Band 9 - Mysteriöse Raubzüge

In Bad Bergzabern treiben Diebe auf mysteriöse Art ihr Unwesen. Denn während die gut betuchten Opfer nur kurze Zeit aus dem Haus sind, schlagen sie zu. Sie brechen ein, schalten die Alarmanlagen ab und nehmen Wertgegenstände mit. Trotz helllichten Tages gibt es keine Zeugen, die das Treiben in der ruhigen Neubausiedlung beobachtet hätten. Die Polizei tappt bei der Spurensuche im Dunkeln.

 

Das IGEL-Team interessiert sich für den Fall und versucht, die Täter mit List und Tricks zu überführen.

 

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Ein aufregendes Picknick

 

Die elfjährige Lisa breitete die geblümte Picknickdecke auf der Blumenwiese neben dem Waldsee aus. Die kleinen bunten Blüten dufteten herrlich süß und im silbrig schimmernden See spiegelten sich die Bäume, die diesen umsäumten.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte Lisas Lippen. »Die Sonne scheint, wolkenloser, strahlend blauer Himmel, es ist ein herrlicher Frühlingstag.«

»Perfekt für unser Picknick«, stimmte ihr Bruder Georg zu. Er setzte sich auf der Decke nieder und holte die Fläschchen mit der Traubensaftschorle aus der Kühltasche.

Georg war Lisas großer Bruder im wahrsten Sinne des Wortes. Er war 13 und oft wurde er auf 19 geschätzt.

Der mollige, schwarz gelockte Enzo legte sich bequem daneben. »Die Wiese mit dem Blick auf den schönen See ist der ideale Picknickplatz.«

Enzo war ein Junge aus der Nachbarschaft, der viel Zeit mit den drei Geschwistern Lisa, Georg und Ingo verbrachte, weil seine Eltern eine eigene Pizzeria betrieben und sich deshalb nicht ausreichend um ihren Sohn kümmern konnten.

Lisas anderer Bruder, der zwölfjährige Ingo schob seine Brille zurecht, öffnete seinen Rucksack und kramte unter den neugierigen Blicken der anderen einen gelben Gegenstand aus Kunststoff und anschließend eine Luftpumpe hervor.

»Du hast das Schlauchboot mitgenommen?«, war Lisa überrascht. »Ist es nicht zu kalt um diese Jahreszeit, um ins Wasser zu gehen?«

Ingo kniff seine grünen Augen zusammen und blickte Lisa über seine Brille hinweg kritisch an. »Natürlich ist es zu kalt, um ins Wasser zu gehen. Darum habe ich das Boot mitgenommen.«

»Klingt logisch«, stimmte Enzo zu. »Aber bevor wir auf den See hinauspaddeln, muss ich eine Kleinigkeit essen, sonst bekomme ich einen Schwächeanfall. Was gibt es eigentlich zu essen?«

»Moment«, sagte Lisa und verteilte die Brotboxen und dazu Kuchengabeln.

Georg öffnete seine Dose zuerst. »Hm, Nudelsalat.«

»Oh, klasse«, freute sich auch Ingo.

Enzo schnüffelte in die Box und schob sich sofort eine Gabel voll Nudelsalat in den Mund. »Der ist köstlich«, stöhnte er und verdrehte scherzhaft die Augen.

»Den habe ich zubereitet, der ist nach Mamas Rezept«, verkündete Lisa stolz.

In den nächsten Minuten waren nur Vogelgezwitscher und das Schmatzen der Kinder zu hören.

Enzo hatte zuerst aufgegessen. »Der Nudelsalat war echt lecker. Gibt es auch einen Nachtisch?«

»Erst wenn wir alle aufgegessen haben«, sagte Lisa streng.

»Was gibt es denn?«, wollte Georg wissen.

»Mama hat uns Linzer Torte mit Himbeerfüllung eingepackt.«

Alle waren begeistert, weil sie Frau Seiferts köstliche Linzer Torte liebten.

Kurz darauf verteilte Lisa die nach Zimt und Nelken duftenden Kuchenstücke, die in null Komma nichts aufgegessen waren. Danach tranken sie Fruchtsaftschorlen und ruhten sich anschließend auf der flauschigen von der Sonne erwärmten Picknickdecke aus.

Wenige Minuten danach pumpte Georg das Schlauchboot auf und legte es in den See.

