. Das war typisch Enzo. Der Junge war bekannt dafür, dass er ständig hungrig war, reichlich Appetit hatte und manchmal zu Übertreibungen neigte, wenn es ums Essen ging.

Kurze Zeit später kamen die Kinder in die Küche und setzten sich an den üppig gedeckten Frühstückstisch. Ein Brief in der Mitte des Tisches erweckte ihre Aufmerksamkeit.

»Was ist das?«, fragten die Kinder wie im Chor.

»Er war heute Morgen im Briefkasten und ist an euch adressiert«, erklärte die Mutter.

Sofort öffnete Ingo den Umschlag, und seine grünen Augen schienen zu leuchten. »Wir wurden nach Dahn ins Hotel Waldblick eingeladen«, jauchzte er. »Bis nach Dahn sind es ungefähr 20 Kilometer, da könnten wir mit den Fahrrädern hinfahren.«

»Klasse«, freute sich Georg. »Sollen wir dort Gartenarbeit verrichten?«

Ingo schielte hinüber zur Mutter, die an der Anrichte stand. »Ja, wir sollen Gartenarbeit machen. Jemand hat sich auf unser Angebot gemeldet, das wir auf unserer Webseite stehen haben. Hurra, wir machen Gartenarbeit in den Ferien. Gartenarbeit ist toll und …«

»Du bist ein schlechter Lügner, Ingo«, amüsierte sich die Mutter. »Um was geht es wirklich?«

»Na gut.« Ingo fühlte sich ertappt. »Aus dem Safe im Hotel Waldblick wurde Geld und Schmuck gestohlen. Eine gewisse I. Braun bittet uns, in der Sache zu ermitteln.«

»Hurra!«, tönte es durch den Raum.

»Wir haben einen Detektivauftrag«, rief Georg voller Vorfreude.

Aber dann wurde es still und alle Blicke wanderten erwartungsvoll zur Mutter. Wird sie es überhaupt erlauben oder hatten sie sich zu früh gefreut?

»Viel Glück dabei«, sagte Frau Seifert, worauf alle jubelten und vor Freude durch die Küche tanzten. »Ich werde euch einen ordentlichen Proviant vorbereiten.«

»Vielen Dank, Frau Seifert«, freute sich Enzo. »Proviant können wir nie genug haben.«

»Ach ja«, fing Frau Seifert an. »Passt auf und …«

»Bringt euch nicht in Gefahr«, ergänzten die Kinder gleichzeitig und lachten.

»Natürlich, Mama«, versicherte Georg. »Wir sind immer vorsichtig.«

Ingo schaute aus dem Fenster und konnte kaum den Zaun vor der Einfahrt erkennen. »Bis wir nachher wegfahren, hat sich der Nebel bestimmt aufgelöst und die Sonne scheint.«

Endlich fingen sie zu frühstücken an. Weil sie es eilig hatten, fielen sie wie hungrige Wölfe über das Essen her. »Esst langsam und schlingt nicht so, Kinder«, mahnte die Mutter. »Ihr bekommt sonst Bauchschmerzen. Ihr habt Zeit, der Auftrag läuft euch nicht davon.«

Das sahen die Kinder ein. Deshalb beruhigten sie sich wieder und ließen es gemütlicher angehen. Sie ließen sich die Brötchen mit Marmelade, Zuckerrübensirup und Honig schmecken und genossen heiße Milch, heiße Schokolade und Tee. Zum Abschluss des Frühstücks stellte die Mutter jedem ein großes Glas Orangen-Karottensaft hin. Das tranken sie jeden Morgen, um mit ausreichend Vitaminen für den Tag versorgt zu sein.

Die Kinder waren sehr aufgeregt, einen Auftrag bekommen zu haben und die Ferien in Dahn verbringen zu dürfen. Sie kannten die Stadt, weil sie dort einmal einen Spuk auf Schloss Falkenstein aufgeklärt hatten. Im umliegenden Dahner Felsenland hatten sie außerdem auch ein Geheimnis auf Schloss Drachenfels gelüftet und am Seehof ein stürmisches Abenteuer erlebt. Sie waren sehr gespannt, was sie diesmal dort erleben werden.

 

Ein mysteriöser Diebstahl

Etwa 90 Minuten später fuhren die Kinder mit ihren voll beladenen Fahrrädern über den Radweg. Ingo hatte sich leider getäuscht. Der Nebel hatte sich nicht aufgelöst, wie er gehofft hatte, sondern ist sogar noch dichter geworden. Man konnte kaum fünf Schritte weit sehen und die Feuchtigkeit kroch in die Kleidung und Haare.

