Band 8 - Vorweihnachtliche Bescherung

Es ist Vorweihnachtszeit, die Straßen sind zugeschneit und der Tag scheint perfekt für einen Weihnachtsmarktbesuch. Ingo, Georg, Enzo und Lisa machen sich auf den Weg zum Schlossplatz, wo der Weihnachtsmarkt stattfindet. Dort angekommen, muss Lisa feststellen, dass ihr Geldbeutel entwendet wurde. Nach und nach werden immer mehr Weihnachtsmarktbesucher bestohlen und trotz aufmerksamer Beobachtungen können die Kinder keinen Verdächtigen finden.

Wie gelingt es dem Dieb, auf diese mysteriöse Weise ohne seine Anwesenheit an die Geldbörsen der Weihnachtsmarktbesucher zu gelangen?

Wie gelingt es dem Dieb, auf diese mysteriöse Weise ohne seine Anwesenheit an die Geldbörsen der Weihnachtsmarkbesucher zu gelangen?

 

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Ein ruhiger Vormittag

Georg Seifert stand an der Werkbank in der Garage und wachste seinen hölzernen Schlitten ein. Der Dreizehnjährige war für sein Alter sehr groß und wurde oft auf 19 geschätzt. Darauf war er stolz. Seine elfjährige Schwester Lisa und sein zwölfjähriger Bruder Ingo waren mehr als einen Kopf kleiner als er und so groß wie der italienische Junge Enzo aus der Nachbarschaft, der viel Zeit bei ihnen verbrachte, weil seine Eltern eine eigene Pizzeria betrieben und wenig Zeit für ihn hatten.

Georg nahm ein weiches Tuch und polierte das Holz des Schlittens glänzend. Obwohl es erst Mittag war und das Garagentor offenstand, herrschte eine unglaubliche Stille. Dafür war der Schnee verantwortlich, der den Schall dämpfte. Den ganzen Morgen schon nieselten dicke Flocken vom grauen Himmel herab und hatten die ganze Stadt Bad Bergzabern knöchelhoch mit Schnee bedeckt.

Georg stellte den gewachsten Schlitten in die Ecke, wo die Schlitten von Enzo, Ingo und Lisa standen, die er bereits gewachst hatte. Er drehte sich um und zuckte vor Schreck zusammen, als plötzlich ein sommersprossiges Mädchen mit blondem Pferdeschwanz vor ihm stand.

»Mensch, Lisa!«, fauchte Georg. »Warum musst du mich so erschrecken? «

Lisa lächelte verlegen. »Ja, tut mir leid. Die Langeweile hat mich dazu getrieben.«

»Langeweile?«, Georg runzelte die Stirn. »Ich dachte, du liegst auf deinem Bett und liest?«

»Da war ich auch, aber das Buch ist nun zu Ende gelesen und ich habe auch keine Lust mehr zum Lesen«, gestand Lisa. »Mir war so langweilig geworden. Du warst in der Garage, Ingo ist in seiner Pfadfindergruppe und Enzo ist auch nicht da.«

»Ach?«, sagte ein schwarz gelockter, molliger Junge, der am Garagentor stand. »Du hast mich vermisst?«

»Enzo!«, rief Lisa erfreut. »Wo warst du den ganzen Morgen?«

»Ich musste auf ein Paket warten und es in Empfang nehmen, weil doch meine Eltern in der Pizzeria heute die Gäste von diesem Reisebus erwarten«, erklärte Enzo.

Am Garagentor erschien ein Junge mit Brille. »Was ist denn hier los? Gibt es eine Versammlung?«

»Hallo, Ingo«, grüßten Lisa, Enzo und Georg wie aus einem Mund.

Ingo zeigte auf die Schlitten in der Ecke. »Sind das unsere?«

»Na klar«, erwiderte Georg. »Ich habe sie vorbereitet, damit wir nachher keine Zeit verlieren und gleich nach dem Mittagessen Schlitten fahren können. Heute Nachmittag gehen wir dann wie besprochen zum Weihnachtsmarkt.«

Als hätten sie sich abgesprochen, rief die Mutter im selben Moment aus dem Haus. »Kinder, wo seid ihr? Kommt ihr zum Essen?«

»Wir sind in der Garage und kommen sofort, Frau Seifert«, rief Enzo.