Ingo klatschte in die Hände. »Auf geht's.«

Lisa band ihr blondes Haar zu einem Zopf zusammen und danach setzten sich alle ins Boot.

Weil Georg der Größte und Kräftigste war, übernahm er das Rudern und paddelte das Schlauchboot ein Stück weit auf den See hinaus und anschließend am Ufer entlang. Doch dann geriet das Boot in einen Sog und wurde wie von Geisterhand getrieben.

»Wir sind in einer Strömung. Wie praktisch«, amüsierte sich Georg. Er legte die Paddel ins Boot, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

Lisa hielt ihre Hand in die kühle Strömung. »Ist das eigentlich ein offenes Gewässer, Ingo?«

»Nein«, erwiderte Ingo. »Der See fließt über einen kleinen Bach ab, der durch den Wald führt; nichts Bedrohliches also. Du kannst ganz beruhigt sein.«

Doch das Boot schaukelte immer kräftiger und nahm an Fahrt auf.

Lisa schaute misstrauisch ins Wasser. »Dieser kleine Bach erzeugt aber eine ganz schön starke Strömung.«

Ingo kratzte sich nachdenklich an der Stirn. »Das wundert mich auch gerade ein bisschen.«

Enzo hob die Hand hinter sein Ohr und lauschte. »Hört ihr das?«

Georg erschrak, nahm die Paddel und versuchte, das Boot aus der Strömung zu bewegen. »Oh nein! Das klingt wie ein Wasserfall. Schnell weg hier!«

»Ein Wasserfall?«, quietschte Lisa entsetzt. »Du sagtest, es wäre ein kleiner Bach, Ingo!«

»Vielleicht hat sich der Bach durch das Schmelzwasser vergrößert?!«, versuchte Ingo zu erklären, wobei seine Stimme panisch klang.

Das Schlauchboot durchschnitt mit hohem Tempo die Wasseroberfläche inmitten des Sees und trieb zwischen zwei Felsen hindurch. Wie auf Kommando legten sich alle auf den Bauch und versuchten, mit den Händen zu paddeln, um Georg beim Rudern zu unterstützen. Vergeblich. Das Rauschen wurde lauter und das Schlauchboot schneller. Entsetzt sahen sie einige Meter vor sich den Abgrund, wo das Wasser tosend hinunterstürzte und die Luft mit einem unheimlichen Nebel erfüllte.

»Wir sind verloren«, schrie Enzo mit überschlagender Stimme. »Wir treiben genau auf den Wasserfall zu.«

Die Kinder schlugen mit aller Kraft ins Wasser und versuchten, das Boot zur Umkehr zu bewegen. So sehr sie auch gegen die Strömung ruderten, es half nichts. Mit rasanter Geschwindigkeit kamen sie dem Wasserfall näher. Instinktiv rutschten sie in den hinteren Teil des Bootes. Doch der Bug schob sich über den Abgrund und das Boot stürzte fünf Meter in die Tiefe. Das Team purzelte schreiend hinab ins eisige wilde Wasser.

Gnadenlos wurden sie von den starken, sprudelnden Strömungen herumgewirbelt und vom herabfallenden Wasser nach unten gedrückt. Georg kämpfte dagegen an und wurde unter Wasser gegen die Felswand gepresst. Er hielt sich fest und zog sich nach oben auf einen Felsvorsprung hinter dem Wasserfall. Als Lisa kurz an der Wasseroberfläche erschien, packte er sie geistesgegenwärtig am Arm und zog sie auf den Felsen. Lisa hielt sich an einem Felsvorsprung fest und zog Enzo zum Felsen, während Georg Ingo auf den rettenden Felsvorsprung zog.

»Meine Güte«, quietschte Lisa aufgeregt. »Wir befinden uns hinter dem Wasserfall!« Ungläubig starrte sie auf den Wasservorhang, der ohrenbetäubend laut direkt vor ihrer Nase in den Bach herabfiel.

»Was sollen wir jetzt machen?«, rief Georg. »Wieder in den Bach zu springen, das wäre Selbstmord?!«

Enzo kauerte sich zusammen. »Wir werden alle verhungern«, jammerte er, wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und sah dabei nach oben. »Moment mal! Ist da oben eine Höhle?!«

Alle schauten hoch und sahen hoch über ihren Köpfen das Loch in der Felswand. »Wir müssen da hinaufklettern, das ist unsere einzige Chance«, brüllte Ingo so laut er konnte, um die tosenden Wassermassen zu übertönen.

