Band 34 - Mysteriöses Erdbeben

Kurz nach Weihnachten werden die Kinderdetektive Ingo, Georg, Enzo und Lisa als Teil einer Werbeaktion in ein Hotel eingeladen. Sie nehmen dankend an und freuen sich auf schöne und unbeschwerte Winterferien. Doch weit gefehlt, denn bevor sie sich versehen, befinden sie sich inmitten eines neuen und aufregenden Abenteuers. Das Gebäude wird von einem Erdbeben erschüttert, das anscheinend nur im Hotel stattfindet. Selbstverständlich gehen die Kinderdetektive auf Spurensuche und versuchen, das Rätsel zu lösen.

 

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Ein wunderschöner Morgen

»Puff!« Lisa schreckte im Morgengrauen unsanft aus dem Schlaf. Was war das? Ihr Blick wanderte zum Fenster. War es windig und hatte sie vergessen, das Fenster zu schließen? Das konnte nicht sein, denn die pinkfarbene Gardine, die das Fenster bedeckte, bewegte sich nicht. »Puff!«, machte es erneut. Das Mädchen sprang aus dem Bett, ging zum Fenster und zog den Vorhang zurück. »Hurra«, rief sie erfreut, als sie sah, was geschehen war.

Dicke Schneeflocken fielen vom silbergrauen Morgenhimmel und hatten über Nacht die gesamte Landschaft bedeckt. Unten in der Einfahrt stand der schwarz gelockte, mollige Enzo und formte gerade einen Schneeball. »Puff!«, landete er mit einem gezielten Wurf an der Scheibe.

Lisa riss das Fenster auf. »Ist ja schon gut, Enzo. Ich bin jetzt wach.«

»Guten Morgen, du Schlafmütze«, rief Enzo empor. »Hast du gesehen, was uns das Wetter über Nacht beschert hat? Ist das nicht fantastisch?«

»Es ist unbeschreiblich schön und die Luft ist herrlich frisch«, erwiderte Lisa fröhlich. »Wir kommen gleich runter, Enzo.«

Flugs breitete sie ihre Decke zum Lüften über dem Fenster aus. Auf dem Weg zum Badezimmer polterte sie an die Zimmertüren ihrer Brüder. »Ingo, Georg? Steht sofort auf und seht aus dem Fenster!«

Als Lisa kurz danach aus dem Badezimmer kam, waren ihre Brüder aufgestanden und wuselten im Flur umher, rannten von einem Fenster zum anderen. »Das ist klasse«, war Ingo begeistert. »Endlich können wir Schlitten fahren und eine Schneeballschlacht machen.«

»Zuerst bauen wir aber einen Schneemann im Garten«, forderte Lisa. »Gleich nach dem Frühstück können wir uns an die Arbeit machen.«

»Ich bin eher fürs Schlittenfahren«, verkündete Georg vergnügt. »Dieses Wetter ist echt grandios, Leute. Da haben wir Spaß und Bewegung an der frischen Luft, das wird klasse werden. Anschließend können wir eine Schneeballschlacht machen, und falls wir danach nicht zu müde sind, bauen wir einen Schneemann.«

Auch wenn sich die Kinder noch nicht einig waren, was sie zuerst machen wollten, kamen sie wenig später die Treppen hinunter und öffneten die Haustür. »Guten Morgen, Enzo«, grüßten sie wie im Chor.

»Guten Morgen, Freunde«, erwiderte Enzo den Gruß. »Seht euch doch nur den vielen Schnee an. Ist das nicht fantastisch?«

»Natürlich ist es fantastisch«, erwiderte Georg melodisch. 

Enzo kam ins Haus und folgte den Geschwistern zur Küche, wo Frau Seifert bereits ein herzhaftes Frühstück vorbereitet hatte. Sie grüßten die Mutter und setzten sich an den Tisch.

