Band 7 - Der antike Schatz von Gran Canaria

Ingo, Georg, Enzo und Lisa sind aufgeregt, denn sie fliegen in den Sommerferien auf die Insel Gran Canaria.

 

Doch es werden alles andere als normale Ferien. Denn als Ingo einen Rettungsschwimmer fragt, warum ein Strandabschnitt gesperrt ist, nimmt ein Abenteuer seinen Lauf.

 

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Über den Wolken

 

Endlich hatten die Sommerferien begonnen. Jedoch tauchten dunkle Regenwolken die süddeutsche Stadt Karlsruhe in ein geheimnisvolles Licht. Ein Flugzeug bahnte sich seinen Weg empor, durchdrang das dichte Gewölk und schwebte zwischen der Wolkendecke und dem strahlend blauen Himmel entlang. Die Flughöhe von 10 Kilometern war erreicht und die Anschnallzeichen erloschen mit einem Gong.

»Denkst du, ich komme aus der Sitzreihe raus, falls ich zur Toilette muss, Enzo?«, fragte Lisa.

»Übertreibe mal nicht. So fett bin ich nun auch wieder nicht. Sei froh, dass ich auf der Flurseite sitze und du den Fensterplatz bekommen hast.«

Damit hatte er wohl recht. Der zwölfjährige Italiener war zwar etwas mollig, aber keinesfalls fett. Nun gut. Es könnte sein, dass er neben der elfjährigen Lisa molliger aussah als sonst. Das lag aber nur daran, dass das blonde Mädchen besonders dünn war. Die beiden Kinder waren total gegensätzlich. Das war auch der Grund, dass sich Enzo und Lisa gerne neckten. Enzo gab Lisa leider auch mit seinen Heißhungerattacken genügend Anlass.

Lisa verdrehte im Spaß die Augen. »Du sitzt ja nur außen, um nachher schneller dranzukommen, wenn die Flugbegleiter das Essen austeilen.«

Lisas zwölfjähriger Bruder Ingo saß dazwischen und sah sich einen Film auf dem Monitor des Vordersitzes an. Er rückte seine Brille zurecht und meldete sich kurz zu Wort: »Lisa hat dich durchschaut, Enzo.«

»Nimm dir ein Beispiel an mir, Lisa«, konterte Enzo. »Du musst mehr essen, damit du auch mal so groß und stark wirst wie ich.«

»Aber Enzo«, neckte Lisa weiter. »Deine Größe hat mit Höhe und Stärke nichts zu tun. Sie macht sich eher in deinem Umfang bemerkbar.«

»Und wenn schon? Immer noch besser, als eine sommersprossige Bohnenstange zu sein.« verteidigte sich Enzo.

»Hey ihr beiden, Ruhe jetzt!«, mahnte Lisas großer Bruder Georg im Spaß. Er saß hinter den Dreien neben den Seiferts, den Eltern von Lisa, ihm und Ingo. Da Georg für seine 13 Jahre recht groß war, konnte er locker über die Sitzreihen hinwegsehen.

Georgs mahnende Worte hatten Erfolg, denn schon war Ruhe eingekehrt und Lisa spähte aus dem Flugzeugfenster hinunter auf die Wolken. »Ich freue mich sehr auf Gran Canaria.«

»Und ich erst«, erwiderte Enzo und stellte sich vor, wie er am weißen Sandstrand liegen würde, die Sonne genießen und dabei Müsliriegel und kühlen Traubensaft trinken würde.

Lisa sah dankbar zu Enzo hinüber. »Ich finde es echt lieb von deinen Eltern, uns einfach diesen Urlaub zu schenken.«

»Ich war genauso überrascht«, erklärte Enzo stolz lächelnd. »Aber ich verbringe meine ganze Freizeit bei euch, und die Verpflegung ist auch immer vom Feinsten. Meine Eltern arbeiten täglich 12-15 Stunden und verdienen dabei genug Geld. Weil ihr euch so gut um mich kümmert, wollten sie euch mit dem einwöchigen Urlaub in den Sommerferien einen Gefallen tun.«

Und damit hatte Enzo auch nicht gelogen. Weil seine Eltern eine eigene Pizzeria betrieben, hatten sie nur wenig Zeit, sich um ihren Sohn zu kümmern. Da kam es ihnen gerade recht, dass Enzo in den drei Seifert Geschwistern aus unmittelbarer Nachbarschaft so gute Freunde gefunden hat, bei denen er seine ganze Freizeit verbringt.