»Komm Lisa! Du zuerst«, forderte Georg. Er faltete die Hände ineinander, stützte seine Ellenbogen auf die Knie, lehnte sich mit dem Rücken an die Felswand und machte so für Lisa eine Räuberleiter.

Lisa hielt sich an Georgs Schulter fest, setzte den Fuß auf seine Hände und kletterte geschmeidig wie eine Katze nach oben.

»Und? Was siehst du?«, wollte Ingo wissen.

Lisa freute sich, als sie in das tiefe, schwarze Loch spähte. »Ich glaube, es ist tatsächlich eine Höhle.«

Lisa zog sich hoch und erklomm die Höhle. Sie reichte Enzo und Ingo nacheinander unterstützend die Hand, als die beiden Jungen über Georgs Räuberleiter ebenfalls nach oben stiegen. Zum Schluss zogen sie mit vereinten Kräften Georg hoch, was aufgrund seiner überdurchschnittlichen Größe nicht einfach war.

»Wir sind gerettet«, stöhnte Lisa und streifte sich das nasse Haar aus dem sommersprossigen Gesicht.

Die Kinder richteten sich auf. Die Höhle war so hoch, dass selbst Georg aufrecht stehen konnte.

»Na toll! Unsere Rucksäcke liegen auf der Picknickdecke«, bedauerte Ingo. »Ich habe nicht mal Taschenlampen mitgenommen.« Er lugte in den dunklen Höhlenschlund, während er seine Brille notdürftig an seinem nassen T-Shirt abwischte.

Georg zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Egal. Es geht auch ohne Taschenlampen. Wie groß kann die Höhle schon sein?«

»Hoffentlich kommen wir irgendwo raus. Nicht, dass die Höhle an einer Mauer endet und wir doch durchs Wasser müssen«, hoffte Lisa.

Dicht beieinander liefen sie über den holprigen Höhlenboden in die Dunkelheit. Ein muffiger, feuchter Geruch kam ihnen entgegen.

»Wir laufen, bis wir irgendwo ein Licht sehen«, kommentierte Ingo, was jeder ohnehin schon wusste.

Nach wenigen Metern befanden sie sich in absoluter Dunkelheit und hörten das Rauschen des Wasserfalls nur noch in der Ferne.

»Lass deine Finger von mir, Enzo«, empörte sich Lisa urplötzlich.

»Was hast du? Ich habe gar nichts gemacht«, verteidigte sich Enzo.

»Wer war das?«, quietschte Lisa verängstigt. »Mich hat gerade etwas berührt?!«

»Das war ich«, gestand Georg, wobei man hören konnte, dass er breit grinste. »Ich wollte sehen, ob du noch da bist. Wir sollten dichter zusammenbleiben!«

»Mach das nie wieder. Du hast mich ganz schön erschreckt«, warf Lisa ihrem Bruder vor.

Vorsichtig tasteten sie sich an der unebenen, feuchten Höhlenwand entlang, bis sie endlich am Ende eines langen Ganges Licht sahen.

»Da vorne ist ein Ausgang«, jubelte Enzo freudestrahlend und alle liefen darauf zu.

Man konnte deutlich den Ausgang am Ende der Höhle erkennen und in das letzte Höhlenstück fiel Sonne ein.

»Hurra«, triumphierte Lisa. »Du kannst deine Hand jetzt von meiner Schulter nehmen, Georg. Hier ist es hell, wir können uns nicht mehr verlieren.«

»Ich … ich habe meine Hand nicht auf deiner Schulter«, erwiderte Georg mit einem Lachen in der Stimme. »Da ist was auf deiner Schulter. Sieh selbst nach, ob du das gut oder schlecht findest.«

Lisas Herz begann zu rasen, blitzschnell drehte sie den Kopf zur Seite und blickte in zwei schwarze, kugelrunde Augen.

»Eine Ratte!«, schrie sie mit schriller Stimme und hüpfte hysterisch herum.

Tatsächlich saß eine große, pechschwarze Ratte auf ihrer Schulter. Das Tier schnüffelte an ihrem Ohr, sprang auf einen Felsvorsprung und verschwand in einer Felsspalte.