»Bis wir dort ankommen, sind wir triefend nass«, befürchtete Lisa. »Das ist kein schönes Sommerwetter, so viel steht fest. Hoffentlich ist es in Dahn besser.«

»Hoffen wir es«, pflichtete Georg seiner Schwester bei. »Es wäre schade, wenn es die ganze Zeit regnet oder ununterbrochen neblig wäre.«

Enzo zuckte gleichgültig mit den Schultern und wirkte fröhlich. »Egal, Freunde. Wir verbringen die Nächte in einem Hotel. Das Wetter kann uns ziemlich egal sein. Wir bekommen leckeres Essen und weiche Betten. Es wird grandios werden.«

»Wie kannst du wissen, ob es grandios werden wird«, rügte Lisa. »Wir sind eingeladen, um einen Fall zu lösen, was wohl an erster Stelle steht. Falls wir ihn nicht aufklären können, wird es bestimmt nicht grandios, sondern nur enttäuschend werden. Ganz zu schweigen von der Gefahr, in die wir dabei geraten können.«

»Gefahr? Ach was«, beschwichtigte Georg. »Die Sachen aus dem Safe wurden bereits gestohlen und der Dieb ist längst über alle Berge. Deshalb brauchst du dir vor einer drohenden Gefahr keine Sorgen zu machen.«

»Nicht ganz«, widersprach Ingo. »Man sagt, der Täter kehrt immer zum Tatort zurück. Demnach könnte es doch zu einer Begegnung mit ihm kommen.«

»Ja und?«, meinte Enzo gleichgültig. »Wir sind Detektive und auf alles vorbereitet. Wenn der Täter zurückkommt, hat er Pech gehabt, weil wir ihn uns sofort schnappen werden.«

»Ha, ha«, sagte Lisa monoton. »Wir sind hier nicht in einem Film. Das ist das wahre Leben, Enzo. So einfach, wie du es dir vorstellst, wird es bestimmt nicht werden.«

»Genau«, meinte Ingo. »Wir dürfen die Sache nicht unterschätzen.«

Die Kinder radelten durch Wälder und Felder, die im Nebel versanken. Ab und zu kam mal auf der danebenliegenden Landstraße ein Auto vorbeigefahren, was unheimlich aussah. Man sah die Lichter erst, kurz bevor es da war. Der vernebelte Wald wirkte ein wenig gruselig, weil er so undurchsichtig war. Wäre ein Reh aus dem Dickicht gesprungen, hätte es die Kinder glatt umgerannt, weil sie es zu spät gesehen hätten. Auch nach mehreren Kilometern durch das Dahner Felsenland blieb das Wetter unverändert. Die Hoffnung, in Dahn wäre ein besseres Wetter, schwand mit jedem Meter, dem sie sich ihrem Ziel näherten. Sie fuhren bergauf, rollten bergab, überquerten Hügel und durchquerten Täler. Die Strecke schien endlos und es kam ihnen fast so vor, als wären sie bereits hunderte von Kilometern gefahren. Aber bald kamen sie durch den Ort Erlenbach.

Ingo lachte. »Wisst ihr noch, als wir in Erlenbach gezeltet hatten?«

»Ja, damals sind die Außeririschen gekommen«, antwortete Enzo erheitert.

»Genau«, bestätigte Georg amüsiert. »Wir durften hautnah die Ankunft der Außeririschen erleben.«

»Diesmal ist es nur ein Diebstahl, den wir aufklären dürfen«, meinte Lisa und ahnte nicht, dass sie geradewegs in ein riesiges Abenteuer schlittern werden. 

Kurz vor Mittag kamen die Kinder pitschnass am Stadtrand von Dahn vor dem Hotel an. Es handelte sich um ein weißes Flachdachgebäude mit Fensterfassade, das malerisch direkt vor einem bewaldeten Berghang lag, von dem man bei dem herrschenden Nebel nur schwach die Silhouette erkennen konnte.

»Hotel Waldblick. Das klingt wirklich sehr einladend«, bemerkte Ingo.

Lisa sah sich um. »Wir sind umgeben von Wäldern. Eigentlich könnte hier jedes Hotel Waldblick heißen.«

Die Kinder stellten ihre Fahrräder ab, nahmen ihr Gepäck und liefen durch die gläserne Eingangstür in die Eingangshalle. Kugelförmig geschnittene, grasgrüne Bäumchen und goldenes Binsengras prangten aus steinernen Blumenkübeln, die an vielen Stellen des Raumes zu finden waren. Durch die orangeroten Wände und den steinernen Fußboden kamen die kniehohen bis mannshohen Pflanzen schön zur Geltung. Vorne an der Wand befanden sich der Rezeptionsschalter und gegenüber eine Gruppe von Korbsesseln, die anscheinend als Wartebereich diente. Dort saß eine junge Dame. Der Mann an der Rezeption telefonierte gerade und hatte die eintretenden Gäste noch nicht bemerkt.