»Die Überraschung ist deinen Eltern auch sehr gelungen«, war Lisa vom Urlaub auf Gran Canaria sehr begeistert.

Ingo schaute erst Lisa und danach Enzo an. In seinem Gesicht spiegelte sich ein freches Grinsen. »Oder haben deine Eltern die Reise nur deshalb bezahlt, weil sie eine Woche lang Ruhe vor dir haben wollten?«

Lisa kicherte und boxte Ingo auf den Arm. »Ingo, hör gefälligst auf damit, Enzo zu ärgern. Das ist schließlich meine Aufgabe!«

Ingo zog den Kopfhörer ab. »Was soll ich sonst machen? Bei euch kann man sich nicht mal in Ruhe einen Film anschauen.«

»Ach, ist das unsere Schuld?«, lachte Enzo. »Gib doch zu, der Film war dir nur langweilig.«

Ingo grinste. »Du hast mich durchschaut. Der Film ist wirklich langweilig. Mir wäre es lieber, wenn wir endlich landen würden und die Insel erkunden könnten.«

Irgendwie war es klar, dass Ingo sich auf dem Flug langweilen könnte. Mit seiner Brille sah er nicht nur schlau aus, sondern er war auch schlau. Das lag daran, weil er gerne im Internet oder in Büchern las, sich vielseitig interessierte und Informationen wie ein Schwamm aufsaugte.

Lisa drehte sich Ingo zu. »Du hast dich doch bestimmt über Gran Canaria informiert, bevor wir abgereist sind. Hast du interessante Informationen für uns?«

Ingo lächelte verschmitzt. »Zufällig hast du recht. Ich habe mich wirklich vor unserer Abreise schlaugemacht.«

Georg, der das Gespräch mitgehört hatte, lehnte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf Enzos Rückenlehne. »Na dann schieß mal los!«

»Gran Canaria ist nach Teneriffa und Fuerteventura die drittgrößte der Kanarischen Inseln und hat eine Fläche von 1560 Quadratkilometern«, fing Ingo an.

»Kanaren klingt wie Kanarienvogel«, bemerkte Lisa. »Haben die Inseln etwas mit diesem Vogel zu tun?«

»Ja, das hast du richtig erkannt«, bestätigte Ingo. »Der Kanarienvogel wurde nämlich aus dem gelbgrauen Kanaren-Girlitz gezüchtet, welcher somit der Urvater der bunten Kanarienvögel ist.«

»Haben die Inseln durch den Vogel ihren Namen bekommen?«, wollte Enzo wissen.

Ingo schüttelte den Kopf. »Nein, es war umgekehrt. Der Vogel hat seinen Namen von den Inseln bekommen. Man vermutet, die Kanaren haben ihren Namen von großen Hunden, die einst 40 vor Christus auf den Inseln entdeckt worden sind. Kanaren könnte eine Ableitung von Canis sein, was so viel wie Hund bedeutet. Das konnte aber nicht eindeutig bewiesen werden.«

»Toll, vielleicht sehen wir ein paar von diesen Hunden«, hoffte Lisa.

»Das denke ich nicht«, musste Ingo Lisa enttäuschen. »Das mit den Hunden war früher mal so. Heute gibt es dort keine streunenden Hunde mehr. In den Touristengebieten im Süden der Insel sowieso nicht.«

»Wir fliegen in den Süden von Gran Canaria?«, hakte Georg nach.