»Endlich habt ihr euren Schnee«, sagte Frau Seifert. »Die ganze Zeit habt ihr von nichts anderem mehr gesprochen und prompt ist er hier. Seid ihr jetzt zufrieden?«

»Natürlich, Mama«, antwortete Ingo. »Zum Winter gehört nun einmal ordentlich Schnee. Das ist doch viel schöner, als die tristen, blattlosen Baumgerippe, die überall in der Landschaft stehen. Außerdem ist es bei Schnee durch die Reflexionen so schön hell und angenehm still, weil die rauen Oberflächen der Schneeflocken den Schall schlucken.«

Die Kinder schlürften heiße Milch und Schokolade, dazu ließen sie sich knusprige Brötchen mit Marmelade schmecken. Indessen holte die Mutter einen Apfelkuchen aus dem Backofen, dessen herrlicher Duft den ganzen Raum erfüllte. Sie bestreute ihn mit Zimtzucker und wusch ihre Hände in der Spüle ab. Danach ging sie nach draußen, um nach der Post zu sehen. Kurz danach kam sie herein und legte den Kindern einen kirschroten Brief auf den Tisch. »Das ist für dich, Ingo. Es sieht aus wie Werbung.«

Ingo legte sofort sein Brötchen beiseite, rückte seine Brille zurecht und öffnete den Umschlag. »Wahnsinn, Leute!«, rief er freudestrahlend.

»Hast du etwas gewonnen?«, wollte Lisa wissen.

»Das kann man wohl sagen«, erwiderte Ingo. »Das ist eine Einladung ins Hotel Pfalzblick, um dort die Ferien zu verbringen. Das ist eine Werbeaktion.«

»Das ist schön, aber wie kommen die ausgerechnet auf dich, Ingo?«, fragte die Mutter misstrauisch. »Ist das vielleicht eine solche Aktion, wo man draufbezahlen muss?«

»Nein, Mama. Ich habe denen vor wenigen Wochen eine Mail geschrieben, um ihnen mitzuteilen, dass wir einen Ferienjob als Schneeräumer, Laubfeger oder Hobbygärtner suchen«, erklärte Ingo. »Wahrscheinlich hatten sie unsere Daten in ihrem System gespeichert und diese haben automatisch an der Verlosung teilgenommen. Das Hotel scheint seriös zu sein. Die könnten sich keine derartigen Aktionen erlauben, wo die Gewinner am Ende draufzahlen.«

»Schön für dich, Ingo«, reagierte Georg betrübt. »Viel Spaß dabei. Wir brauchen dich hier sowieso nicht. Wir können auch alleine Schlitten fahren, eine Schneeballschlacht machen oder einen Schneemann bauen.«

»Das sagst du doch nur, weil du sauer bist, dass Ingo ohne uns geht«, warf Enzo Georg vor. »Ich finde, ohne Ingo ist es nur halb so schön. Schade, dass du gehst, Ingo.«

»Was denkt ihr von mir?«, empörte sich Ingo. »Natürlich sind wir alle vier eingeladen. Schließlich hatte ich auch die Bewerbung für den Ferienjob für uns alle vier geschrieben. Uns gibt es nur im Viererpack oder gar nicht. Ich würde doch nie ohne euch wegfahren?!«

»Du bist ein Schatz, Ingo«, freute sich Lisa und umarmte ihren Bruder so stürmisch, dass danach seine Brille schief hing.

Auch Georg und Enzo bedankten sich bei Ingo, der diese Einladung durch die Jobbewerbung erst möglich gemacht hatte.

»Ihr werdet hoffentlich bei diesem Wetter nicht mit den Fahrrädern fahren wollen?!«, fragte Frau Seifert kritisch. »Das wäre viel zu gefährlich. Ihr könntet ausrutschen und …«

»Nein, Mama. Wir fahren mit dem Bus«, beruhigte Georg und wandte sich an Ingo. »Wo ist das überhaupt, Ingo?«

»Hotel Pfalzblick befindet sich in Eschbach«, antwortete die Mutter zur Überraschung der Kinder.

»Woher weißt du das, Mama?«, interessierte sich Lisa. »Kennst du das Hotel?«

»Ja«, wunderte sich auch Ingo. »Woher kennst du es?«

»Sag es uns doch endlich«, drängte auch Georg nach der Antwort.

»Denkt doch mal nach«, forderte Frau Seifert mit einem Lächeln.