Enzo lachte laut. »Du hast die Ratte die ganze Zeit durch die Höhle getragen?«

»Das ist nicht witzig, Enzo«, fauchte Lisa.

»Doch ist es«, sagte Georg, worauf auch Ingo lachte.

Gemeinsam traten sie aus der Höhlenöffnung in den Wald und sahen sich um.

»Mauerreste«, kommentierte Georg.

»Das scheinen Überreste einer Burg zu sein«, folgerte Ingo. »Um es kurz zu sagen: Eine Burgruine.«

Enzo tanzte vor Freude umher. »Wir haben es geschafft. Wir sind gerettet und werden nicht verhungern.«

»Beruhige dich wieder, Enzo«, forderte Ingo. »Wir müssen zum Berg und unsere Picknicksachen zusammenpacken. Anschließend laufen wir am Bach entlang und suchen nach unserem Schlauchboot.«

Die anderen befolgten die Anweisungen, schnell war der Picknickplatz gefunden und alles zusammengepackt. Hurtig liefen sie am tosenden Bach entlang und hielten Ausschau nach dem Schlauchboot.

Erst nach vier Kilometern, kurz vor dem Ortseingang von Bad Bergzabern, verzweigte sich der Bach. Eine Abzweigung führte am Weg entlang, die andere führte unter einem Zaun durch.

Lisa spähte durch den Zaun. »Da ist unser Schlauchboot. Es treibt auf einem See.«

»Auch das noch«, war Enzo besorgt. »Der Bach führt auf ein Privatgelände und endet in einem privaten See.«

Georg lugte durch den Maschendrahtzaun über das Grundstück zu einem weißen Backsteinhaus, das neben dem kleinen See lag. »Es scheint niemand da zu sein, die Rollläden sind geschlossen.«

»Ich klettere schnell hinein und gebe euch das Boot rüber«, schlug Lisa vor und schwang sich mit sportlicher Eleganz hinüber auf die andere Seite.

»Pass auf, das ist ein Privatgrundstück«, bat Ingo. »Wer weiß, was dich da erwartet.«

Lisa winkte ab. »Keine Sorge. Ich bin vorsichtig.« Sie lief über den Rasen. Doch bevor sie den See erreichen konnte, ertönte ein wildes Hundegebell.

»Ja, wo ist denn mein lieber Hund?«, wisperte Lisa liebevoll mit verstellter Stimme.

Plötzlich aber kamen zwei Dobermannhunde zähnefletschend auf Lisa zugestürmt. Lisa rannte blitzschnell davon und schwang sich über den Zaun.

Enzo atmete auf. »Das war haarscharf. Das ist gerade noch mal gut gegangen.«

Ein klein gewachsener, dunkelhaariger Mann, etwa Ende vierzig, kam aus dem Haus. Er war breitschultrig und trug einen blauen, schmutzigen Arbeitsoverall. Sein Gesicht war braun und faltig und seine tiefschwarzen, buschigen Augenbrauen standen fast senkrecht, was ihn wie ein kleiner Teufel aussehen ließ.

»Was macht ihr an meinem Zaun, ihr Taugenichtse?«, schrie er wütend.

»He sachte, mein Herr«, beschwichtigte Georg und zeigte auf den See. »Unser Schlauchboot ist in Ihren See getrieben worden. Könnten Sie es uns bitte wiedergeben?«

Der unrasierte Mann mit dem schwarzen Bartschatten kniff wütend die ohnehin schon schmalen Lippen zusammen. Er nahm das Boot unsanft aus dem Wasser, lief zum Zaun und warf es im hohen Bogen hinüber.

»He! Seien Sie bitte vorsichtig, damit es nicht kaputt geht«, bat Ingo.

»Ihr habt euer Boot«, brüllte der Mann. »Jetzt haut ab, ihr Taugenichtse, ihr macht die Köter verrückt!«

»Das sind Hunde und keine Köter«, stellte Lisa klar.

»Genau«, knurrte Georg. »Außerdem haben Sie keinen Grund, gleich ausfällig zu werden! Trotzdem danke.«

Der Mann blieb hinter dem Zaun stehen und schaute den Kindern beim Weglaufen mit finsterer Miene hinterher.

Einige Meter weiter, außer Sichtweite, ließen sie die Luft aus dem Schlauchboot.