»Ja«, bestätigte Ingo. »San Agustin liegt im Süden und ist eine kleine Touristenstadt. Der Süden lebt vom Tourismus, der Norden von der Landwirtschaft und der Industrie. Da wir Touristen sind, ist es klar, dass wir im Süden der Insel wohnen werden.«

»Das ist mir egal«, antwortete Enzo. »Hauptsache Sonne, Strand, Meer und leckeres Essen. Wenn ich gerade vom Essen rede: Hier duftet es nach Fleisch. Kann das sein oder bilde ich mir das nur ein, weil ich Hunger habe?«

»Das bildest du dir nicht nur ein«, bestätigte Lisa durch den Flugzeuggang schauend. »Die Flugbegleiter richten gerade die Bordverpflegung her.«

Schon wenig später wurde das Essen serviert. Enzo nahm voller Erwartung den Deckel vom Teller und war enttäuscht: »Was? Soll das ein Witz sein? Linsengemüse, wässriger Kartoffelbrei und ein winziges Stück Fleisch? Naja, wenigstens ist ein Kirschjoghurt dabei.«

»Dein Hunger kann ja nicht so groß sein, wenn du am Essen etwas auszusetzen hast«, meinte Georg.

Lisa kicherte. »Zugegeben, lecker sieht es ja nicht gerade aus. Außerdem ist Enzo eben ein Feinschmecker.«

Als alle aufgegessen hatten, brummte Enzo erneut: »Gut war es nicht, aber der Hunger hat es hineingetrieben, der Joghurt war das Beste daran.«

»Da stimme ich dir zu, Enzo«, war Ingo mit ihm einer Meinung. »Hoffen wir, das Essen auf Gran Canaria ist besser als das im Flugzeug.«

Enzo blickte ihn entsetzt an. »Das hoffe ich doch sehr. Wenn nicht, fliege ich umgehend nach Hause. Ich würde das keine Woche lang aushalten.«

»Beruhige dich, Enzo«, meldete sich Georg aus dem Sitz dahinter. »Wir werden schon nicht verhungern. Notfalls versorgen wir uns aus dem Supermarkt und kochen selbst.«

Das klang ganz nach Enzos Geschmack, und so beruhigte er sich auch schnell wieder. Anschließend wurde ein Video gezeigt. Die Kinder zogen die Kopfhörer auf und verfolgten den Film auf dem Monitor des Vordersitzes. Auch die restliche Zeit verging, wenn auch nur langsam. Aber schon bald danach setzte das Flugzeug zum Landeanflug auf der Kanareninsel Gran Canaria an. Die Kinder waren ganz aufgedreht und rutschten auf ihren Sitzen hin und her, schauten mal links und mal rechts aus dem Fenster, bis sie endlich landeten. Sie stürmten aus dem Flugzeug, machten Dehnübungen, reckten und streckten sich. 

»Vier Stunden in diesen engen Flugzeugsitzen sind schlimmer als sechs Stunden Schule«, klagte Georg.

Lisa lachte. »Du bist der Einzige von uns, der so darunter leiden musste, weil du so groß bist. Enzo passte der Sitz wie angegossen.«

Enzo hob die Augenbrauen und musterte Lisa kritisch. »Bei deiner Größe muss dir der Sitz wie ein Sofa vorgekommen sein!«, konterte er, worauf alle lachten.

»Kommt jetzt, Kinder!«, forderte die Mutter und lief mit dem Vater voraus in die Gepäckhalle, wo sie sich ans Gepäckband stellten und auf ihre Koffer warteten.

 

***

 

Einige Minuten danach verließen sie mit ihrem Gepäck das Flughafengebäude. Draußen wurden sie bei strahlendem Sonnenschein und tiefblauem Himmel von einem Mann empfangen, der vor einem weißen Kleinbus auf sie gewartet hatte. »Ich werde Sie ins Hotel bringen«, erklärte er und lud das Gepäck ein. Er ließ seine Fahrgäste einsteigen und fuhr los.