»Nachdenken?«, stutzte Ingo. »Das wird ja immer interessanter?! Ich kann mich echt nicht erinnern, schon einmal dort gewesen zu sein. Warst du mit mir dort, als ich noch ein Baby war, weil ich mich nicht mehr daran erinnern kann?«

»Ich kann mich daran auch nicht erinnern, obwohl ich ein Jahr älter bin als Ingo«, fügte Georg hinzu und platzte fast vor Neugierde. »Waren wir als Babys mit dir und Papa dort?«

»Nein!«, lachte Lisa. »Das ist ganz einfach, Jungs. Mama kennt das Hotel nicht. Sie hat den Brief reingeholt, auf dem die Adresse draufsteht. Das ist alles. Stimmt`s, Mama?«

»Genau.« Die Mutter nickte und lächelte verschmitzt, worauf ein Raunen durch die Küche ging.

Natürlich. Wie konnten sie das nur übersehen? Wahrscheinlich war es die Aufregung über den frisch gefallenen Schnee und die Einladung, was die Kinder so abgelenkt hatte. Den Jungen war es peinlich, dass es der Mutter gelungen war, sie ein bisschen an der Nase herumzuführen. Gerade deshalb, weil sie sich doch für so gute Detektive hielten, denen nichts entgeht. Aber das IGEL-Team war ja nur mit Lisa vollständig und sie hat ja das kleine Rätsel gelöst. Durch Lisas Scharfsinn war es der Mutter folglich gar nicht gelungen, sie zu veräppeln. Somit konnte man diesen kleinen Erfolg also doch dem IGEL-Team verbuchen.

»Gut kombiniert, Lisa«, lobte Ingo seine Schwester, worauf Georg und Enzo zustimmend nickten.

Nachdem die Kinder gefrühstückt hatten, stellte die Mutter jedem ein großes Glas Orangensaft hin. Sie tranken täglich nach dem Frühstück ein großes Glas Orangensaft oder Orangen-Karottensaft, um genügend Vitamine für den Tag zu tanken.

Ingo stand auf. »Wir gehen packen, Mama.«

Wie auf Kommando verließen die Kinder die Küche und machten sich an die Arbeit, ihre Sachen zu packen.

 

Übertriebene Fürsorge

Enzo lief nach Hause, erzählte seinen Eltern von der Einladung und kam wenig später mit gepackten Taschen zurück. Bald stand alles neben der Haustür für die Abreise bereit.

Die Kinder gingen in die Küche, um sich zu verabschieden. »Wir gehen jetzt zum Bahnhof, Mama«, erklärte Ingo. »Wiedersehen.«

»Das kommt gar nicht in Frage«, widersprach die Mutter und kassierte dafür entsetzte Blicke.

»Du hast es uns doch aber erlaubt?«, sagte Lisa vorwurfsvoll. »Dürfen wir doch nicht gehen?«

»Natürlich dürft ihr gehen, aber ihr müsst nicht mit dem Bus fahren, weil ich euch nämlich hinbringen werde. Ladet eure Sachen ins Auto. Es steht in der Garage«, forderte Frau Seifert.

Georg hob die Augenbrauen. »Warum steht unser Auto in der Garage? Papa ist doch heute Morgen zur Arbeit gefahren?!«

»Nein, er hat das Auto stehen lassen und ist gelaufen«, meinte Enzo. »Ich traf ihn vor der Haustüre an, als er das Haus verließ.«

»So ist es«, erwiderte die Mutter. »Weil die Straßen heute Morgen zugeschneit waren, ist er zur Arbeit gelaufen. Deshalb steht der Wagen in der Garage. Die Straßen wurden mittlerweile gestreut und darum ist es kein Problem für mich, euch direkt vors Hotel zu fahren. Edenkoben ist nur dreißig Kilometer entfernt. Mit dem Auto ist das ein Katzensprung.«

»Hurra!«, schrie Enzo dankbar. »Sie sind die Beste, Frau Seifert. So brauchen wir unser schweres Gepäck nicht über den verschneiten Gehweg bis zum Bahnhof zu schleppen und werden ganz bequem bis vor die Tür gebracht.«