So aßen die Kinder zu Mittag. Es gab heiße Erbsensuppe mit Würstchen. Genau das Richtige bei solch einem kühlen Wetter, um sich aufzuwärmen. Nach dem Essen machten sie sich mit ihren Schlitten auf den Weg zum Wald. Sie kämpften sich durch den knöchelhohen Schnee am Waldrand entlang.

Georg zeigte auf einen abschüssigen Weg. »Das ist eine ideale Rodelbahn, Leute.«

Die Kinder trippelten herum, um den Schnee runterzutreten und arbeiteten sich bis nach oben zum Hügel durch.

Lisa warf sich auf den Schlitten. »Na los.« Sie sauste den steilen Weg hinunter und unten am Waldrand angekommen, überquerte sie den Weg und raste auf die gegenüberliegende Wiese. Schneestaub wirbelte empor und Lisa war verschwunden.

Die Jungen hatten alles beobachtet und lachten herzhaft. Sie setzten sich auf ihre Schlitten und fuhren den Weg hinunter.

»Wo ist Lisa geblieben?«, lachte Enzo und blickte sich suchend um.

Lisa kam aus dem Schnee hervorgekrochen. »Das war die Wucht, Leute.«

Bis zum Nachmittag tollten sie herum, machten eine Schneeballschlacht und liefen unzählige Male mit dem Schlitten den Weg nach oben, um wieder herunterzufahren. Danach gingen sie nach Hause, zogen sich trockene Sachen an und machten sich wie geplant auf den Weg zum Weihnachtsmarkt.

 

 

Bad Bergzaberner Weihnachtsmarkt

 

Mit dicken, warmen Jacken und Strickmützen bekleidet, stapften Ingo, Georg, Enzo und Lisa über die festgetretene Schneedecke der belebten Fußgängerzone der Stadt Bad Bergzabern. Große glitzernde Schneeflocken rieselten vom silbergrauen Himmel herab. Funkelnde Lichterketten, bunt glänzende Girlanden und Weihnachtssterne aus Lichtern hingen über der Straße und zierten die weihnachtlich dekorierten Schaufenster. Ein Fernsehgerät im Schaufenster eines Textilladens erweckte Lisas Aufmerksamkeit. Sie blieb stehen und verfolgte den Werbefilm, der von Schuhen handelte. 

»Komm jetzt, Lisa«, drängte Enzo. »Ich will endlich zum Weihnachtsmarkt.«

Sie befanden sich schon nahe am Weihnachtsmarkt und deshalb war die kühle Luft mit Düften von Lebkuchen, Zimtsternen und gebrannten Mandeln erfüllt. Enzo lief das Wasser im Mund zusammen und er konnte es fast nicht abwarten, bis sie endlich auf dem Weihnachtsmarkt am Schlossplatz ankommen würden.

Lisa winkte ab. »Ihr müsst nicht auf mich warten. Geht schon vor, ich hole euch locker wieder ein.«

Georg vergrub seine Hände tief in seinen Jackentaschen. »Aber sei vorsichtig bei dem Schnee, damit du nicht ausrutschst und hinfällst.«

Die Jungen liefen weiter, und als der Werbefilm zu Ende war, rannte Lisa ihnen hinterher. Bald hatte sie sie eingeholt. Sie bremste abrupt ab, rutschte aus, stürzte zu Boden und schlitterte an ihnen vorbei.

»Ich habe es dir gesagt, Lisa. Hast du dich verletzt?«, sorgte sich Georg und half ihr beim Aufstehen.

Enzo und Ingo starrten Lisa an. Erst als sie wieder auf den Füßen war und verlegen lächelte, brachen sie in Gelächter aus.

Enzo krümmte sich vor Lachen. »Du hast echt zu komisch ausgesehen, als du an uns vorbeigerutscht bist, Lisa.«

Ingo grinste breit. »Ja, du hast ausgesehen wie ein Bobfahrer.«

Georg musterte Lisa und lächelte amüsiert. »Das hast du nun davon. Hättest du auf mich gehört, wäre deine Hose jetzt nicht nass.«

»Ja, ich weiß, es war dumm von mir«, gab Lisa zu und klopfte sich den Schnee von der Hose. »Das nächste Mal bin ich vorsichtiger.«

Sie näherten sich dem Markt, hörten schon die Weihnachtsmusik und sahen die hölzernen Verkaufsstände, an denen viele Erwachsene und Kinder standen. Es wurden unter anderem gebrannte Mandeln, Zuckerwatte, Lebkuchenherzen, Bonbons, Schaumküsse und bunte Zuckerstangen angeboten.