Georg lugte aus dem Wagenfenster, als der kleine Bus über die Landstraße fuhr, die sich parallel zum Meer durch sandige Felder und kahle Berge schlängelte. »Hier sieht es aus wie auf dem Mond! Aber das Meer ist herrlich.«

»Ja, das Hinterland gleicht einer Wüstenlandschaft«, stimmte Lisa zu. Sie war nicht direkt enttäuscht, aber sie hatte sich die Insel doch anders vorgestellt.

»Die Landschaft ist sehr gewöhnungsbedürftig«, teilte auch Enzo seine Eindrücke mit. »Weit und breit nur Steine, Felsen und Sand. Hier gibt es anscheinend keine Pflanzen und schon gar keine Wälder.«

Ingo schüttelte den Kopf. »Schaut euch doch mal die Felder an! Sind das für euch keine Pflanzen?«

»Welche Felder?«, wunderte sich Lisa. »Meinst du diese Folienzelte?«

In der kargen Landschaft befanden sich große Flächen, die mit Folie oder feinmaschigen Netzen abgedeckt waren. Durch die Reflexion der Sonne hätte man meinen können, es sind Wassergräben.

»Das sind Felder, die zum Schutz gegen Hitze, Trockenheit und Schädlinge abgedeckt sind«, erklärte Ingo. »Wären sie offen, wäre es hier viel grüner. Aber trotzdem kann es nie so grün wie in Deutschland sein, außer vielleicht mal in der Regenzeit.«

»Regenzeit?«, wiederholte Lisa.

»Ja«, bestätigte Ingo. »Das ganze Jahr über fällt hier kein Tropfen Regen, nur zwischen November und März kann es ordentliche Niederschläge geben. Wenn es richtig regnet, wird alles grün und überall sprießen Pflanzen heraus. Ich habe das im Internet gelesen und habe sogar Bilder davon gesehen.«

Bei Enzo bildeten sich Schweißperlen auf der Stirn. »Ganz schön warm hier«, klagte er und wischte sich mit einem Papiertaschentuch ab.

Ingo rückte sich die Brille zurecht. »Im Sommer werden es hier tagsüber zwischen 28 und 30 Grad, im Winter zwischen 24 und 18 Grad. Nachts kann die Temperatur im Winter bis auf 12 Grad absinken.«

»Das sind angenehme Temperaturen«, sagte Lisa.

»Ja, ich habe aber auch gelesen, es kann hier Hitzewellen geben«, berichtete Ingo.

»Hitzewellen? Oje, hoffen wir, dass wir davon verschont bleiben«, gab Georg hinzu.

»Hoffen wir‘s«, war Lisa mit ihm einer Meinung. »Hier ist es eh schon so warm. So eine Hitzewelle würde uns den Rest geben.«

Die Mutter räusperte sich. »Ihr werdet euch ein Appartement teilen, Kinder. Vater und ich, wir schlafen in einem eigenen Appartement.«

»Klasse. Besser könnte es nicht laufen«, freute sich Georg, worauf die anderen Kinder zustimmten.

»Außerdem wollten wir euch anbieten«, erzählte die Mutter weiter, »ihr könntet alleine essen gehen, wenn ihr Hunger habt. So müsst ihr euch nicht nach uns richten und könnt tun und lassen, was immer ihr wollt und wann immer ihr wollt.«

Lisa grinste schalkhaft. »Ach ja? Das soll wohl ein Mama-Papa-Urlaub ohne Kinder werden?«

Ingo lachte. »Oder ein Kinder-ohne-Eltern-Urlaub?«

»Kinder-ohne-Eltern-Urlaub? Das klingt nicht schlecht«, freute sich Georg.

»Wir dachten uns, ihr seid groß genug, um alleine zu entscheiden«, meinte der Vater. »Wozu sollen wir mit euch rumhängen? Wir würden euch sicher sowieso nur den Spaß verderben.«

»Nicht direkt«, widersprach Ingo aus Höflichkeit, obwohl die Eltern es eigentlich auf den Punkt gebracht hatten. »Aber uns ist es auch lieber, wenn wir selbst bestimmen können, wann wir an den Strand wollen und wann wir essen gehen.«

»Und außerdem möchten wir morgens ein wenig länger schlafen«, offenbarte der Vater.