Darüber waren alle froh. Es hätte ihnen zwar nichts ausgemacht, mit dem Bus zu fahren, aber so war es wirklich bequemer. Sie luden ihre Sachen ins Auto und die Fahrt ging los. Die Hauptverkehrsstraßen waren mittlerweile schneefrei, nur die Seitenstraßen waren noch bedeckt. Sie verließen die Stadt und fuhren durch die schneebedeckte Landschaft. Eine angenehme Wärme strömte aus den Luftdüsen und im Autoradio dudelte leise Musik. Die Scheibenwischer bewegten sich quietschend hin und her und wischten die Schneeflocken beiseite, die auf die Windschutzscheibe wehten. Nach etwa dreißig Minuten kamen sie am Hotel Pfalzblick an. Das Dach und die Fensterbänke waren schneebedeckt, wodurch das große, schmucke Gebäude wie ein Lebkuchenhaus aussah.

»Wir sind da.« Frau Seifert parkte den Wagen am Straßenrand. »Ich wünsche euch schöne Ferien. Aber ich werde noch schnell mit euch reingehen und mir dieses Hotel mal ansehen.«

»Danke, Mama. Das musst du aber nicht«, wies Ingo hin.

Doch die Mutter ließ sich nicht davon abhalten und begleitete die Kinder zum Hoteleingang. Sie stapften durch den knarrenden Schnee, putzten sich die Schuhe am Fußabstreifer ab und schritten durch die Glastür in die Eingangshalle. Eine angenehme Wärme und ein würziger Tannenduft umgaben sie. Neben dem Treppenaufgang stand ein großer Christbaum mit elektrischen Kerzen und großen, glänzend roten Kugeln. Der schwarzhaarige Rezeptionist schaute über seine schwarz umrahmte Hornbrille hinweg die kleine Gesellschaft an. Auf dem Rezeptionsschalter funkelte ein kleiner Weihnachtsbaum, dessen Lichter sich in seinen Brillengläsern spiegelten.

Ingo übergab ihn den Brief mit der Einladung. »Guten Tag, wir wurden ausgelost und sind eingeladen, unsere Ferien hier zu verbringen.«

»Gut, herzlich willkommen. Mein Name ist Hubertus«, stellte sich der Rezeptionist vor. »Sind Sie alle eingeladen?«

»Ich nicht. Ich habe die Kinder nur hergebracht«, informierte Frau Seifert. »Aber bevor ich mich auf den Heimweg mache, möchte ich Ihnen noch etwas ans Herz legen, Herr Hubertus.«

»Und das wäre?« Interessiert beugte sich der Mann über den Tisch, wobei die Lichter des Tischbäumchens sein Gesicht geheimnisvoll beleuchteten.

»Achten Sie bitte darauf, dass die Kinder immer reichlich zu essen bekommen«, bat Frau Seifert.

»Gewiss doch«, antwortete der Mann erstaunt. »Wir haben eine große Auswahl an guten Speisen. Unsere Gäste können sich nehmen, was immer sie wollen. Sie können die Speisen im Speisesaal einnehmen oder sie sich sogar aufs Zimmer bringen lassen.«

»Mama?!«, brüllte Ingo entsetzt. »Wir sind doch keine kleinen Kinder mehr!«

»Ja, das sieht ja aus, als wären wir Vielfraße«, klagte Lisa. »Du hast uns doch auch genügend Proviant eingepackt. Wir werden bestimmt nicht verhungern.«

»Ich meine es doch nur gut mit euch«, rechtfertigte sich die Mutter.

»Also ich finde es in Ordnung, Frau Seifert«, sagte Enzo dankbar.

»Das ist völlig in Ordnung«, lachte der Rezeptionist. »Sorgen Sie sich nicht, Frau Seifert. Ihre Kinder sind hier gut versorgt und es wird ihnen an nichts mangeln.«

»Vielen Dank, genau das wollte ich hören«, gab sich Frau Seifert zufrieden. Sie verabschiedete sich von den Kindern und machte sich auf den Heimweg. Die Kinder schauten eine Weile durch die Glasfront des Hotels in die schneebedeckte Landschaft und beobachteten, wie der Wagen davonfuhr.