»Wir müssen es zu Hause zum Trocknen in die Sonne legen«, erklärte Ingo.

Gemeinsam falteten sie das Boot zusammen und verstauten es im Rucksack.

Lisa schmollte. »Dieser Mann mit seinen Hunden geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie kann man nur so überreagieren?!«

»Meinst du die Vierbeiner oder den Mann?«, wollte Enzo wissen.

»Alle«, antwortete Lisa. »Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wären die Hunde bestimmt lieb zu mir gewesen.«

»Jetzt zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, tröstete Georg. »Wir wollten das Boot und haben es bekommen. Die Bestien und ihr Besitzer waren eben bösartig.«

Ingo rückte seine Brille zurecht. »Der Erfinder der Hunderasse Friedrich Louis hat in Thüringen Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts Dobermannhunde gezüchtet. Sie sind prinzipiell nicht bösartig und werden sogar als Polizeihelfer und Rettungshunde eingesetzt, weil sie überaus intelligent und temperamentvoll sind.«

Lisa pflichtete Ingo bei: »Stimmt. Hunde sind von Natur aus nie böse, sie reflektieren nur ihre Besitzer und deren Erziehung.«

»Dann liegt das aggressive Verhalten der Hunde an diesem Typ. Der war wirklich zum Gruseln. Dagegen waren seine Vierbeiner die reinsten Plüschtiere«, schauderte Enzo.

Ingo sammelte ein paar Steine auf und genau neben dem Zaun legte er damit ein Zeichen auf den Boden. Es sah aus wie zwei Spitzklammern, die nach rechts zeigten und eine Spitzklammer, die nach links zeigte. > > <

»Was tust du da?«, wunderte sich Lisa. »Hat das eine Bedeutung?«

»Ja, es hat eine Bedeutung«, erwiderte Ingo. »Es ist das Waldläuferzeichen für Feind. So wissen alle, die diese Zeichen kennen, dass hier jemand wohnt, mit dem nicht gut Kirschenessen ist.«

»Gute Idee. Er hat es nicht anders verdient«, lobte Enzo, worauf die anderen ihm zustimmten.

 

 

*****

 

 

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Zu Hause angekommen, packten die Kinder das zusammengefaltete Schlauchboot aus und breiteten es zum Trocknen in der Sonne auf dem Rasen aus. 

Danach begaben sie sich in ihre Zimmer und zogen sich trockene Sachen an. Anschließend brachte Lisa die leeren Brotdosen in die Küche.

»Wie war das Picknick?«, interessierte sich die Mutter.

»Sehr schön, wir waren an einem See und sind sogar mit dem Schlauchboot gefahren«, erzählte Lisa und verschwieg die Sache mit dem Unfall, um die Mutter nicht unnötig aufzuregen.

»Schön«, freute sich die Mutter. »Falls ihr nachher in die Stadt geht, denkt daran, dass wir um 18 Uhr zu Abend essen.«

»Ja, Mama«, bestätigte Lisa, stellte die Brotboxen ins Spülbecken und reinigte unter den wachsamen Augen der Mutter die Kühltasche mit einem feuchten Tuch und legte die Kühlakkus ins Eisfach.

Gerade als Lisa nach oben gehen wollte, stand Georg auf der Treppe. »Komm schnell rauf, Lisa!«

»Was ist passiert?«, wunderte sie sich und eilte hinauf in Ingos Zimmer.

Enzo, Ingo und Georg starrten sie fassungslos an.

»Erzählt schon! Was ist passiert?«, hielt es Lisa vor Neugier kaum noch aus.

Enzo gab Lisa einen Zettel in die Hand. »Schau dir das an. Das hat Ingo von einer Internetzeitung ausgedruckt.«

Lisa las laut vor: »Einbruchserie reißt nicht ab. Erneut wurde eine Familie beraubt, als sie nur dreißig Minuten aus dem Haus war. Nachdem die Tür aufgebrochen wurde, konnten die Einbrecher die Alarmanlage innerhalb von drei Sekunden deaktivieren und so einen Polizeialarm verhindern.«

Lisa schaute die Jungen fragend an. »Und weiter? Es ist zwar tragisch und rätselhaft, aber es ist doch kein besonderes Phänomen?!«

»Doch, das ist nämlich bereits der fünfte Einbruch dieser Art in diesem Monat gewesen«, klärte Ingo auf. »Die Opfer sind gerade mal ein paar Minuten aus dem Haus und die Einbrecher schlagen zu, schalten auch noch den Alarm innerhalb der kritischen Zeit aus. Ist das nicht sehr mysteriös?«

»Irgendwie schon«, gab Lisa zu. »Einbrecher warten meist, bis die Bewohner in Urlaub sind.«

»Warum kam keine Polizei, wenn der Alarm ausgelöst wurde und was bedeutet kritische Zeit?«, wollte Enzo wissen.