Enzo strahlte übers ganze Gesicht. »Wir haben unser eigenes Zimmer und brauchen uns nicht an Regeln halten? Das klingt voll nach Spaß.«

»Das wird es auch«, jauchzte Lisa.

»Trotzdem bitte ich euch, gewisse Regeln einzuhalten und zur Schlafenszeit in euren Betten zu sein, wo ihr nachts auch hingehört«, mahnte die Mutter. »Wenn ihr euch daneben benehmt, ist es mit der neu gewonnenen Freiheit schnell vorbei.«

»Natürlich, Frau Seifert«, versprach Enzo für alle. »Sie kennen uns doch und wissen, dass wir uns benehmen können.«

 

 

*****

 

 

Eine berauschende Unterkunft

 

Der Kleinbus fuhr den Berg hinunter über den in der Sonne glänzenden Asphalt in Richtung San Agustin. Von oben bot sich ein atemberaubender Ausblick über die mit bunt blühenden Gärten und Bäumen durchwachsene Ortschaft. Im Hintergrund sah man die goldgelben Sandstrände und das tiefblaue Meer. Die Kinder klebten an den Autoscheiben und hielten nach Supermärkten und Geschäften Ausschau, um in Erfahrung zu bringen, wo sie sich später Verpflegung holen können.

Minuten danach schlängelte sich der Bus durch die Stadt. Er fuhr eine steile Straße hinauf und parkte vor einem einstöckigen Gebäude, das aus Natursteinen bestand. Das Hotel stand auf einem Berg und unten konnte man den Strand und das Meer sehen.

»Soll dieses kleine Haus unser Hotel sein?«, war Georg verdutzt. »Wir müssen viele Höhenmeter überwinden, bis wir unten am Strand ankommen werden.«

Sie stiegen aus und luden ihr Gepäck aus, bevor der Bus wieder davon fuhr. Während die Eltern durch die Glastür zur Rezeption schritten, um die Schlüssel zu holen, sahen sich die Kinder um.

»Von wegen kleines Haus«, meinte Ingo und zeigte seitlich des Hotels nach unten, wo man erkannte, dass das Gebäude in den Berg gebaut war und über mehrere Etagen bis hinab zum Strand reichte.

Bevor jemand antworten konnte, kamen die Eltern zurück.

Die Mutter wies zur Steintreppe, die außen an der Hausfassade steil nach unten führte. »Wir wohnen im Erdgeschoss. Ihr habt Appartement Nummer 12 und wir haben die Nummer 10.«

»Prima«, war Georg erleichtert. »So sind wir doch nahe am Meer.«

»Und falls etwas sein sollte, ist unser Appartment nicht weit entfernt«, wies der Vater hin.

Sie nahmen ihr Gepäck und stiegen die steinerne Treppe hinab, von der sie einen grandiosen Ausblick auf das Meer hatten. Je weiter sie nach unten kamen, desto lauter hörten sie das Rauschen der Brandung. Unten angekommen, folgten sie einem schmalen Weg. Von da aus war der Strand nur noch einen Steinwurf weit entfernt. Tosend laut preschten die Wellen in die kleine Felsenbucht, die sich unterhalb des Hotels befand. Die Appartments, die alle über eine Terrasse vor dem Eingang verfügten, lagen direkt nebeneinander.

Die Mutter blieb vor einer der Unterkünfte stehen und verglich die Zimmernummer, die neben der Terrassentür hing, welche mit einem Schutzgitter versehen war. »Das ist euer Appartement, Kinder.« Sie übergab Ingo feierlich den Zimmerschlüssel.

»Bis bald«, verabschiedeten sich die Kinder und stiegen die Stufen zur Terrasse hinauf, die mit dem Balkon vom Appartement darüber überdacht und mit Mauern auf beiden Seiten abgegrenzt war. 