Ein glatzköpfiger Mann, etwa Mitte 30, kam gerade die Treppen herunter. »Herr Berger?«, sprach Herr Hubertus ihn an. »Es hat so stark geschneit, dass die Wege wieder geräumt werden müssen. Können Sie sich bitte gleich darum kümmern?«

»Ja, das mache ich«, antwortete der Herr. Er holte seine Jacke hinter der Rezeption, schlüpfte hinein und schritt gleich zur Tür hinaus.

»Mama ist weg.« Georg wandte sich dem Rezeptionsschalter zu. »Könnten wir jetzt bitte die Schlüssel bekommen, Herr Hubertus?«

»Natürlich, junger Mann«, antwortete der Rezeptionist. »Sind Sie der Betreuer der Kinder?«

»Nein, wir brauchen keinen Betreuer«, mischte sich Ingo ein wenig beleidigt ein. »Georg ist erst dreizehn und ist nur ziemlich groß für sein Alter.«

»Das glaube ich dir nicht«, erwiderte der Mann skeptisch und schaute Georg fragend an.

»Doch«, bestätigte Georg stolz. »Es ist wahr.«

»Du siehst aus wie ein Zwanzigjähriger«, staunte Herr Hubertus. »Das ist unglaublich.«

Georg nickte. »Danke, das höre ich oft.«

Der Mann überreichte Georg die Schlüssel. »Ihr bekommt eine Suite unter dem Dach.«

»Eine Suite?«, wiederholte Enzo erfreut. »Habe ich das richtig verstanden?«

Der Herr nickte. »Ja, ihr seid vier Personen und braucht ja entsprechend Platz. Außerdem seid ihr die Gewinner der Auslosung, wodurch ihr besondere Gäste seid.«

»Das hört man gerne«, jauchzte Lisa. »Das werden die schönsten Ferien, die wir jemals hatten.«

Herr Hubertus nahm den Telefonhörer ab. »Moment noch bitte. Herr Eisenbrand wird euer Gepäck raufbringen und euch die Suite zeigen.«

Kurz nach dem Telefonat warteten die Kinder am Treppenaufgang auf den Gepäckträger und bewunderten währenddessen den riesigen Christbaum. Kurz darauf kam ein älterer Herr mit weißen Haaren und weißem Vollbart die Stufen herab. »Er sieht aus wie der Weihnachtsmann«, flüsterte Enzo im Spaß, worauf seine Freunde kicherten.

»Guten Tag«, grüßte der Mann im dicken, roten Wollpullover. »Ich bin Herr Eisenbrand und zuständig für das Gepäck.«

Georg sah den Herrn, der etwa Mitte 50 sein musste, irritiert an. »Ach. Ich denke, wir können unsere Sachen auch selbst rauftragen.«

»Auf gar keinen Fall«, reagierte der Mann bestimmend. »Lasst euch durch mein Aussehen nicht täuschen. Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber dennoch habe ich mehr Kraft als manch jüngere Leute. Ihr müsst wissen, ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und stemme Gewichte.«

»Tut mir leid, entschuldigte sich Georg. »Ich wollte nur …«

»Das ist in Ordnung, junger Mann. Es passiert mir ständig, dass ich unterschätzt werde.« Er hängte sich die Reisetaschen um und hievte die Koffer hoch. Scheinbar mühelos schritt er mit all der Last die Treppen hinauf.

»Er nimmt gleich alles auf einmal«, staunte Georg. »Damit hätte ich Probleme gehabt.«

»Ach ja«, sagte Herr Eisenbrand. »Ich nehme die Treppe, weil ich fit bleiben will. Ihr könnt ruhig mit dem Aufzug fahren …«

»Nein danke«, lehnte Ingo ab. »Wir wollen auch fit bleiben.«

Die Kinder folgten dem Mann durchs Treppenhaus nach oben zum Dachgeschoss, wo sie in einen langen Korridor mit rotem Teppichboden kamen. Dort führte er sie zu ihrer Suite und stellte die Taschen ab. Die Räumlichkeiten bestanden aus zwei Schlafzimmern mit apfelgrünen Teppichen und Vorhängen, einem Badezimmer mit himmelblauen Kacheln und einem Wohnzimmer mit kirschroten Teppichen und Vorhängen, indem es sogar zusätzlich einen Esstisch gab. Auf dem Tisch stand als Begrüßungsgeschenk eine Schüssel mit Mandarinen und Waldnüssen. Auf der Kommode im Wohnzimmer stand eine Vase mit Tannenwedeln, an denen kleine, blaue Christbaumkugeln baumelten.