Aber die junge Dame, etwa 16 Jahre jung, erhob sich vom Korbsessel und lief auf die Kinder zu. »Ihr seid das IGEL-Team«, rief sie erfreut.

»Ja, das sind wir«, bestätigte Ingo.

»Ich bin Iris Braun, die Tochter der Hotelinhaber. Der Brief war von mir.« Sie reichte Georg die Hand. »Vielen Dank, dass Sie die Kinder hergebracht haben.«

Georg lachte. »Ich habe die Kinder nicht hergebracht, ich gehöre zum IGEL-Team dazu. Ich bin erst dreizehn und nur ziemlich groß.«

»Echt?« Das schlanke Mädchen mit den braunen, langen Haaren stutzte. »Du bist ja einen halben Kopf größer als ich mit sechzehn?! Du bist wirklich enorm groß für dein Alter.«

»Ich bin 1,76 groß«, informierte Georg stolz.

»Du hast uns also den Brief geschrieben«, griff Enzo das wesentliche Thema auf.

»Genau, weil mein Vater mich verdächtigt, das Geld und den Schmuck gestohlen zu haben.«

»Wie kommt dein Vater darauf?«, hakte Lisa nach. »Hast du ihm einen Grund gegeben, dass er es dir zutrauen würde?«

»Eigentlich nicht«, erwiderte Iris. »Ich hatte ihn nur am Abend zuvor um Geld gebeten. Als er abgelehnt hat, hatte ich mich nicht sonderlich gut verhalten.«

»Was meinst du mit: Nicht sonderlich gut?«, interessierte sich Ingo.

»Naja, ich war eben sauer, bin aus dem Büro gestürmt und habe die Tür zugeknallt«, gestand das Mädchen. »Am nächsten Morgen fand mein Vater den leeren Safe vor. Das ganze Geld und der Schmuck, den die Hotelgäste bei uns verwahren lassen, war weg.«

»Trotzdem finde ich es komisch, dass dein Vater dir zutraut, einen Safe zu knacken«, bemerkte Enzo.

»Das ist ja das Mysteriöse an der Sache«, meinte Iris. »Der Safe wurde nicht geknackt. Er war noch immer verschlossen, als hätte jemand die Sachen herausgezaubert. Mein Vater dachte, ich wüsste den Sicherheitscode, hätte diesen eingegeben, die Sachen entwendet und den Safe wieder verschlossen.«

Ingos grüne Augen wurden groß. »Die Sachen sollen aus dem verschlossenen Tresor entnommen worden sein? Das ist unmöglich! Dafür muss es eine logische Erklärung geben. Kennst du den Sicherheitscode überhaupt?«

Iris schüttelte den Kopf. »Ich war vielleicht mal zufällig im Zimmer, als mein Vater Wertsachen in den Safe gelegt hat. Aber ich versichere euch, ich hatte nicht darauf geachtet. Nur meine Eltern kennen den Code.«

»Das ist alles sehr kurios. Vielen Dank für den tollen Auftrag«, freute sich Georg auf den bevorstehenden Fall.

»Ich danke euch. Ich stelle euch schnell an der Rezeption bei Herrn Gauweiler vor, danach bringe ich euch rauf. Ihr seid ja pitschnass. Trocknet erst mal eure Sachen, anschließend essen wir zu Mittag und nach dem Essen zeige ich euch alles«, empfahl das Mädchen.

Gesagt, getan. Iris stellte ihre Gäste dem Rezeptionisten vor, damit er wusste, wer im Hotel ein und aus geht. Die Kinder folgten der Gastgeberin durch die Eingangshalle. Neben einer hölzernen Treppe stiegen sie in einen Fahrstuhl und fuhren hinauf bis zum obersten Stockwerk, wo sie in einem kleinen Flur landeten.

»Hier geht es in unsere Dachwohnung«, kommentierte Iris, schloss eine Tür auf und lief in den Gang. Mit beiden Händen gleichzeitig zeigte sie auf die beiden Türen links und rechts des Korridors und überreichte Georg die Schlüssel. »Eure beiden Zimmer liegen sich gegenüber und sind identisch. Ihr könnt euch ja selbst aussuchen, wo wer schläft.«