»Klasse, ein Tisch mit Stühlen«, freute sich Lisa. »Hier können wir uns abends hinsetzen, Tee trinken und dabei auf das Meer blicken.«

Enzo entdeckte die dicke rote Kerze auf dem Tisch. »Ja, sogar bei Kerzenlicht.«

Ingo schloss inzwischen das weiße Absperrgitter auf und schob es beiseite. Er öffnete die Terrassentür und duckte sich instinktiv weg. »Pfui. Da drinnen stinkt es fürchterlich!«

Georg, Lisa und Enzo folgten ihm ins Appartement und Georg rümpfte die Nase. »Das riecht nach Möbelpolitur.«

»Es könnte aber auch ein Kakerlaken-Spray sein«, bemerkte Ingo. »Hier gibt es nämlich Kakerlaken.«

»Stimmt«, erwiderte Georg. »In warmen Ländern gibt es immer Kakerlaken. Hast du gehört, Lisa?«

»Ja, und? Das sind nur Käfer, ich mag Käfer«, brummte Lisa grimmig, weil sie bemerkte, dass die Jungen sie nur verängstigen wollten.

»Wie kannst du Kakerlaken mögen? Die übertragen Krankheiten«, schickte Enzo noch hinterher.

Ingo schüttelte den Kopf. »Um Krankheiten zu übertragen, müssen diese erst einmal vorhanden sein. Da es hier keine gefährlichen, ansteckenden Krankheiten gibt, gehe ich mal davon aus, dass diese Käfer harmlos sind.«

»Wobei man das von diesem Insektengift nicht genau weiß«, fügte Lisa schnüffelnd und naserümpfend hinzu.

»Es ist ein Nervengift, das nur bei Kaltblütern wirkt und für den Menschen ungefährlich ist«, erklärte Ingo. »Trotzdem lüften wir, um den Gestank aus den Räumen zu vertreiben.«

»Gute Idee«, stimmte Lisa zu und öffnete sofort die beiden Flügel der Terrassentür. »Lasst uns jetzt das Appartement anschauen!«

Enzo musterte den Raum, dessen Fußboden mit braunen, glänzenden Fliesen gekachelt war. »Ein Wohnzimmer. Sogar mit Fernseher.«

Georg betrachtete das kleine Fernsehgerät auf dem Sideboard gegenüber der Couch und des Sessels. »Da muss man Münzen reinwerfen, wenn man fernsehen will.«

Ingo winkte ab. »Wir brauchen kein Fernsehgerät. Wir sind hier in den Ferien!«

Alle nickten zustimmend.

»Ich schlafe auf der Couch«, kündigte Lisa an.

»Ich denke, damit können wir leben«, antwortete Georg für alle.

Enzo, Georg und Ingo entdeckten im Schlafzimmer zwei Betten und eine Schlafcouch.

»Das ist perfekt für uns«, bemerkte Georg, worauf Ingo und Enzo zustimmten. »Ich schlafe auf der Couch.«

Lisa musterte die kleine Küche, die sich gleich hinter der Couch im Wohnzimmer befand. »Wir haben hier alles, was wir zum Leben brauchen.«

Die Jungen kamen zu ihr in die Küche. »Das ist eine richtige Wohnung«, jubelte Georg. Ingo und Lisa stimmten ihm zu.

Ja, sie konnten mit ihrem Appartment durchaus zufrieden sein. Der große Wohnraum mit der Küchenzeile, das kleine Badezimmer und das Schlafzimmer erfüllten auf jeden Fall seinen Zweck und sahen zudem auch noch sehr gemütlich aus.

Lisa blickte durch die Terrassentür aufs glitzernde Meer, dessen Rauschen den Raum erfüllte. »Schaut euch das an, Jungs! Ist das nicht herrlich?«

»Es ist wie in einem Film«, war Ingo begeistert.

»Ja, es ist wirklich fantastisch«, stimmte auch Georg zu.