Enzo leckte sich die Lippen. »Ich hole mir eine Zuckerwatte.«

»Zuckerwatte klingt lecker«, bemerkte Ingo. »Aber ich werde mir lieber Lebkuchen holen.«

»Ich habe Lust auf gebrannte Mandeln«, teilte Lisa mit. 

Georg schloss sich Lisa an: »Ich werde mir auch gebrannte Mandeln holen.« 

Lisa stellte sich mit Georg hinter eine mollige Frau, die das Ende der 4-köpfigen Warteschlange am Süßwarenstand bildete. Enzo eilte zum Zuckerwattestand und Ingo zum Lebkuchenstand. Im Süßwarenstand arbeiteten zwei Bedienungen, daher mussten sie nicht lange warten und bald war nur noch die mollige Frau vor Lisa.

Hinter sich hörte Lisa eine Kinderstimme: »Mama, mir ist kalt.«

»Wir holen nur ein paar Süßigkeiten und gehen nach Hause«, antwortete die Mutter des Kindes.

Lisa drehte sich um und sah eine junge Mutter mit ihrer etwa 5 Jahre jungen Tochter hinter Georg stehen.

»Gehen Sie doch bitte vor«, bot Lisa an.

»Oh Dankeschön«, bedankte sich die Frau und stellte sich mit dem Mädchen vor Lisa in die Schlange.

»Danke«, sagte auch das Mädchen schüchtern.

»Bitteschön, gerne«, antwortete Lisa lächelnd.

Nachdem die Mutter mit ihrer Tochter weg war, kam Lisa an die Reihe. Sie bestellte für Georg und sich zwei Tütchen gebrannte Mandeln. Als sie bezahlen wollte, griff sie in ihre rechte, danach in die linke Jackentasche.

»Das darf nicht wahr sein?! Mein Geldbeutel ist weg!«, rief sie entsetzt.

»Beruhige dich, Lisa«, beschwichtigte Georg. »Ich bezahle die Mandeln.«

Georg bezahlte und begleitete Lisa an ein ungestörtes Plätzchen neben den Süßwarenstand.

Lisa durchsuchte gründlich ihre Hosen- und Jackentaschen nach ihrer Geldbörse. »Nichts?! Er ist weg.«

 

 

*****

 

 

Rätselhafter Diebstahl

 

Georg konnte nicht glauben, was gerade passiert war. »Hast du deinen Geldbeutel auch wirklich zu Hause eingesteckt, Lisa?«

»Natürlich habe ich ihn eingesteckt«, erwiderte Lisa. »Ich bin mir absolut sicher!«

Enzo kam mit einer pinkfarbenen Zuckerwatte in der Hand zu ihnen gelaufen. »Was ist passiert? Warum sitzt ihr hinter dem Süßwarenstand?«

»Lisa findet ihren Geldbeutel nicht mehr«, teilte Georg mit, dann kam auch Ingo hinzu. 

»Was ist los?«, fragte er verwundert. »Ihr seht so besorgt aus?!«

»Lisas Geldbeutel ist weg«, erzählte Enzo aufgeregt, zog die Strickmütze tiefer über seinen schwarzen Lockenkopf und naschte von der Zuckerwatte.

Ingo schob seine Brille gerade, kniff nachdenklich und konzentriert die Augen zusammen. »Wo hattest du ihn zuletzt gehabt?«

Lisa zuckte mit den Schultern. »Na, zu Hause, bevor wir weggegangen sind?!«

»Du hast ihn bestimmt verloren, als du vorhin gestürzt bist«, sagte Enzo.

»Klar, das kann natürlich sein«, meinte Georg.

So liefen sie zu der Stelle, an der Lisa ausgerutscht war. Sie suchten jeden Quadratzentimeter ab und schoben sogar mit den Füßen den Schnee beiseite.

Georg schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Lisa. Wir haben alles abgesucht. Hier ist kein Geldbeutel.«

»Aber lass dir dadurch nicht die Laune verderben. Vielleicht hat ihn jemand gefunden und wird ihn auf dem Fundbüro abgeben?«, hoffte Enzo.