»Die Polizei wird erst alarmiert, wenn eine gewisse Zeit überschritten ist, weil sonst zu viele Fehleinsätze zustande kommen würden, falls jemand versehentlich die Tür öffnet und den Alarm vergisst«, äußerte Ingo.

»Bei den Einbrechern handelt es sich eindeutig um Profis«, bemerkte Georg.

»Ich schlage vor, wir gehen in die Stadt und schauen uns die fünf Häuser einmal genauer an«, sagte Ingo.

Lisa grinste abenteuerlustig. »Gibt das einen neuen Fall für das IGEL-Team?«

»Wer weiß?«, antwortete Georg scheinheilig.

»Ich bin dabei. Aber nur, wenn wir genug Proviant mitnehmen«, freute sich Enzo.

»Heute können wir nichts mehr zum Essen mitnehmen«, wies Lisa hin. »Mama hat mich gerade daran erinnert, dass wir um 18 Uhr zum Abendessen zu Hause sein sollen.«

»Ich habe ein paar Müsliriegel, falls du uns umkippst, Enzo«, scherzte Ingo.

»Wenn das so ist, lasst uns gehen«, drängte Enzo.

 

***

 

Die Kinder marschierten durch die Stadt und suchten das Haus auf, wo der letzte Einbruch stattfand. Sie kamen in ein ruhiges Wohngebiet, die Stadt schien in dieser Gegend wie ausgestorben. Die Sonne stand bereits nahe am Horizont und warf ein kräftig gelbes Licht und lange Schatten. Eine Dame, die in einem Vorgarten Unkraut zupfte, beobachtete die Kinder, als sie vorbeiliefen. Ab und zu bewegte sich hinter einem Fenster eine Gardine.

Bei Enzo stellten sich die Nackenhaare auf. »Ich habe das Gefühl, wir werden von allen Seiten beobachtet.«

»Ja. Ich komme mir vor, wie auf einem anderen Stern?!«, scherzte Georg. Sein Blick glitt über die gepflegten Wohnanlagen und die schön angelegten Vorgärten mit bunt blühenden Sträuchern.

»Es ist ein anderer Stern. Hier wohnen nur Leute mit Geld«, pflichtete Lisa albernd bei.

»Hier wohnen Rechtsanwälte, der Bürgermeister und einige unserer Lehrer«, erinnerte Enzo seine Freunde.

»Und genau aus diesem Grund haben es die Einbrecher auf diese Gegend abgesehen«, stellte Ingo klar.

»Trotzdem ist die Vorgehensweise und die Schnelligkeit der Täter kurios«, erwiderte Lisa.

»Ja, wo doch die Bewohner erst einige Minuten aus dem Haus sind«, fügte Ingo hinzu.

Georg blieb stehen und betrachtete das Haus, in dem zuletzt eingebrochen wurde. »Das heißt: Höchstwahrscheinlich beobachteten die Einbrecher ihre Opfer, bevor sie zur Tat schritten.«

Ingo ließ seinen Blick umherschweifen. »Fragt sich nur, wie sie das unbemerkt tun konnten.«

»Ja«, stimmte Lisa zu. »Wo doch die Leute hier so neugierig sind. Wir sind bestimmt schon von 10 Menschen gesehen worden, seit wir in dieser Straße unterwegs sind.«

Die Kinder standen am weißen, hüfthohen Bretterzaun des Vorgartens und schauten neugierig den Bungalow an.

Völlig unerwartet kam eine Frau, etwa Mitte 40, aus dem Haus. »Kann ich euch helfen, Kinder?«

»Wir.. äh …«, stotterte Ingo und ließ seinen Blick suchend über das Grundstück wandern. »Wir bewunderten Ihre schöne Dekoration an der Haustür«, fiel ihm nichts Besseres ein.