Enzo nickte. »Und überlegt mal, wie viele Fische auf dieser riesigen Meeresfläche wohl herumschwimmen.«

Ingo sah ihn grimmig an. »Hast du schon wieder Hunger, Enzo?«

»Was habe ich gesagt?«, war Enzo überrascht. »Hatte ich vom Essen gesprochen?«

»Wir reden vom Meer, und du denkst gleich an die Fische«, erklärte Lisa.

»Wirklich, Leute. Ich habe nicht ans Essen gedacht«, versicherte Enzo. »Aber jetzt, wo ihr es erwähnt, habe ich wirklich Hunger bekommen.«

Lisa hob den Zeigefinger. »Nichts da! Zuerst werden wir unsere Sachen auspacken!«

Lisa hatte sich durchgesetzt und so packten die Kinder ihre Koffer aus und räumten alles in den Einbauschrank des Schlafzimmers ein. Georg stellte die Kühltasche in die Küche und legte die Kühlakkus ins Eisfach. 

»Kinder?«, hörten sie die Mutter draußen rufen.

»Ja, Mama?«, fragte Lisa. »Wir sind hier.«

Alle eilten hinaus auf die Terrasse, wo Herr und Frau Seifert in bunter, sommerlicher Kleidung standen, was für die Kinder ein ungewöhnlicher Anblick war.

»Wie gefällt euch euer Appartement?«, interessierte sich die Mutter.

»Sehr gut«, antwortete Georg.

»Das Meeresrauschen ist ein bisschen laut«, klagte Lisa. »Aber falls es mir zum Einschlafen zu laut sein sollte, ist das kein Problem, denn ich habe mir Ohrstöpsel mitgenommen.«

»Die enorme Lautstärke des Meeresrauschens kommt daher, weil da unten eine Felsenbucht ist und die Terrasse wie ein Trichter wirkt, der den Schall auffängt«, erklärte Ingo beiläufig.

»Vater und ich, wir wollen uns die Stadt ansehen«, informierte die Mutter. »Falls wir uns heute nicht mehr sehen, denkt dran, dass ihr euch am Strand gut eincremt, euch gesund ernährt und heute Abend pünktlich zu Bett geht.«

»Natürlich«, versprach Georg. »Ihr kennt uns doch.«

Frau Seifert lächelte zufrieden. »Viel Spaß noch, Kinder.«

»Danke gleichfalls«, erwiderten alle vier gleichzeitig.

Um Urlaubspläne zu schmieden, setzten sie sich im Appartment auf der Couch zusammen.

»Wir könnten jeden Vormittag am Strand verbringen und nachmittags in die Stadt gehen«, verkündete Georg seine Idee, womit alle Anwesenden einverstanden waren.

»Hier gibt es die Westernstadt Sioux City«, informierte Ingo. »Sie ist nur zwei Kilometer von hier entfernt. Dort könnten wir mal in den nächsten Tagen vorbeischauen.«

»Oh, das klingt interessant«, meinte Lisa. »Was gibt es dort?«

»Man kann mit Cowboys ausreiten und dann gibt es dort besondere Vorstellungen, wo die Cowboys Szenen aus Western nachstellen«, klärte Ingo auf.

»Das machen wir auf jeden Fall«, freute sich Georg.

»Wir haben ja noch eine Woche Zeit dafür. Was haltet ihr davon, wenn wir uns für zwischendurch einen leckeren Kartoffelsalat zubereiten?«, schlug Lisa vor. »Wir könnten dann am Strand ein Picknick machen und müssen nicht extra zum Mittagessen in ein Restaurant.«

»Das klingt sehr gut«, antwortete Ingo begeistert.

»Und sehr lecker«, erwiderte Enzo. »Für Picknick bin ich immer zu haben.«

»Ich bin auch dafür«, stimmte Georg zu. »Wir sollten sowieso Getränke mit an den Strand nehmen.«

»Wir schreiben schnell eine Einkaufsliste und gehen zu einem Supermarkt«, schlug Lisa vor. »Bei der Anfahrt sind wir doch an diesem Einkaufszentrum vorbeigekommen, da könnten wir hingehen.«

Gesagt, getan. Sie machten eine Einkaufsliste und schon bald marschierten sie in die Stadt, folgten den Hinweisschildern zum Einkaufszentrum, wo sie schnell einen Supermarkt fanden. Sie traten ein, schlenderten durch die Regale und erkannten das Problem.