»Das kann sein«, gab Ingo Enzo recht. »Vor Montag brauchen wir aber nicht zum Fundbüro zu gehen. Die haben übers Wochenende nämlich geschlossen.«

Lisa durchsuchte erneut ihre Jackentasche. »Das ist ja komisch«, sagte sie monoton.

»Was ist komisch?«, hakte Ingo nach.

»Ich könnte schwören, ich hatte den Reißverschluss meiner Tasche zugemacht, als wir von zu Hause weggingen und als ich bezahlen wollte, war er offen«, glaubte sich Lisa zu erinnern.

»In dem Fall bist du bestohlen worden?«, fragte Enzo und schob sich ein Stück Zuckerwatte in den Mund ohne seinen Blick von Lisa abzuwenden.

Georg überlegte einen Augenblick. »Die Einzige, die dir nahegekommen ist, war die Frau mit dem Kind, die wir am Süßwarenstand vorgelassen haben. Sonst habe ich niemanden gesehen, der nahe genug bei dir stand.«

Lisa schüttelte energisch den Kopf. »Nein, das ist absurd. Die Frau mit dem Kind war das nicht! Erst stand sie hinter dir und danach vor mir. Wie hätte sie mir den Geldbeutel stehen sollen?«

Auf Ingos Stirn bildeten sich tiefe senkrechte Falten. »Wer könnte sonst …?« Er brach mitten im Satz ab, als vier Polizisten in Richtung Weihnachtsmarkt liefen.

»Oh. Da muss was passiert sein«, meinte Georg. »Lasst uns mal nachsehen, was da los ist.«

Die Kinder folgten den Polizisten zum Weihnachtsmarkt. Die Beamten wurden von einer kleinen Gruppe Leuten begrüßt, die sich angeregt mit ihnen unterhielten.

»Es würde bestimmt dumm aussehen, wenn wir jetzt dort vorbeilaufen, um zu hören, um was es geht«, meinte Georg.

»Ja, das wäre sehr auffällig«, erwiderte Enzo. »Die würden sofort bemerken, wenn wir sie belauschen.«

»Wir könnten uns aber hinter dem Süßwarenstand verstecken«, schlug Ingo vor. »Da können sie uns nicht sehen, aber wir können sie hören.«

In einem großen Bogen liefen sie um den Verkaufsstand. Sie näherten sich der Gruppe von hinten und versteckten sich hinter einem Planwagen.

Einer der Polizisten sprach: »Wir werden die Augen offenhalten, Frau Lehmann. Gehen Sie am Montag trotzdem aufs Fundbüro, vielleicht hat man Ihre Geldbörse inzwischen gefunden.«

»Wir wurden doch eindeutig bestohlen«, rief ein Mann wütend. »Oder denken Sie, es wäre Zufall, dass wir alle unsere Geldbörsen verloren haben?«

»Das ist merkwürdig«, flüsterte Lisa. »Es war eindeutig Diebstahl. Warum habe ich nicht gemerkt, dass mir jemand den Geldbeutel aus der Jackentasche gestohlen hat?«

»Wir haben genug gehört«, sagte Ingo leise und machte ein Handzeichen, worauf sie sich wieder zurückzogen.

»Sehen wir mal nach, ob wir eine Spur von den Dieben finden können«, meinte Georg.

Damit waren alle einverstanden. Sie spazierten über den Weihnachtsmarkt und schauten sich nach verdächtigen Personen um. 

Ingo zeigte zum Schloss. »Wir gehen die Schlosstreppe hinauf. Von da oben kann man den Marktplatz gut überschauen.«

Vorsichtig stiegen sie die vereisten Stufen hinauf, stellten sich oben ans Geländer und beobachteten das Geschehen auf dem Weihnachtsmarkt.

Nach etwa zwanzig Minuten sahen sie, wie eine Frau am Süßwarenstand ihre Tasche durchsuchte. »Mein Geldbeutel ist weg?!«, rief sie außer sich.

»Das kann doch nicht sein«, ärgerte sich Georg. »Wir haben die ganze Zeit zu viert den Markt überwacht. Warum hatten wir nichts gesehen?«

»Uns muss was entgangen sein. Wir müssen uns besser konzentrieren«, maßregelte Lisa.

Weitere zehn Minuten später hörten sie einen Mann rufen: »Oh nein! Ich wurde bestohlen! Mein Geldbeutel mit meinen Kreditkarten, meinem Ausweis und meinem Führerschein ist weg.«

Sie entdeckten den Mann kurz vor dem ersten Verkaufsstand des Marktes.