»Das ist eine richtige Luxussuite«, war Ingo begeistert.

»Viel Spaß, Kinder«, verabschiedete sich Herr Eisenbrand und verließ den Raum.

»Vielen Dank«, riefen die Kinder hinterher wie aus einem Mund.

Zuerst teilten sie sich ihre Schlafplätze zu. Lisa nahm ein Zimmer für sich alleine. Enzo und Georg teilten sich ein großes Doppelbett und Ingo wollte auf der Couch schlafen, weil er auf dem Wohnzimmertisch seinen Klapprechner abstellen konnte.

»Freunde?« Enzo zeigte zur Kommode, auf der das Telefon stand. »Es ist gleich Mittagszeit. Wir könnten den Service gleich testen und uns etwas zu essen raufbringen lassen. Was meint ihr?«

»Nein«, lehnte Lisa ab. »Heute ist unserer erster Tag im Hotel. Wir sollten erst mal in den Speisesaal gehen und schauen, was es dort überhaupt alles so gibt.«

»Genau«, war Georg derselben Ansicht. »Wir gehen zum Speisesaal und nach dem Essen Spazieren, um alles auszukundschaften.«

Ingo schaute aus der Dachluke über die verschneite Landschaft. »Klasse. Nach dem Rundgang gehen wir spazieren und genießen den Schnee. Ich kann es kaum noch erwarten.«

 

Ein erschütterndes Erlebnis

Die Kinder freuten sich riesig über ihre tolle Suite. Zuerst packten sie ihre Taschen und Koffer aus. Die Wäsche räumten sie in die Schränke und den Proviant in die Kommode ein. Sie stellten ihren Wasserkocher und die Teebox auf die Kommode. Diese beiden Dinge hatten sie in den Ferien immer dabei. Die Teebox bestand aus einer Schachtel, in der sich verschiedene Sorten Tee, vier Becher und eine Zuckerdose befanden. Beim Proviant hatten sie den Apfelkuchen und mehrere Dosen Weihnachtsgebäck entdeckt, die Frau Seifert ihnen eingepackt hatte. In den Frischhaltedosen befanden sich Anisplätzchen, Zimtsterne und Lebkuchen.

»Mama ist die Beste«, freute sich Lisa. »Sie macht auch den besten Kuchen und das beste Weihnachtsgebäck der Welt.« Ingo, Enzo und Georg freuten sich ebenso über die kleine Überraschung und nickten zustimmend.

Enzo ließ es sich nicht nehmen, in die Dosen hineinzuschnuppern, um den herrlichen Duft von Zimt, Gewürznelken und Anis in sich aufzunehmen. »Das duftet köstlich, Freunde. Sollen wir vielleicht gleich ein bisschen davon naschen?«

»Nein! Wir gehen erst essen und danach können wir naschen«, bestimmte Ingo.

Bald war die Suite so weit eingerichtet, und nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, verspürten sie einen Bärenhunger. Sie gingen nach unten und suchten den Speisesaal auf, der schnell gefunden war. Es war ein großer Raum. Die Tische waren mit weißen Tischdecken versehen und darauf befand sich ein Tannengesteck mit einer blauen Kerze. Der Fußboden bestand aus Parkett und oben an der Decke befand sich eine Glaskuppel, die von Schnee bedeckt war. Gleich vorne an der Eingangstür zum Speisesaal war ein großes Buffet aufgebaut.

»Prima. Es sind nur wenige Leute hier«, frohlockte Enzo. »So brauchen wir uns nicht lange anzustellen und bekommen einen freien Tisch.«