Lisa sah auf die Lebensmittel-Etiketten mit der spanischen Aufschrift. »Oje, kann von euch jemand spanisch?«

»Ich kann es vielleicht entziffern«, erwiderte Enzo. »Ich bin zwar Italiener und kein Spanier, aber ich werde es versuchen und mein Bestes geben.«

Tatsächlich konnten sie mit Enzos Italienischkenntnissen und anhand von Bildern auf den Etiketten viele Lebensmittel identifizieren. Nach dem Einkauf packten sie die Sachen in ihre Rucksäcke ein und verließen den Supermarkt.

Enzo zeigte in die belebte Einkaufspassage, in der sich die Geschäfte wie Perlen an einer Schnur aneinanderreihten. »Schaut mal, da vorne neben dem Friseursalon ist eine deutsche Bäckerei.«

Lisa hob den Finger. »Wer ist für Schwarzbrot, anstatt Brötchen?«

Georg hob ebenfalls den Finger. »Ich.«

»Ich liebe Schwarzbrot«, schwärmte Enzo.

Lisa sah Ingo fragend an. »Und du, Ingo?«

Ingo grinste seine Schwester an. »Schwarzbrot ist gesünder als Weißbrot, weil es mehr Ballaststoffe und weniger Kohlenhydrate enthält. Was fragst du mich da noch?«

»Gut.« Lisa ging zum Bäckereistand und kaufte ein großes, knuspriges Schwarzbrot.

Bei tiefblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein marschierten sie durch die Stadt zum Hotel zurück.

Lisa kochte gleich Kartoffeln ab, während Enzo eine Dose Mais öffnete, Ingo eine Tomate würfelte und Georg eine Salatgurke in feine Streifen schnitt. 

Lisa warf den Mais, die Tomatenwürfel, die Gurkenstreifen und ein kleines Glas Oliven zum Abtropfen in ein Sieb. »Soll ich den Kartoffelsalat anmachen oder willst du das übernehmen, Enzo?« 

»Mach du das«, bat Enzo. »Wenn ich einmal zu kochen versuche, möchte ich ein ganzes Essen alleine zubereiten.«

»Diese Gelegenheit wirst du hier gewiss noch bekommen«, erwiderte Lisa schmunzelnd.

»Muss das sein? Ich wollte die Ferien eigentlich ohne Vergiftungen überstehen«, scherzte Georg.

»Ich kann kochen«, wehrte sich Enzo. »Schließlich haben wir eine Pizzeria und eines Tages werde ich mein eigenes Feinschmeckerrestaurant eröffnen.«

»Wer so gut essen kann, kann bestimmt auch gut kochen«, meinte Ingo im Spaß.

»So ist es«, erwiderte Enzo erhobenen Hauptes.

Nachdem die Kartoffeln gekocht waren, schnitt Lisa diese in Scheiben, gab die Zutaten und Essig, Öl sowie Gewürze hinein und mischte alles durch. 

Enzo stand daneben und leckte sich die Lippen. Lisa probierte eine Gabel voll und verdrehte übertrieben die Augen. »Das ist unglaublich köstlich!«

»Und eine ganz schön große Schüssel«, stellte Ingo fest. »Das würde uns bis zum Ende des Urlaubs reichen, wenn es nicht nach drei Tagen verderben würde.«

»Finde ich nicht«, widersprach Enzo. »Das reicht höchstens ein bis zwei Tage.«

Sie packten Kartoffelsalat, Schwarzbrot, Netzmelone und Mineralwasser in die Kühltasche und legten die Kühlakkus dazu. Danach packten sie ihre Badesachen zusammen und machten sich auf den Weg zum Strand.

 

 

*****