»Darum hatten wir keinen Dieb gesehen. Es schlägt zu, bevor die Leute zum Markt kommen«, erkannte Georg.

»Worauf warten wir noch? Wir sollten die Fußgängerzone überwachen«, forderte Ingo auf.

»Ich kann mich aber nicht erinnern, dass mir in der Fußgängerzone jemand zu nahe gekommen war«, meinte Lisa.

Die Kinderdetektive liefen durch die Fußgängerzone, wo bummelnde Menschen die hübsch weihnachtlich dekorierten Schaufenster und die Menütafeln der Restaurants ansahen. 

Lisa zuckte mit den Schultern. »Es war keiner in meine Nähe, während ich euch verfolgt hatte. Ich bin euch nachgerannt, wer hätte mir da folgen können?«

»Vielleicht schlug der Täter zu, als du dir den Werbefilm angesehen hast?«, folgerte Ingo. »Du warst bestimmt abgelenkt und hast es deshalb nicht bemerkt.«

»Nein, das kann nicht sein! Ich stand ganz alleine am Schaufenster«, versicherte Lisa.

 

 

*****

 

 

Mysteriöse Beobachtungen

 

Ingo kratzte sich nachdenklich an der Stirn. »Stellen wir die Szene von vorhin nach, nur mit dem Unterschied, dass wir jetzt bei dir bleiben.«

»Ich weiß zwar nicht, worauf du hinaus willst, aber mir soll es recht sein«, antwortete Lisa ein wenig schnippisch. Sie stellte sich vor das Schaufenster des Textilladens. »Hier habe ich mir diesen Werbefilm über Schuhe angesehen.«

»Hast du anschließend deinen Geldbeutel herausgenommen und eine Spende für Tiere gegeben?«, erkundigte sich Ingo.

»Welche Spende für Tiere?«, wunderte sich Lisa. »Wem soll ich die gegeben haben?«

Georg zeigte auf den großen, roten Briefkasten, der gleich neben dem Geschäft hing. »In diesen Kasten, auf dem draufsteht: Organisation Tiergut. Spende für Tiere!«

»Nein, ich habe kein Geld in den Kasten geworfen«, versicherte Lisa.

Ingo stutzte. »Du, als zukünftige Tierärztin, hast nichts gespendet? So kenne ich dich gar nicht, ich hätte schwören …?!«

»Ist ja gut, ich hatte den Kasten nicht gesehen«, zischte Lisa. »Ich war unaufmerksam, was für eine Detektivin eine Schande ist, und ihr habt mich ertappt. Seid ihr nun zufrieden?«

Enzo klopfte prüfend an den Blechkasten. »Du hast diesen knallroten Kasten übersehen? Dir entgeht doch sonst nichts?!«

»Wahrscheinlich war ich durch das Schaufenster so abgelenkt, dass mir der Kasten entgangen war«, vermutete Lisa.

Ingo schaute Lisa besorgt an. »Irgendwie passt das nicht zu dir. Geht es dir gut, Lisa?«

Lisa schmollte. »Mir geht es sehr gut. Hört auf, an meinem Verstand zu zweifeln!«

Enzo aß den Rest seiner Zuckerwatte. »Jetzt irren wir schon seit Stunden in der Kälte herum und wissen immer noch nicht, wer der Dieb ist.«

Als eine junge Frau ans Schaufenster des Textilladens kam, traten die Kinder einen Schritt zur Seite. Schweigend beobachteten sie die Dame, die sich den Werbefilm anschaute. Danach warf sie beim Vorbeigehen etwas in den roten Kasten und lief weiter.

»Siehst du, Lisa?«, neckte Enzo. »Die Frau hat den Tierspende-Kasten im Gegensatz zu dir gesehen, obwohl sie auch vom Schaufenster abgelenkt war.«

»Schön für die Frau«, fauchte Lisa. »Sie ist eben aufmerksamer als ich. Ihr könnt sie ja fragen, ob sie mich zukünftig im IGEL-Team ersetzen will.«

»Tut mir leid, Lisa«, entschuldigte sich Enzo. »Ich wollte dich nicht beleidigen. Wahrscheinlich bin ich nur etwas schroff gewesen, weil ich Hunger habe.«

Georg warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Du hast doch gerade eben deine Zuckerwatte gegessen?!«

»Zuckerwatte macht nicht satt«, verteidigte sich Enzo. »Ich brauche etwas Festes und Nahrhaftes.«

»Du kannst den Rest von meinen gebrannten Mandeln haben«, bot Lisa ihm an und knabberte schnell noch ein paar Stück.