Georg nahm die Schlüssel an. »Vielen Dank, das machen wir.«

Iris zeigte nacheinander zu anderen Türen. »Da vorne schlafen Mama und Papa, dort schläft meine Schwester Elli, daneben ist mein Zimmer, dort ist das Büro, da vorne ist das Wohnzimmer und daneben die Küche. Ich werde euch nachher alle Räume zeigen. Hier oben in unserem Privatbereich sind natürlich keine Hotelgäste untergebracht. Ihr seid aber keine Hotelgäste, sondern unsere privaten Gäste, weil ich euch ja zum Ermitteln herbestellt habe.«

»So ist es«, bestätigte Georg. »Wir sind nicht zum Spaß hier.«

»Selbstverständlich könnt ihr euch im Hotel frei bewegen, um ungestört ermitteln zu können. Alle wissen Bescheid, weil ich jedem erzählt habe, dass vier Kinderdetektive kommen werden, die den Diebstahl aufklären wollen«, erklärte Iris.

»Das finde ich nicht so gut«, bemängelte Ingo. »Falls sich der Dieb im Hotel befindet, ist er jetzt vorgewarnt.«

Erschrocken hielt sich Iris die Hand vor den Mund. »Oje, daran hatte ich nicht gedacht. Das tut mir echt leid.«

Enzo winkte ab. »Es gibt Schlimmeres.«

»Hoffentlich habe ich dadurch nicht eure Ermittlungsarbeit erschwert. Hätte ich das gewusst, hätte ich gesagt, ihr wärt Freunde von mir«, bedauerte Iris. »Meine Eltern sind entweder da vorne im Büro, im Wohnzimmer, in der Küche oder im Hotel unterwegs, falls ihr sie mal suchen solltet, um eine Befragung zu machen.«

»Okay. Danke für die Information«, erwiderte Ingo.

»Sobald ihr ausgepackt habt, könnt ihr rüber zur Küche kommen«, verabschiedete sich das Mädchen vorerst.

»Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich, Iris«, stammelte Lisa, »aber ich glaube, du hast an der Wange und am Kinn etwas Lippenstift.«

»Nein«, lachte Iris mit gequältem Gesichtsausdruck. »Das ist kein Lippenstift, es ist ein Hautausschlag. Ich habe ihn mit Make-up überdeckt, normalerweise sieht er noch schlimmer aus.«

»Hoffentlich ist es nichts Ernstes«, meinte Enzo besorgt.

»Ob es ernst ist, weiß ich nicht. Leider konnten die Ärzte bisher nichts finden. Es juckt furchtbar und ich muss mich sehr beherrschen, nicht daran zu kratzen«, klagte die junge Dame ihr Leid.

»Hast du auch Hustenreiz und eine verstopfte Nase?«, interessierte sich Ingo.

Die braunen Augen des Mädchens weiteten sich vor Erstaunen. »Ja. Ich nehme Hustensaft und Schnupfenspray, weil ich sonst nur noch am Husten wäre und durch die Nase keine Luft mehr bekäme. Woher weißt du das? Kannst du mir etwa sagen, was ich habe?«

Ingo wackelte zögerlich mit dem Kopf hin und her. »Naja. Es ist nur eine Vermutung. Als wir hier raufgekommen sind, roch es nach frischer Farbe …«

»Ja, wir haben vor einigen Wochen neu gestrichen«, unterbrach Iris. »Kommt das davon?«

»Das könnte durchaus sein«, antwortete Ingo.

Iris wirkte kurze Zeit nachdenklich. »Ich glaube nicht. Der Ausschlag hat erst etwa eine Woche nach der Renovierung angefangen.«

»Klar«, sagte Ingo. »Es dauert eben eine Weile, bis der Körper darauf reagiert. Ich vermute, du hast eine Allergie gegen die Konservierungsmittel in der Wandfarbe.«

»Wirklich? Was kann ich dagegen machen?«, wollte die junge Dame wissen.

»Du kannst dir in der Apotheke oder übers Internet Fixiersalz besorgen. Davon gibst du 10 Esslöffel in einen Eimer mit 10 Litern warmem Wasser. Mit dieser Salzlösung streichst du über die frisch gestrichene Farbe. Fixiersalz besteht aus Natriumthiosulfat, welches das Biozid namens Isothiazolinon in der Wandfarbe neutralisieren wird. Ein Kilogramm Fixiersalz kostet unter 10 Euro.«

»Das wäre echt einen Versuch wert«, sagte das Mädchen dankbar. »Ich quäle mich bereits seit Wochen herum und kann vor Juckreiz nachts kaum noch schlafen.«

»Ja. Du wirst diese Allergie wahrscheinlich nicht loswerden, solange du ständig diesen Dämpfen ausgesetzt bist«, vermutete Ingo. »Auch wenn man gut lüftet, kann es über ein halbes Jahr dauern, bis sich der Stoff so weit verflüchtigt hat, dass du darauf nicht mehr reagierst.«