»Nein danke«, lehnte Enzo ab. »Ich hätte gerne ein belegtes Brötchen am liebsten mit Lachs, Ei und Zwiebelringen.«

Ingo nickte. »Okay, wir kommen hier in der Sache eh nicht weiter. Gehen wir wieder zurück zum Weihnachtsmarkt, bevor uns Enzo noch vor Hunger zusammenbricht.«

»Ich möchte auch ein Lachsbrötchen, leider habe ich kein Geld«, sagte Lisa traurig. »Meine 12 Euro, die im Geldbeutel waren, sind pfutsch, für immer verloren.«

»Ich bezahle es dir«, riefen die Jungen alle gleichzeitig, womit sie Lisa ein Lächeln entlockten.

Sie kehrten zurück zum Weihnachtsmarkt, kauften sich alle ein Lachsbrötchen und setzten sich auf die mit einer Zeltplane überdachten Bank vor dem Brötchen-Stand, wo sie es genüsslich verzehrten. Anschließend blieben sie noch sitzen und beobachteten eine Frau, die mit gesenktem Kopf die Straße auf- und ablief und einen Passanten ansprach.

Der Passant schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, ich habe keinen Geldbeutel gefunden.«

Lisas Augen wurden groß. »Das ist die Frau, die vorhin am Schaufenster stand und eine Spende in den Kasten geworfen hat.«

»Tatsächlich«, bestätigte Georg. »Am Spendenkasten hatte sie noch Geld. Folglich muss der Täter auf dem Weg zwischen dem Schaufenster und dem Weihnachtsmarkt zuschlagen.«

»Sie kommt zu uns«, kommentierte Enzo leise, als die Frau in ihre Richtung kam.

Unter ihrer grauen Strickmütze schaute ihr braun gelocktes Haar heraus. Die Brille mit dem dicken, schwarzen Gestell betonte ihr rundes von der Kälte errötetes Gesicht. 

Ihr matt glänzender, schwarzer Ledermantel reichte bis zu ihren Knien. Unter ihren grauen Stoffhosen - passend zu den grauen Strickhandschuhen - schauten die schwarzen Stiefel heraus.

»Hallo Kinder. Habt ihr irgendwo einen Geldbeutel gefunden?«, fragte sie mit einem jammernden Unterton.

»Nein, aber wir können Ihnen suchen helfen«, bot Ingo an.

»Danke, das wäre lieb von euch«, nahm die Dame dankend an. »Ich bin übrigens Frau Völker.«

Die Kinder stellten sich der Frau vor und liefen mit ihr suchend den Weg zurück bis zum Schaufenster des Textilladens. 

»Warum bleibt ihr stehen?«, wunderte sich Frau Völker.

Ingo zeigte auf den roten Briefkasten. »Hier hatten Sie Ihren Geldbeutel zuletzt gehabt.«

Frau Völker runzelte die Stirn. »Was? Wie kommt ihr darauf?«

»Wir hatten zufällig gesehen, wie sie eine Spende in den Kasten geworfen hatten«, klärte Enzo auf.

»Nein?! Ich sehe diesen Kasten jetzt zum ersten Mal?!«, beteuerte die Frau.

»Wie bitte?«, stutzte Georg. »Sie haben aber doch etwas hineingeworfen?!«

Frau Völker schüttelte energisch den Kopf. »Ich sagte doch, ich sehe diesen Kasten jetzt zum ersten Mal. Wie sollte ich da was eingeworfen haben?«

Die Kinder blickten sich erstaunt an.

»Was hat das zu bedeuten?«, wunderte sich Lisa.

Frau Völker hob die Schultern. »Jedenfalls danke für eure Hilfe, Kinder. Meine Geldbörse scheint weg zu sein. Da ist wohl nichts mehr zu machen.«

Ingo kramte einen Kugelschreiber und einen Notizblock aus seinem Rucksack. »Falls wir Ihre Geldbörse finden, können wir Sie dann telefonisch erreichen?«

»Das ist aber sehr nett von euch«, freute sich Frau Völker, teilte Ingo ihre Telefonnummer mit und verabschiedete sich dann.